Mittwoch , 25 Mai 2016
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In Libyen herrscht Stammeskrieg, kein Volksaufstand

libysche_panzer_parade_2007Als Saif Gaddafi, einer von Muammars Söhnen, in einer TV-Rede äußerte, Libyen sei weder Tunesien noch Ägypten, hatte er absolut recht. 140.000 Menschen drängen sich an den Grenzen, um aus dem von Kämpfen erschüttertem Land zu flüchten. Doch das sind Gastarbeiter, nicht Libyer. Mehrfach wird in den Medien erwähnt, dass das Land von einem Jahre andauernden Bürgerkrieg erschüttert werden könnte. Warum eilt die Welt nicht dem „unterdrückten Volk“ zu Hilfe? Die Antwort darauf ist einfach. Es gibt kein libysches Volk, sondern eine Unzahl verschiedener Stämme. Und für welchen soll das Ausland Partei ergreifen? Auch einige scheinbare Widersprüche, wie hohe Arbeitslosenzahlen und gleichzeitig Unmengen von Gastarbeitern im Land, bedürfen näherer Erklärungen.

Libyen als eigenständiger Staat verfügt weder über eine gemeinsame Geschichte noch über Tradition. Die Jahrhunderte andauernde Vorherrschaft des Osmanischen Reiches spielte in dem Land, das überwiegend aus Wüste besteht, so gut wie keine Rolle. Die dort lebenden Menschen gehörten arabischen und berbischen Stämmen an, wie etwa den Walfalas oder den Tuaregs, die sich beide gegen die Herrschaft Gaddafis erhoben haben, wie u. a. auch bei Wikipedia erwähnt wird.

libyscherf_koenig_idrisNach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches fiel das Land unter italienische Kontrolle. 1951 wurde Libyen schließlich in die Unabhängigkeit entlassen und ein Sufi namens Idris ließ sich zum ersten König einer konstitutionellen Monarchie ernennen. Dass diese, in der Region völlig unbekannte, Staatsform nicht lange überleben würde, war von Anfang an zu erwarten. Hinter dem Militärputsch des Jahres 1969 stand ein arabisierter Berberstamm namens Qaddadfa. Wie der Name schon erwarten lässt, gehört Oberst Muammar Gaddafi diesem Stamm an.

Und wie war es möglich, dass dieser Mann mit seinem Familienclan vier Jahrzehnte lang über Libyen herrschen konnte? Ist es denkbar, über so lange Zeit die Macht ausschließlich durch Unterdrückung und Verbreitung von Angst zu erhalten?

Nur ein Prozent der libyschen Landesfläche ist landwirtschaftlich nutzbar. Während sich täglich 1,8 Millionen Fass Öl aus dem Boden pumpen lassen, werden Nahrungsmittel, Maschinen und Gebrauchsgüter überwiegend importiert. Die Kosten dafür spielen keine wesentliche Rolle. Dem CIA-World-Factbook zufolge, standen im Jahr 2010 Exporten (Erdöl, Erdgas, Raffinerieprodukte, Chemikalien) von $ 44,89 Milliarden Importe (Maschinen, halbfertige Produkte, Nahrungsmittel, Transporteinrichtungen, Verbrauchsgüter) von nicht mehr als $ 24,47 Milliarden gegenüber. Ein ansehnlicher Außenhandelsüberschuss. Die gleiche Quelle verweist auf eine Arbeitslosenrate von 30 Prozent.

Eine derart hohe Zahl von Beschäftigungslosen lässt Not und bittere Armut vermuten. Doch gleichzeitig lebt eine beträchtliche Anzahl ausländischer Arbeitskräfte in Libyen. Exakte Zahlenangaben sind nur schwerlich zu finden. Ein Bericht aus dem Jahr 1996, als Libyen noch als „Schurkenstaat“ galt, erklärt, dass es sich bei einem Drittel der Bewohner um ausländische Arbeiter handelte. Gaddafi bemühte sich damals, diese Zahl zu reduzieren.

Trotzdem bleibt die Frage offen, warum nicht von Haus aus heimischen Arbeitern der Vorzug gegeben wurde. Die Antwort ist relativ einfach: Eine große Zahl von Libyern erachtete es nicht als notwendig, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wie Paula Russo im Jahr 2004 in einer ausführlichen Studie erklärte, zählten die Sozialleistungen in Libyen zu den umfangreichsten der Welt. Die Preise für Nahrungsmittel wurden staatlich gestützt. Medizinische Betreuung sowie Ausbildung standen kostenlos zur Verfügung. Wohn- und Transportkosten wurden ebenso niedrig gehalten wie die Preise für Wasser und Elektrizität. Die Einnahmen durch die Ölförderung reichten dafür problemlos aus. Wie Menschen, die mit der dortigen Situation vertraut sind, behaupten, zählt dieser Umstand zu den Erklärungen dafür, warum sich Muammar Gaddafi derart lange an der Macht halten konnte.

