Guttenberg ohne Ausrede: Gemessen an den eigenen Maßstäben
Heute Mittag erklärte Verteidigungsminister zu Guttenberg, dass er vorübergehend auf die Führung seines Dr.-Titels verzichte. Inzwischen wurden schon mehr als 80 verdächtige Textstellen aufgefunden. Guttenberg betonte in seiner Erklärung, er habe nicht „bewusst getäuscht“. Die Dissertation enthalte aber „fraglos Fehler“ und das tue ihm „aufrichtig leid“. Guttenberg leistete sich heute zudem einen ungekannten Affront gegenüber den Hauptstadtjournalisten. Er verkündete seine Entscheidung vor ausgewählten Journalisten und nicht auf der parallel stattfindenden Bundespressekonferenz. Diese wurde daraufhin nach wenigen Minuten abgebrochen, weil die Hauptstadtjournalisten protestierend den Saal verließen.
Guttenberg zeigt Nerven und macht schwere Fehler. Das deutet darauf hin, dass die Sache nicht so harmlos ist, wie er tut. Es geht um seine Glaubwürdigkeit. Diesmal kann er keinen Untergebenen zum Sündenbock erklären und entlassen, er muss selber die Verantwortung übernehmen. Seit einige Tagen tobt eine heftige öffentliche Debatte um die Doktor-Arbeit, Fachbegriff Dissertation, von Guttenberg. Es tauchen immer mehr Textstellen auf, die er von anderen Autoren übernommen hat, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen.
Da nur wenige selber eine Dissertation verfasst haben, hier einige Fakten. Eine Dissertation muss einen Beitrag zur Forschung leisten, d.h. in dieser Arbeit muss der Autor irgendetwas Neues entdeckt haben. Eine bloße Zusammenfassung bestehenden Wissens, wie in einer Diplom-Arbeit, genügt nicht. Zudem müssen in einer Dissertation, wie in jeder wissenschaftlichen Arbeit, von anderen Wissenschaftlern übernommene Thesen exakt belegt werden, wörtliche Zitate in Anführungszeichen, der Rest in jedem Fall als Fußnote. Weiterhin ist es nur in Ausnahmefällen und mit strenger Begründung möglich, längere Zitate zu verwenden. Niemand kann es sich so leicht machen und einfach seitenlange Zitate einfügen. Das wird moniert, weil dann die Eigenleistung fehlt.
Für Guttenberg war es deshalb nicht so einfach, seine langen und offenbar sehr zahlreichen wortgleichen Übernahmen als Zitat zu kennzeichnen. Das hätte man ihm nicht durchgehen lassen. Es hätte für ihn daher sehr wohl eine Motivation bestanden, einiges unter den Tisch fallen zu lassen. Jemand, der eine Dissertation schreibt, steht immer sehr unter Druck. Eine solche Arbeit ist ein riesiger Aufwand und mit viel Zeit und Nerven verbunden. Viele müssen nebenbei arbeiten. Sehr gut vorstellbar, dass Guttenberg am Schluss die Nerven verloren haben könnte und einfach fertig werden wollte. Trotzdem kann es nicht angehen, dabei die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens außer Acht zu lassen. Wer zitiert, ohne es anzugeben, der schmückt sich mit fremden Federn und betrügt. Saubere Zitierung ist eine zentrale Kategorie und keine Nebensächlichkeit. Ansonsten kann sich ja jeder seine Dissertation in ein paar Wochen zusammenkopieren.
Auch für einen Baron und Minister müssen diese Regeln gelten. Guttenberg tritt immer mit einem sehr hohen Anspruch auf, an dem muss er sich jetzt auch messen lassen. Guttenberg urteilt rigoros über Mitarbeiter, die einen Fehler gemacht haben, das muss jetzt auch für ihn gelten. Guttenberg breitet sein Privatleben vor der Öffentlichkeit aus, dann kann er sich nicht beklagen, wenn die Öffentlichkeit nach der Qualität seiner Arbeit fragt.
Viele verwechseln bei Guttenberg ohnehin Sympathie mit Kompetenz. Es lohnt sich, auch seine Arbeit als Verteidigungsminister einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, wieviel an Substanz wirklich dahintersteckt.
Die Universität Bayreuth, an der Guttenberg promoviert hat, muss jetzt den Vorfall genau prüfen. Dabei steht auch die wissenschaftliche Reputation der jungen Hochschule auf dem Spiel. Sie darf nicht den Eindruck erwecken, dass bei ihr ein Promi-Faktor zählt. Zudem ist Guttenberg ein Präzedenzfall. Wenn das durchgeht, dann werden sich auch andere Promovenden darauf berufen und die deutsche Bildungslandschaft gerät weiter in Verruf.
Ein Kommentar von Dr. Christian Weilmeier





