Mittwoch , 27 Juli 2016
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Syrien-Türkei: Wer feuerte die Granate?

turkish soldiers nato exerciseNoch ist kein Krieg zwischen Syrien und der Türkei ausgebrochen. Doch zweifelsfrei wurde durch den Einschlag einer Granate auf türkischem Gebiet, von Syrien aus abgeschossen, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen, die Spannung zwischen den beiden Staaten verstärkt. Eine klare Stellungnahme Syriens liegt noch nicht vor. Syriens Verbündeter Russland drängt, die Verantwortung für das „unglückliche Missgeschick“ zu übernehmen und eine Entschuldigung auszusprechen. Aus welchen Gründen jedoch sollten syrische Militärs, die seit Monaten in einen Bürgerkrieg verwickelt sind, gerade jenen Nachbarstaat durch einen Granatenangriff provozieren, der offen die Rebellen unterstützt?

Es handelt sich um ein tragisches Ereignis. Am Mittwoch schlug eine von Syrien abgefeuerte Granate auf türkischem Gebiet ein. Eine Frau und vier Kinder wurden getötet, zumindest 13 (die Angaben reichen bis 18) weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Türkei antwortete umgehend mit dem Beschuss ausgewählter Ziele in Syrien, wobei Berichten zufolge mehrere syrische Soldaten getötet wurden.

Wenn von einem bestimmten Land aus Angriffe auf einen benachbarten Staat durchgeführt werden, so trägt die Regierung dieses Landes letztendlich immer die Verantwortung. Falls der eigentliche Abschuss der Granate in Richtung Türkei von Aufständischen oder Terroristen ausgeführt wurde, so zeigt dies, dass die syrische Regierung die Kontrolle über das Land verloren hat. Als im Jahr 2006 Hisbollah-Kämpfer von libanesischem Staatsgebiet aus Angriffe auf Israel durchführten, marschierten umgehend israelische Truppen im Libanon ein.

Von der Möglichkeit eines irrtümlich in die falsche Richtung abgefeuerten Schusses abgesehen, aus welchem Grunde sollten offizielle syrische Militärs einen bewaffneten Konflikt mit der Türkei provozieren? Nachdem die westliche Welt unverblümt die regierungsfeindlichen Kämpfer in Syrien unterstützt, ist die Armee vollends mit den Unruhen im eigenen Land beschäftigt. Die Türkei auf diesem Wege für die Unterstützung der Regierungsgegner, die in Syrien Terroristen genannt werden, zu „bestrafen“, ergäbe wenig Sinn. Denn dieser Vorfall könnte schließlich zum Anlass werden, eine massive Offensive gegen den Staat Syrien in die Wege zu leiten.

Eine offizielle Stellungsnahme Syriens liegt bis jetzt noch nicht vor. Es wurde lediglich verlautet, dass eine Untersuchung eingeleitet worden sei. Von russischer Seite aus wurde Syrien jedoch gedrängt, sich für den Vorfall zu entschuldigen. Sollte die syrische Regierung – ohne entsprechender Untersuchung – behaupten, die tödliche Granate sei von Terroristen abgefeuert worden, um einen türkischen Angriff zu provozieren, könnte dies von der Weltöffentlichkeit als „billige Ausrede“ eingestuft werden.

Setzten wir uns jedoch mit der Frage auseinander, wem eine derartige Provokation der Türkei am ehesten dienen könnte, so führen die Überlegungen sehr rasch in Richtung der Aufständischen. Zwar werden diese auch schon jetzt auf mehreren Ebenen durch westliche und einige arabische Staaten unterstützt, doch sind sie noch lange nicht in der Lage, einen Bürgerkrieg gegen die syrische Armee zu gewinnen. Vermutlich verdanken sie es lediglich der internationalen Aufmerksamkeit, dass ihre Revolte nicht mit härteren Mitteln bereits niedergeschlagen wurde.

Gelänge es den Gegnern der Assad-Regierung, die Türkei und womöglich noch andere NATO-Staaten in den Konflikt zu verwickeln, würde die Chance auf einen Erfolg dadurch drastisch ansteigen.

Bei einer sofort einberufenen Krisensitzung der NATO-Vertreter zeigte sich, dass eine Unterstützung der Türkei im Falle einer Eskalationen der Spannungen zumindest vorläufig noch nicht vorgesehen ist. Den Verdacht auszusprechen, dass die türkische Führung zusammen mit in Syrien aktiven Terroristen bewusst einen „Angriff unter falscher Flagge“ in die Wege geleitet haben könnte, fällt zweifellos in den Bereich der Spekulation. Trotzdem lässt sich diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen. Weitere Überlegungen schließen ein, dass es sich bei dem Abschuss der Granate (und es soll nicht die erste gewesen sein) um eine nicht gesteuerte Aktion syrischer Regierungsgegner gehandelt haben könnte, um die Türkei in den Konflikt einzubinden. Die Annahme, dass dieser grenzüberschreitende Angriff auf Befehl Assads oder seiner Vertrauten durchgeführten worden wäre, widerstrebt so sehr jeglicher Logik, dass diese als die unwahrscheinlichste der genannten Möglichkeiten eingestuft werden kann.

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