Sonntag , 19 November 2017
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Die Wahrheit zeitgerecht erkennen

reichstagsgebaeude vogelperspektiveBeim 27. Februar handelt es sich um einen durchaus unerfreulichen Jahrestag. In dieser Nacht brannte im Jahr 1933 der Reichstag. Zwar gilt es bis heute als offiziell ungeklärt, aus welchem Lager die tatsächlichen Brandstifter stammten, doch spricht vieles dafür, es waren die Nazis selbst. Mit diesem tragischen Vorfall wurde der Beginn einer Großkampagne gegen „kommunistische Terroristen“ eingeleitet. Schritt um Schritt wurden noch im selben Jahr alle politischen Gegner ausgeschaltet. Doch wie vielen – oder besser gesagt: wie wenigen – Deutschen war damals bewusst, um was für eine katastrophale politische Entwicklung es sich dabei handelte? Die Reichstagswahlen vom November 1933 zeigen ein mehr als nur schockierendes Ergebnis.

Es geht in diesem Artikel keineswegs darum, die Verbrechen der Nazis neu aufzurollen. Dies wird an so vielen anderen Stellen ohnehin regelmäßig getan. Doch eine ganz bestimmte Frage steht insbesondere seit September 2001 aufs neue im Vordergrund: Waren es wirklich die Kommunisten, die den Reichstag in Brand setzten? Oder waren es die Nazis selbst, um durch diesen schockierenden Terroranschlag der Öffentlichkeit gegenüber Rechtfertigungen zu finden, die politische Opposition mit brutalen Mitteln zu zerschlagen?

Laut Wikipedia gibt es drei Theorien zur Täterschaft. Nicht ausgeschlossen wird dabei die Möglichkeit, dass tatsächlich Kommunisten hinter dem Anschlag steckten. Zweifellos wurden bei den folgenden Schauprozessen Unmengen von Indizien vorgebracht. Bei den meisten davon ist es allerdings offensichtlich, dass sie von den Nazis fabriziert wurden. Auch steckt wenig Logik hinter der Idee, dass Gegner einer politischen Bewegung, die sich bereits in vielen Fällen als überaus rücksichtslos erwiesen hatte, dieser einen medienwirksamen Anlass verschafften, ihre Gegnerschaft „zum Schutz der nationalen Sicherheit“ auszuschalten.

Als zweite Möglichkeit wird angeführt: „Schon im Anschluss des Reichstagsbrandes wurde vermutet, dass die Nationalsozialisten selbst das Feuer gelegt hätten, um einen Vorwand für die Verfolgung politischer Gegner und die anschließende „Gleichschaltung“ des deutschen Staatswesens zu besitzen. Mitglieder der regierenden NSDAP – allen voran Reichstagspräsident Göring – hätten zumal am ehesten die Möglichkeit dazu gehabt.

Als dritte und letzte Möglichkeit findet eine Alleintäterschaft von Marinus von der Lubbe Erwähnung, jener linksorientierte niederländische Arbeiter, der am Tatort festgenommen, später wegen „Hochverrats“ verurteilt und am 10. Januar 1934 in Leipzig hingerichtet wurde.

Gegen Ende des Jahres 1934 erschien in Frankreich das sogenannte „Weißbuch“ in deutscher Sprache, in dem viele der Opfer der nationalsozialistischen Mordanschläge vom Juni/Juli 1934, bekannt als „Nacht der langen Messer“, angeführt werden. Bei einem der Opfer handelt es sich um SA-Gruppenführer Karl Ernst. Dieser bezeichnete sich selbst als für den Reichstagsbrand verantwortlich. Dem genannten Buch entsprechend, hätte er ein Bekennerschreiben bei Freunden im Ausland deponiert. Es beginnt mit folgenden Worten:

„Ich, Endesunterzeichnender Karl Ernst, SA-Gruppenführer Berlin-Brandenburg, Preussischer Staatsrat, geboren 1. 9. 1904 Berlin-Wilmersdorf, gebe hiermit eine Darstellung des Reichstagsbrandes, an dem ich beteiligt war. Ich tue dies auf Anraten meiner Freunde, weil Nachrichten darüber vorliegen, dass Göring und Goebbels einen Schurkenstreich gegen mich planen. Wenn ich verhaftet werde, sind Göring und Goebbels umgehend zu verständigen, dass dieses Dokument sich im Ausland befindet. .. Ich erkläre, dass ich am 27. Februar 1933 gemeinsam mit meinen beiden in der Beilage bezeichneten Unterführern den deutschen Reichstag in Brand gesetzt habe. Wir haben diese Tat vollbracht in der Ueberzeugung, dem Führer und der Bewegung dienstbar zu sein.“

Über mehr als fünf Seiten erklärt Karl Ernst alle Einzelheiten. Der letzte Teil des Schreibens mitsamt Ernsts Unterschrift ist im Buch in Originalschrift abgedruckt. Als Datum scheint der 3. Juni 1934 auf. Am 30. Juni wurde er verhaftet und von einem SS-Kommando in Berlin erschossen.

