Startseite » Politik » Kommentare » Die Aussetzung des Ausstiegs aus dem Ausstieg

Die Aussetzung des Ausstiegs aus dem Ausstieg

akw_neckarwestheimBundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Guido Westerwelle traten heute um 16 Uhr vor die versammelte Presse und verkündeten stolz, dass die Regierung ein Moratorium beschlossen hat, was die Anwendung des Gesetzes zur AKW-Laufzeit-Verlängerung für drei Monate aussetzen soll. All diejenigen, die es nicht live im Fernsehen verfolgen konnten werden heute sicherlich noch häufiger die Gelegenheit bekommen den Original-Wortlaut zu hören, neben den Ereignissen aus Japan dürfte das die Hauptmeldung in allen Nachrichtensendungen werden. Im Folgenden lesen sie die freie Übersetzung dessen, was zwischen den Zeilen gesagt wurde:

Liebe Wählerinnen und Wähler der Bundesländer in denen in Kürze eine Landtagswahl stattfindet!

Wie wir am Wochenende mit Schrecken feststellen mussten, ist Atomkraft offenbar doch nicht so harmlos, wie uns das während der Gespräche mit der Atom-Lobby im letzten Herbst erklärt wurde. Das bedauern wir sehr und um unsere lieben Parteifreunde in Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg und auch in Rheinland-Pfalz nicht vollkommen chancenlos in die anstehenden Wahlen laufen zu lassen, haben wir beschlossen, das Gesetz zur Verlängerung der Laufzeiten bei Atomkraftwerken vorübergehend – ich betone: vorübergehend – ruhen zu lassen. Dafür haben wir uns eine Zeit von drei Monaten gegeben, das sollte aus heutiger Sicht ausreichen um zumindest ein bisschen Gras über die Diskussion wachsen zu lassen.

Sehr bedauerlich ist es natürlich für die Damen und Herren von der Atom-Industrie, dass wir nicht umher können, zumindest kurzfristig, ein paar der alten Kernkraftwerke außer Betrieb zu setzen, sonst wäre so ein Moratorium ja vollkommen sinnlos. Wir haben lange darüber nachgedacht, wie das zu umgehen wäre, es führt jedoch kein Weg daran vorbei. Aber da es sich ja nur um drei Monate handelt, wird sich der wirtschaftliche Schaden in Grenzen halten, wir hoffen daher auf Verständnis aus den Chefetagen von EnBW, Eon, Vattenfall und RWE.

Sollte sich während der kommenden drei Monate der Wind doch so sehr drehen, dass wir die Aussetzung nicht mehr aussitzen können, dann sind wir immerhin noch an der Macht und haben beim Volk einen Stein im Brett. Ab und an muss man eben abwägen wer wichtiger ist, die Lobby oder das Volk. Beides unter einen Hut zu bekommen ist leider nur selten möglich.

Vielen Dank!

Zugegeben, möglicherweise ein wenig überspitzt dargestellt, aber unter der Verwendung von gesundem Menschenverstand zumindest nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Wie sonst kann es sein, dass es erst ein nahezu apokalyptisches Unglück braucht um auf die Idee zu kommen die AKWs in Deutschland einer genauen Überprüfung zu unterziehen. Wo doch der letzte Check maximal ein halbes Jahr zurückliegen dürfte. Muss man der Natur jetzt dankbar sein, dass sie in Japan zugeschlagen hat und uns das Ausmaß dieses Handelns mit schlimmen Bildern darstellt? Sicher nicht, auf diesen Beweis hätte man nur zu gerne verzichtet, nicht nur in Regierungs- und Lobbykreisen. Aber wie sonst wäre die Diskussion wieder entflammt?

An dieser Stelle ergeht ein Aufruf an alle denkenden Menschen: Macht diesem profitablen Trauerspiel ein Ende und lasst die drei Monate des Moratoriums nicht einfach verstreichen.

Über mrr