libysche_staemme_589x600Werfen wir einen näheren Blick auf die Massen, die das Land über die libysch-tunesische Grenze zu verlassen drängen, so zeigt sich, dass es sich so gut wie ausschließlich um Gastarbeiter aus Ägypten, Tunesien, Bangladesch, den Philippinen und anderen Ländern handelt, wie es u. a. aus einem Bericht bei Mail-Online hervorgeht. Auch wenn sich die Lebensweise in Libyen keineswegs mit dem Standard westlicher Staaten vergleichen lässt, so leben Libyer keineswegs in Not. Waren es in Tunesien und in Ägypten vorwiegend Jugendgruppen, von denen zu Protesten aufgerufen wurde, so sind es in Libyen Stammesfürsten, die sich aus politischen Gründen gegen die Vorherrschaft des Gaddafi-Clans erheben. Wird in den Medien berichtet, dass Gaddafi auf sein Volk schießen lässt, so führt dies zu einem vollkommen falschen Eindruck der Situation. Es gibt kein libysches Volk. Es gibt Qaddadfas, Walfalas, Tuaregs, Az-Zintans, Maslatas, Al-Zuwaids, Ramlas, Kawars und mehr als 100 andere Stämme. Und nachdem die Zahl derer, die auf Gaddafis Seite stehen, deutlich niedriger zu sein scheint als die Angehörigen jene Stämme, die sich gegen ihn vereinigt haben, heuert die Regierung Söldner aus anderen Ländern an.

Dementsprechend problematisch würde oder wird sich auch die Einführung einer Demokratie in Libyen gestalten. Bei den Walfalas soll es sich um den größten der Stämme handeln, der rund eine Million Mitglieder zählt. Doch bedeutet dies noch lange nicht, dass sich die Angehörigen der anderen Volksgruppen einem möglicherweise gewählten Oberhaupt dieses Stammes unterwerfen werden. Und genau deswegen wird von Analysten auch auf die Möglichkeit eines Jahre dauernden Bürgerkrieges verwiesen.

Zum gegebenen Zeitpunkt weiß niemand, wie viele Menschen bei den vorherrschenden Kämpfen bereits ums Leben gekommen sind. Mit Verwunderung beobachtet die Weltöffentlichkeit die Situation und stellt die Frage, warum den Aufständischen keine militärische Hilfe angeboten wird. Es mag die Mehrheit der Bevölkerung sein, die sich gegen Gaddafi stellt. Doch dessen Unterstützer, von bezahlten Söldnern abgesehen, handeln aus genau der gleichen Überzeugung. Sie wollen einen der ihren an der Spitze.

Wie es auch in anderen Ländern mit totalitären Regierungen der Fall war, mischte sich auch in Libyen der Staat relativ wenig in das Leben der Bürger ein, verwehrte diesen jedoch wiederum kategorisch jedes Einmischen in Politik. Die Zahl der politisch Verfolgten soll in die Tausende reichen. Ob die ersten Revolten nun ausschließlich wegen politischer Unterdrückung ausbrachen oder ob es einigen Stammesfürsten auch darum ging, sich einen größeren Anteil an den Öleinnahmen zu sichern, ist schwer zu beurteilen. Vermutlich handelt es sich aber um einen schweren Fehler Gaddafis, diesen ersten Unruhen mit brutaler Gewalt entgegen getreten zu sein. Während sich die Angehörigen der Elitetruppen fast ausschließlich aus seinen Stammesbrüdern zusammen setzen, gehören große Teile der regulären Armee anderen Volksgruppen an. Waffen, Munition und sogar Panzer wurden nicht von der Armee entwendet, wie von offizieller Seite behauptet wird, sondern Teile der Streitkräfte haben sich – von Stammespolitik geleitet – gegen Gaddafi gestellt.

Diese zusammenfassende Erklärung soll keineswegs dazu dienen, Muammar Gaddafi in ein besseres Licht zu rücken. Seit geraumer Zeit zeichnete er sich ebenso wie seine Söhne durch untolerierbare Provokationen aus. Erst vor wenigen Monaten rief er zum „Heiligen Krieg“ gegen die Schweiz auf und hielt zwei Schweizer Geschäftsmänner als Geiseln. Dass eine nicht bekannte Zahl von Milliarden aus staatlichen Öleinnahmen auf private Konten – vor allem seiner Söhne – flossen, ist ebenfalls kaum zu bezweifeln (auch wenn der Name Gaddafi kein einziges Mal in ForbesMilliardärliste auftaucht).

Und was lässt sich für die Zukunft Libyens erwarten?

Dem derzeitigen Trend entsprechend, wird vermutlich auch Gaddafis Macht zu einem Ende kommen. Ob das Land bis dahin in Trümmern liegen wird oder ob es bloß der Zusammenbruch der Infrastruktur sein wird, der zu einem Chaos führt, Libyen wird auf internationale Hilfe angewiesen sein. Bei derart großen Ölvorkommen, wird sich diese mit Sicherheit auch finden. Und wer letztendlich von den Öleinnahmen profitieren wird, lässt sich zum gegebenen Zeitpunkt kaum vorhersehen. Bei 1,8 Millionen Fass täglich, gibt es aber sicher eine ganze Menge einflussreicher Interessenten.

Über Konrad Hausener