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Sehr geehrte(r) zukünftige(r) Bundespräsident(in)!

standarte bundespraesidentZunächst einmal möchte ich Ihnen zu Ihrer Wahl gratulieren. Womöglich sind Sie nicht gerade eine/r meiner Wunschkandidaten, aber bei der momentanen Auswahl wird das ehrlich gesagt auch recht schwer, meine Zuneigung von der ersten Sekunde an auf ihrer Seite zu haben. Aber das ist ja auch nicht wirklich entscheidend. Die meisten ihrer Vorgänger wurden in der Regel erst einmal mit Skepsis im Amt begrüßt und stellten sich erst im Laufe ihrer Amtszeit als wahre Überraschungen oder doch zumindest passable Amtsinhaber heraus. 

Auch ihr direkter Vorgänger, der Herr Köhler, hatte sich zum Beispiel als deutlich unbequemer für die politische Elite herausgestellt, als sich das vielleicht so mancher derer am Anfang erhofft hat - und andere befürchtet haben. Viel hab ich davon gelesen, dass der Bundespräsident doch eigentlich nur eine Marionette sei, eine fatale völlig falsche Einschätzung, die auch die meisten Bundespräsidenten nicht erfüllt haben. Marionetten waren es in den letzten Jahren nun wirklich nicht. Vielleicht nicht immer so unbequem, wie sie hätten sein können, aber dem Amt sind ja nun auch einmal Grenzen gesetzt.

Das politische Tagesgeschäft ist nicht das Hoheitsgebiet dieses Amtes, es ist nicht – wie in vielen anderen Ländern – von imposanter Machtfülle gekennzeichnet oder gar Teil der Regierung.  Andererseits wissen Sie wahrscheinlich auch so gut wie ich - ich nehme ja mal an, dass man weiß, was für ein Amt man da innewohnt -, dass gänzlich machtlos ein Bundespräsident nun auch nicht ist. Neben vielen machtvollen Aufgaben, wie Gesetze prüfen und unterschreiben, der/die/das Kanzler entlassen oder ernennen, sind Sie immerhin auch so etwas wie die stille Reservemacht des Landes, ein Großteil ihrer politischen Macht entfaltet sich eigentlich nur in richtig fiesen Krisenzeiten. Davon haben wir – toi toi toi – seit Anbeginn der Bundesrepublik noch keine nennenswerten gehabt, jedenfalls keine, die den Bundespräsidenten und seine Funktionen betroffen hätten.

Nicht, dass nicht manche Entscheidungen nicht auch mal schwer gewesen wären oder es nicht auch mal Krisen gab. Aber so ganz musste das Amt ja nie ausgereizt werden, wenngleich die Grenzen der Wohlfühlzonen des Bundespräsidenten sich deutlich erweitert haben, ins Politische hinein. Sehr geehrter Herr neuer Bundespräsident oder Frau Bundespräsidentin:  Versuchen Sie nicht diese Grenzen noch allzu sehr zu erweitern. In unserem Land streiten sich schon so viele politische Institutionen miteinander und nehmen sich gegenseitig Aufgaben und Kompetenzen weg, dass es keinen weiteren Vorteil bringen würde.

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Neben den vielen Feiern, Empfängen und Partys, die Sie feiern werden, neben den Gesetzen, die sie sorgfältig prüfen sollten, gibt es aber eine wichtige Aufgabe, die immer ein klein wenig belächelt wird: den Mund aufmachen. Ich bin nicht sicher, warum dass ausgerechnet in einem Land belächelt wird, in dem viele, die nichts zu sagen haben, zu oft den Mund aufreißen und viele, die etwas sagen könnten, es gerade nicht tun. Den Mund aufmachen, auf Missstände hinweisen und vor allem: Fragen stellen, das sind wichtige Aufgaben. Sie sind der oberste Mundaufmacher! Sie sind es deshalb, weil Sie stets im Fokus der Presse sind, weil jedes Wort, was Sie sagen, potenziell für wichtig genommen wird und daher auch aufgezeichnet wird. Sie können von einem Tag auf den anderen mit einer gut gezielten Rede oder Aussage bestimmen, worüber Deutschland - ganz Deutschland - am nächsten Tag diskutiert. Das ist Macht, das ist eine sehr große, von den Bürgern unterschätzte und von Politikern gehasste  Macht.

Gegenüber den politischen Parteien sind Sie von Amts wegen zur Neutralität verpflichtet. Aber Sie sind der Bundespräsident des gesamten deutschen Volkes. Sie sprechen für uns und noch öfter mit uns. Sie repräsentieren uns alle. Da ist es gut, wenn der Bundespräsident nicht auf jede durchs Dorf getriebene Sau aufspringt und ebenso gut, dass sie der Kanzlerin das politische Tagesgeschäft überlassen und sich auf Ihren Job konzentrieren. Aber dieses Land befindet sich in der Krise und braucht Sie. Je schneller sich die Erdkugel zu drehen scheint, umso beängstigender erscheint das Leben für uns zu werden. Wir wollen frei sein, und doch macht uns die Grenzenlosigkeit manchen Handelns Angst. Eine Krise scheint die nächste zu jagen, ein Unglück das nächste, eine Gefahr die nächste. Und wir verlieren manchmal aus dem Blick was wirklich wichtig ist, weil man uns und unseren Kindern eintrichtert und einbläut, dass man egoistisch und erfolgreich sein muss. Dass wir gefressen werden, wenn wir nicht ständig bereit sind uns zu wehren. Wir sind getrieben und wissen eigentlich gar nicht wohin.

Ich weiß, sehr geehrter Herr neuer Bundespräsident oder Frau neue Bundespräsidentin, Sie können auch nicht alles anders werden lassen. Aber ab und an, können Sie uns an die wichtigen Dinge erinnern. Sie können verbale Stopzeichen setzen und sich mit uns und für uns solidarisieren. Sie können jene ansprechen, die wir nicht persönlich ansprechen können. Sie können für uns und mit uns sprechen. Sie können vorangehen und uns manchmal zum Innehalten bringen. Sie können das alles tun, wenn sie Talent dafür haben, Mut und vor allem auch den Wunsch danach.

Und vielleicht ergeht es Ihnen gelegentlich wie Ihrem Vorgänger, dass manche Leute Ihnen persönlich oder Ihrem Amt nicht genug Respekt entgegenbringen. Bitte denken Sie aber daran, dass das mehr über die Respektlosen aussagt, als über Sie.  Es ist nicht wichtig, ob einzelne Politiker Sie mit Dreck bewerfen wollen, denn wer mit Dreck wirft, behält selbst auch immer schmutzige Hände. Wenn Sie ehrlich und aufrichtig zum Wohle uns aller versuchen zu handeln, kann kein Schmutz an Ihnen dauerhaft hängen bleiben. Und an dem Amt auch nicht. Aber bitte haben Sie auch keine Angst, Fehler zu begehen. Davon machen andere schließlich auch genug, und wir jagen sie nicht vom Hof. Wir wissen, dass das höchste Amt in Deutschland immer noch von einem Menschen bekleidet wird. Und Menschen dürfen sich auch mal irren, sie machen Fehler und sind nicht perfekt. Da ist in Ordnung, solange Sie dazu stehen werden, wenn es passiert.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß mit den unzähligen Empfängen und Feiern, Freude wenn Sie jenen, die für unser Land drinnen und draußen einstehen, Orden verleihen und natürlich eine große Klappe. Bleiben Sie sauber! Und vergessen Sie nicht, für wen Sie arbeiten: für uns alle!

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