Samstag , 16 Dezember 2017
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Viel Lärm um kleine Fische

sardinsDas Aufdecken so mancher Inkorrektheiten, die sich Politiker zuschulden kommen lassen, stärkt den Glauben an die Demokratie, an Transparenz und Offenheit. Es erinnert an das wachsame Auge der Medien. Eine halbe Million Euro borgt man sich schließlich nicht so ohne weiteres von Freunden aus. Wenn so ein privates Darlehen verschwiegen wird, und noch dazu von einem mittlerweile Bundespräsidenten, dann lässt sich viel darüber berichten. Allerdings, wohin regelmäßig die wirklich vielen Milliarden versickern, das entgeht auch den Kontrollinstanzen.

Der ehemalige französische Staatspräsident Jacques Chirac wurde zu zwei Jahren bedingter Haft verurteilt, weil er Freunde und Wahlhelfer in seiner Zeit als Bürgermeister aus der Gemeindekasse bezahlt haben soll. Harmlos wirken dagegen die Vorwürfe, die sich gegen Bundespräsident Christian Wulff richten. Schließlich hat er sich die halbe Million ja nur ausgeborgt.

Man braucht jedoch bei Google nur das Stichwort „Korruption“ eingeben, und der Geschichten tauchen viele auf. In Wuppertal ging man der Korrektheit von bezahlten Rechnungen über 35.000 Euro nach. Bei der Berliner Stadtreinigung werden Unregelmäßigkeiten vermutet. Andere lassen sich als Entschädigung für was auch immer auf die Bärenjagd einladen. Österreich gilt als Eldorado der Korruption. Und italienische Fußballspieler nehmen Bestechungsgelder aus China.

Früher oder später kommt ja doch alles ans Tageslicht. So scheint es zumindest. Der Bürger Groll, die für zwei oder drei tausend Euro ein Monat lang hart arbeiten, ist gesichert, wenn’s um fünf- oder gar sechsstellige Beträge geht.

Wir sehen es ja auch am Beispiel Griechenlands. Eine kleine Gefälligkeit hier, eine nicht deklarierte Rechnung dort. Und wenn alle so denken, oder sehr viele, dann sieht man ja, wohin das führt. Ein ganzer Staat kann pleite gehen.

Ich will das Aufdecken von Korruptionsaffären keineswegs banalisieren. Ich finde es aber erstaunlich, wie viel Aufmerksamkeit Menschen solchen „Kleinigkeiten“ widmen. Ich höre im Geiste die Proteste gegen den Begriff „Kleinigkeit“, wenn Hunderttausende Euro im Spiel sind. Das soll eine Kleinigkeit sein?

Ja, es ist eine Kleinigkeit. Korruption in dieser Größenordnung wird dadurch zwar weder entschuld- noch tolerierbar, doch üben derartige Fälle weder negativen Einfluss auf das Familienbudget der Steuerzahler aus noch auf die Gesamtwirtschaft. Es handelt sich einfach um unwillkommene Vorkommnisse, die es zwar zu unterbinden gilt, die aber trotzdem nicht von den eigentlichen Problemen ablenken sollten.

Denn die wahren Finanzprobleme, unter denen unsere Gesellschaft leidet, entstehen durch Summen, an denen noch einige Nullen mehr hängen. Zwei Billionen Staatsschulden, allein in Deutschland, beruhen nicht auf Korruption, sondern auf Misswirtschaft. Auch wenn wir diese Summe, zwei Billionen, oft genug gehört haben, so fehlt es den Meisten doch am Verständnis, um wie viel Geld es sich dabei handelt. Zählen wir 60 Herzschläge pro Minute, dann dauert es kaum 12 Tage, bis ein Herz eine Million Schläge hinter sich gebracht hat. Um eine Billion Mal zu schlagen, braucht es hingegen 32.000 Jahre.

Neben den öffentlichen, gibt es aber auch noch Unternehmens- und Privatschulden. Die Zinsen zahlt immer der Bürger. Als Steuerzahler, als Konsument oder als Kreditnehmer. Ein Teil dieser Zinseinnahmen geht natürlich wieder ans Volk zurück, in Form von Gehältern, Bauprojekten etc. Ein anderer Teil verschwindet in Finanzkanälen, vorwiegend in Zweckgesellschaften auf fernen Inseln. Auch wenn kein Gesetz gebrochen wird, so handelt es sich trotzdem um einen Skandal, welche Macht dem Finanzsektor überlassen wurde.

Wenn Geschäftsbanken, deren Aufgabe es wäre, die Geldgeschäfte für die Realwirtschaft abzuwickeln, sich auf internationale Spekulationsgeschäfte einlassen, und wenn diese schief gehen, Geld aus der Staatskasse beanspruchen. Dabei handelt es sich um einen Skandal.

Wenn ausländische Investoren durch Steuerbefreiung oder Subventionen aus öffentlichen Geldern dazu motiviert werden, in Deutschland Betriebe zu errichten und dadurch gleichzeitig heimischen Unternehmern schaden, dabei handelt es sich um einen Skandal.

Ja, natürlich solche Dinge laufen rechtlich völlig korrekt ab. Doch das sind die Probleme, die jedem Einzelnen wirklich viel Geld kosten. Und nicht die private Urlaubsreise eines Politikers mit dem Dienstwagen.

Doch um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die wirklich große Abzocke zu lenken, bräuchten wir entweder Medien, die sich dieser Aufklärungsarbeit annehmen oder eine Bürgerschaft, die sich eigenständig aufzuklären bereit ist. Von beidem sind wir leider meilenweit entfernt. Aber vielleicht ist das Verlangen nach Verständnis ansteckend. Wir müssen uns lediglich bemühen, so viele Menschen wie möglich zu infizieren. Sollte es nicht in jedermanns Interesse liegen, anstatt bloß ein „Homo“, ein „Homo sapiens“ zu sein?

 

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