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Jugoslawienkrieg für Gauck nicht existent

joachim gauckDass Politiker stets bestrebt sind, die Welt etwas anders darzustellen, als sie ist, das ist jetzt nichts Neues. Sie kreieren Scheinbilder, lügen, verzerren oder ignorieren Tatsachen. So weit, so bekannt. Dass aber der deutsche Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache von 60-jährigem Frieden in Europa spricht, das grenzt an … sagen wir: Einfältigkeit, um es wohlwollend auszudrücken.

Zunächst erzählte der Präsident vom Kind in der Grippe und Botschaften (damit muss er sich als Theologe ja auskennen). Er bediente sich des schönen Zitats „Fürchtet Euch nicht“ und sprach vom „Frieden auf Erden“, um dann von seiner kürzlich absolvierten Afghanistan-Reise zu berichten, wo ihn die Leistungen der deutschen Soldaten beeindruckten, um genau damit den Schwenk zur Realität zu machen, die von so viel Unfrieden und so viel Krieg (was an sich das gleiche ist) geprägt ist.

„Eine solche Reise“, sagte Gauck, „führt dem Besucher vor Augen, wie kostbar der Frieden ist, der seit über 60 Jahren in Europa herrscht. Gesichert hat ihn die europäische Idee.“

Hallooo, Herr Gauck?

Haben Sie ein Traummännlein als Redenschreiber engagiert und die Rede vor dem Vortragen nicht durchgelesen? Da war doch etwas, im Jugoslawien der 90er-Jahre?! Genau: der Jugoslawienkrieg! Der spielte sich in Slowenien (ok, dauerte nur zehn Tage, aber Krieg ist Krieg), Kroatien (1991 – 1995), Bosnien (1992 – 1995) und im Kosovo (1999) ab. Jetzt mögen keine dieser Staaten an Deutschland (möglicherweise für Sie oder Ihren Redenschreiber der Nabel der Welt) grenzen, aber dennoch, sie liegen in Europa!

Nicht unbedingt in der EU, aber noch ist Europa ein Kontinent, auf dem auch Nicht-EU-Mitglieder existieren. Und auch wenn man mit Slowenien, Bosnien, Kroatien und dem Kosovo vielleicht nicht die Weltherrschaft an sich reißen kann, wie es mit den Franzosen angedacht scheint, so haben sie es dennoch nicht verdient, dass man ihren Krieg, in dem Hunderttausende Menschen dahin gemetzelt, gefoltert und vergewaltigt wurden, einfach unter den weihnachtlichen Tisch fallen lässt. Das gehört sich einfach nicht, Herr Gauck, und das sollten Sie wissen: als Theologe, als Bundespräsident UND vor allem als Mensch!

Europa ist also nicht seit über 60 Jahren ohne Krieg, sondern seit 13 Jahren! Ob ihnen das nun gefällt oder nicht, das ist so. Freilich haben die 60 Jahre eine imposantere Brücke für Ihre nächste Wortspende gebildet. Diese handelte vom Friedensnobelpreis für die EU, den sie – Ihres Erachtens – zu Recht erhalten hat. Und das ist der nächste Hohn. Die EU, und vor allem Deutschland, Herr Gauck, unterhält Milliarden schwere Panzer- und Waffendeals mit Nationen, die diese gegen ihre und andere Völker einsetzen.

In der EU, Herr Gauck, brechen Menschen unter den ihnen auferlegten Sparpaketen zusammen, hungern, frieren, demonstrieren für ihre Grundrechte und werden dafür von der Polizei verprügelt. Und dieser Staatenbund hat zu Recht den Friedensnobelpreis erhalten? Und Sie sagen „Fürchtet Euch nicht“. Ersteres ist eine Lüge, Zweiteres eine Verhöhnung. Wenn Sie sich schon nicht an den Jugoslawienkrieg erinnern, dann vielleicht an Ihr Theologiestudium. Dort haben Sie sicher gelernt, dass Gott alles weiß und alles sieht … In diesem Sinne: Fürchten Sie sich nicht!

Freundlichst

Kim Kovalsky

 

Die Ansprache im Wortlaut finden Sie hier: http://www.sueddeutsche.de

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