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Eine Kiste voller Schmonz – aktuell wie zu besten Zeiten

antiquariatAus einer Laune heraus bestellte ich bei einem Buchversand eine Kiste mit Schmonz. Ich wusste nicht, was genau diese enthalten würde. Wie gesagt, es war mehr ein Spaß, da man sich über die Kategorie »Schmonz« unterhielt. Die Kiste kam dann heute hier an. Äußerlich weitaus größer als ich erwartete. Der nette Herr vom Versand hatte sich sichtlich Mühe gegeben. Der Inhalt der Kiste erfüllte in etwa meine Erwartung an Schmonz. Die Bücher, Platten, Video- und Audiokassetten hatten mindestens ein Jahrzehnt auf dem Rücken. Meist aber mehr.

Als ich mich daran machte und den Schmonz begutachtete, fiel mir nach einiger Zeit auf, dass etwas mit der Kiste ausgepackt wurde, was der Herr vom Buchversand bestimmt nicht einzupacken gedachte. Wie erwähnt, der Inhalt war alt. Und so schien es nur natürlich, dass sich in meinem Kopf mit jedem Teil auch Erinnerungen an diese vergangenen Zeiten regten. Der Schmonz hatte früher ja eine Aussage machen wollen. Auch Schmonz, egal wie alt, bedurfte für seine Existenz eines Grundes, eines Themas. Die Themen, die von dem Schmonz getroffen wurden, beabsichtigt oder nicht, waren es nun, die mir aus der Kiste entgegen sprangen.

Verwundert schüttelte ich den Kopf. Mit der Betrachtung der alten Gegenstände kam ich hin zu Themen, die dummerweise heute wieder aktuell sind. Ich bemerkte meinen Fehler sofort. Nicht wieder, sondern immer noch aktuell. Und es war egal welches Gebiet ich betrachtete. Waldsterben, Artensterben, Atomenergie, Hungersnot, Krieg, globale Erwärmung etc… Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Die Themen sind heute so aktuell wie zur der Zeit des hier vorliegenden Schmonzes. Hat sich etwas geändert?

Vielleicht. Eher nicht. Die Ausredenvielfalt der Politiker ist mit der Verschärfung der Konsequenzen gestiegen. Hatte man früher noch auf innenpolitische Reglements hingewiesen, so hat die Unfähigkeit heute globalen Charakter. Immerhin haben sie es geschafft, all diese Themen über die Zeit zu retten. Oder haben etwa irgendwelche Filteranlagen in Werken der Schwerindustrie dazu geführt, den CO2 Ausstoß so zu ändern, dass die Gesamtlage verbessert wurde? Was ändern Umweltzonen in Städten? Wo sind denn die drastischen Maßnahmen zur Verbesserung bekannter Missstände?

Totgeredet. Wichtige Themen werden an den runden Tisch gebracht. Wir wollen nun eine Entscheidung, brüsten sich die Fraktionen. Ach? Wollt ihr die wirklich? Warum sitzen dann immer Lobbyisten der Wirtschaft mit an den Tischen? Was haben die dort zu suchen, wenn die gewählten Volksvertreter zu bahnbrechenden Entscheidungen kommen wollen? Wir alle wissen was sie da machen. Verhindern. Eindämmen. Abwiegeln.

Ist das gelungen, tritt bestimmt ein Märtyrer vor die Kameras und bezichtigt jemand anderen der Blockade. Außerdem könne das Thema im Ganzen nur global mit allen Partnern gelöst werden. Und so beruft man sich auf Klimakonferenzen oder Gipfel der Industrienationen. Toll. Noch mehr Lobbyisten unter sich. Ergebnisse lassen weiterhin auf sich warten. Im Klartext bedeutet dies, egal wer hier Politik macht, er lässt sich auf das Spiel der Wirtschaft ein und erzählt seinen Wählern alten Schmonz. Es ist nichts neu. Alles schon gesehen.

Doch eines scheint bei aller Schmonzigkeit, die unsere Damen und Herren Politiker an den Tag legen, übersehen zu werden. Der Schmonz, den sie schön unter die Teppiche der Globalisierung und Wirtschaftsinteressen kehren, fängt an zu faulen. Es steigen, im wahrsten Sinne des Wortes, giftige Dämpfe an die Oberfläche. Sieht man nach Tschernobyl oder Japan, beachtet die Fleischskandale in Deutschland, das weltweite Bienensterben oder das Abschmelzen der Pole. Die Konsequenzen dieses Handels lassen sich nicht mehr verbergen und die Politik wird nervös. Übereilig ruft man Moratorium, damit der Schmonz weiter am Leben erhalten werden kann.

Fresst und glaubt euren Schmonz selber. Der Schmonz hier in der Kiste ist Zeitzeuge der Dekadenz von Politik und Wirtschaft. Und so schieben die Parteien ihre persönlichen Kisten mit Schmonz durch den Bundestag und passen lediglich ihre Verhaltensweise an geänderte äußere Umstände an. WikiLeaks, anyone?

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