Dienstag , 26 Juli 2016
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Ägypten – Nichts hat sich seit dem Umsturz verbessert

kairo_cafeDer Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak brachte weltweit Jubel mit sich. Der „Wille des Volkes“ hatte gesiegt. Der „Tyrann“ war entmachtet. Die letzten Bilder, an die wir uns erinnern, zeigten restlos begeisterte Menschenmassen. Damit schien das Kapitel abgeschlossen. Doch was passierte in Ägypten danach? Sind die Menschen jetzt wirklich zufrieden? Haben sie Grund zur Zufriedenheit? Die jüngsten Berichte aus Kairo verweisen eher auf das Gegenteil. Rückgänge ausländischer Investitionen ebenso wie gravierende Umsatzeinbußen in der Tourismusbranche haben die wirtschaftliche Not noch weiter verschlechtert. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einer neuen Revolution.

Geschichtlich betrachtet, haben Volksaufstände noch nie zu einer Verbesserung geführt. Das Paradebeispiel, die Französische Revolution, mündete in der Schreckensherrschaft von Robespierre. Als später Napoleon Bonaparte die wirtschaftliche Situation der Franzosen tatsächlich spürbar verbesserte, wurde er zum Feindbild Europas. Und wohin die Revolte gegen den russischen Zarismus letztendlich führte, ist  vielen sogar aus eigener Erfahrung bekannt.

In Frankreich war es der Ruf nach „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“. In Russland ließen sich die Massen durch die Versprechungen des kommunistischen Systems blenden. Und in Ägypten? Heute heißt die Forderung eben Demokratie: Jene Demokratie, die Griechenland in die gegebene Situation brachte. Spanien, Irland, Portugal, Italien. Und mehr noch die Vereinigten Staaten – und dann noch eine ganze Menge anderer Länder. Unbezahlbare Staatsschulden, sinkende Einkommen, wachsende Steuerlast.

Abgesehen davon, dass es mit der tatsächlichen Einführung einer Demokratie in Ägypten noch einige Monate dauern wird, schließlich steht das Land unter der Kontrolle einer vorübergehenden Militärregierung, haben sich die Erwartungen des revoltierenden Volkes erfüllt? Bis jetzt, nicht im geringsten.

Ein kürzlich bei der New York Times erschienener Artikel wartet mit einigen Fakten auf.  Ausländische Unterstützungen in Milliardenhöhe gleichen den Rückgang der Investitionsbereitschaft keineswegs aus. Etwa zehn Prozent der ägyptischen Wirtschaft hängt vom Tourismus ab, der einen 40-prozentigen Rückgang verzeichnet. Das Ergebnis ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Lohnerhöhungen in einzelnen Betrieben lagen weit unter den Erwartungen, um nicht zu sagen, unter den Bedürfnissen. Durch Streiks unterstützte Lohnforderungen schaffen weitere Probleme. Wie Ahmed Galal, ein prominenter ägyptischer Wirtschaftswissenschaftler, erklärte, versprach die Militärregierung kurz nach der Machtergreifung, 450.000 vorübergehende Jobs im öffentlichen Dienst zu schaffen. Innerhalb kürzester Zeit trafen nicht weniger als sieben Millionen Bewerbungen ein. Laut CIA-World-Factbook gelten nur 26 der 82 Millionen Einwohner als verfügbare Arbeitskräfte. (Die meisten Frauen dürfen sich in Ägypten noch um die Familie kümmern.) Das bedeutet, dass mehr als ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung auf einen dieser Jobs hofft.

Mit Sicherheit trägt die Importabhängigkeit Ägyptens zu dieser schwierigen Wirtschaftslage bei. Im Jahr 2010 standen Exporten von 25,34 Milliarden Dollar Importe von 46,52 Milliarden gegenüber. Eine Situation, die schmerzhafte Probleme, insbesondere in Form von unbezahlbarer Überschuldung, mit sich bringen muss.

Die katastrophale wirtschaftliche Situation Ägyptens betrachtend, ist es natürlich die Regierung, unter der diese Entwicklung ihren Lauf genommen hat, die letztendlich zur Rechenschaft gezogen werden muss. Doch wohin führt es, diese Regierung zu stürzen, ohne gleichzeitig über ein überzeugendes Programm für einschneidende Verbesserungen zu verfügen? Gewiss, in diesem Sinne ein durchführbares Konzept zu erstellen, in einem restlos überbevölkerten Land, das insbesondere von Nahrungsmittelimporten abhängig ist, dabei handelt es sich um kein einfaches Unterfangen. Doch, eine unhaltbare Situation durch ein Chaos zu ersetzten, kann kaum zu Verbesserungen führen. Dabei handelt es sich um den sprichwörtlichen Schritt von „Regen in die Traufe“.

Die meisten der etablierten Medien haben das Thema Ägypten nach der erfolgreichen Revolution sehr rasch beiseite geschoben. Die Frage, ob es dem Volk nun auch wirklich besser geht, scheint nicht auf sonderlich großes Interesse zu stoßen. Die derzeitige Lage in Ägypten als schmerzhaften Übergang von Diktatur zu Demokratie zu beurteilen, grenzt leider an oberflächliche Beschönigung. Aber zumindest lernen wir daraus, dass es sich beim Sturz bestehender Regierungen noch lange nicht um die Lösung der Probleme handelt. Vielleicht sollten die Aufständischen in benachbarten Regionen diesem Umstand etwas mehr Aufmerksamkeit schenken.

Über Konrad Hausener

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