ernst reichstagsbrand bekenntnis

reichstagsbrandObwohl dieses Bekennerschreiben im Wikipedia-Artikel über Karl Ernst als Fälschung bezeichnet wird, finden sich doch mehrere Anhaltspunkte, die darauf verweisen, dass es sich bei ihm tatsächlich um den Drahtzieher des Brandanschlages auf den Reichtag gehandelt haben müsste. „So erklärte z.B. Hans Bernd Gisevius, dass sein ehemaliger Vorgesetzter Arthur Nebe, der Chef der Kriminalpolizei, ihm gegenüber geäußert hätte, dass er bei seinen Nachforschungen zu dem Fall festgestellt habe, dass Ernst den Brand organisiert habe.“ Zeitgenossen behaupteten, bei einem SA-Fest 1933 soll Ernst vor Zeugen von sich gegeben haben: „Wenn ich sage, ich habe den Brand gelegt, dann bin ich ein verdammter Trottel, wenn ich nein sage, bin ich ein verdammter Lügner.“ Und Hermann Göring soll während des Nürnberger Prozesses erklärt haben: „Ja, an diesen Mann dachte ich, wenn überhaupt eine andere Hand [außer van der Lubbe] im Spiel war. Was Ernst betrifft, glaube ich, dass alles möglich ist.“

Insbesondere von Menschen, die von Anfang an erkannt hatten, zu welchen Verbrechen das Nazi-Regime fähig war, wurde schon während der Schauprozesse gegen eine Auswahl „kommunistischer Terroristen“ vermutet, dass dieser Anschlag von regierungsnahen Kreisen inszeniert worden war. Ungeachtet drohender Repressalien bei Bekanntwerden derartiger Äußerungen, dürfen wir heute glauben, dass solche Meinungen von einer nennenswerten Zahl der Zeitgenossen geteilt wurden? Mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil. Trotz einer Menge durchaus zweifelhafter Aktionen, trotz des Verbots oppositioneller Parteien, trotz Millionen verkaufter Exemplare von Hitlers „Mein Kampf“, ein Buch, das seine Einstellungen und politischen Ziele offen darlegt, war es eine überwältigende Mehrheit, die sich bei den Reichstagswahlen im November 1933 für Hitler aussprach. Auch in Anbetracht der massiven einseitigen Propaganda, ist das Ergebnis mehr als nur schockierend:

Die Wahlbeteiligung war mit 95,2% ausnehmend hoch. 92,1% der Wähler stimmten für die vorgeschlagene Einheitsliste und sogar 95,1% für einen Austritt aus dem Völkerbund.

Die Frage die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt wäre, was muss alles geschehen, um dem Volk eines Landes vor Augen zu führen, in welche Richtung Entwicklungen deuten? Spannen wir den Bogen zur Neuzeit, so droht weder eine rechtsradikale Diktatur noch staatliche Verordnungen zur Erhaltung traditioneller Werte oder die Verfolgung ethnischer Minderheiten. Doch handelt es sich bei den genannten Punkten um die einzigen Gefahren für eine Gesellschaft? Sind Kriege, die aus wirtschaftlichen Gründen angezettelt werden, weniger gefährlich als Kriege, die politischen Zielen dienen? Wird ein Überwachungsstaat wünschenswerter, nur weil es ein Mehrparteiensystem gibt? Sind Medienkampagnen deswegen objektiver, weil sie von wirtschaftlichen, anstatt von rechtspolitischen Kreisen gesteuert werden? Was muss alles geschehen, um es den Bürgern eines Landes begreiflich zu machen, wenn sich eine gegebene Entwicklung in die falsche Richtung bewegt?

Wir wissen, wie es im Dritten Reich weiter gegangen ist. 1934 stellte das Nazi-Regime durch den rund 200-fachen Mord in den eigenen Reihen unter Beweis, dass es vor rein gar nichts zurückschreckt. Und trotzdem wurde Leni Riefenstahls Propaganda-Film „Triumph des Willens“ mit mehreren Preisen, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch aus den Vereinigten Staaten, Frankreich, Schweden und anderen Ländern ausgezeichnet.

Für absolut niemanden war Hitlers Gesinnung, Hitlers Hass gegen Juden, gegen Zigeuner und gegen Homosexuelle, seine Einstellung gegen die slawischen Völker und seine Pläne zur Schaffung von „Lebensraum“ ein Geheimnis. Doch was bewegte im Jahr 1936 die Gemüter der Massen? Die Olympischen Spiele in Berlin.

Und noch einmal möchte ich daran erinnern, dass nicht alle Gefahren, die einer Gesellschaft, vielleicht sogar einer ganzen Zivilisation, drohen, ausschließlich aus dem politisch rechten Lager kommen. Die Feldzüge gegen Afghanistan und den Irak haben absolut nichts mit rechtsgerichteter Politik zu tun. Auch nicht die Drohungen gegen den Iran. Auch nicht die Handhabung der Euro-Krise, die ausschließlich die Interessen des Finanzsektors berücksichtigt. Auch Schuldsklaverei ist eine Form der Unterdrückung.

Ich möchte den Leser eindringlich davor warnen, diese Überlegungen durch den Gedanken, dass sich all dies „doch nicht vergleichen ließe“ zurückzuweisen. Die Motive, die hinter der Entwicklung totalitärer Systeme stecken, mögen grundverschiedene sein. Was jedoch für den Bürger zählt, sind Respekt und Menschenwürde. Und ungeachtet, ob mir diese aus politischen oder aus wirtschaftlichen Gründen genommen wird, ich wehre mich dagegen. Und ich hoffe, dass es mehr Menschen erkennen, worauf wir uns zubewegen. Denn schon bald könnte es tatsächlich zu spät sein.

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