Montag , 23 Juli 2018
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Eine Anmerkung zur „Gattin und Mutter“ Stephanie zu Guttenberg

stephanie_zu_guttenbergWas vollzieht sich in unserem Lande gerade? Wir sehen einen jungen konservativen Minister der CSU in Begleitung seiner Gattin bei deutschen Soldaten, die nach Ansicht des Ministers in Afghanistan „in kriegsähnlichen Zuständen“ stehen. Es handelt sich also um einen Frontbesuch. Zu Weihnachten. Die Frau des Ministers begründet ihre Teilnahme an der Reise: sie wolle „als Gattin und Mutter zu Weihnachten bei den Soldaten“ sein. Ich werde aufmerksam. Diese Klänge kenne ich. Von Goebbels. Was Stephanie zu Guttenberg hier in die Mikrofone säuselt, soll freundlich klingen. So familiär irgendwie. Auch irgendwie harmlos. Nett eben.

Doch ich frage mich: was vollzieht sich da grade im Lande? Was schleicht sich da ein in die Spaßgesellschaft? Was erlaubt sich der junge Minister da eigentlich, der im Moment von den Sympathien des Volkes getragen wird? Abgeordnete, die im Januar zu entscheiden haben, können Kundus nicht besuchen, aber die „Gattin und Mutter“, die über keinerlei Mandat verfügt, darf? Das ist kein Zufall. Hier geht es um die richtigen Bilder. Die einen „jungen aufstrebenden Politiker“ stärken sollen.

Dass ein „junger aufstrebender Politiker“ von den Sympathien des Volkes getragen wird, ist kein Zeichen von Qualität. Das eine lässt sich nicht aus dem andern ableiten. Wir kennen aus unserer Geschichte zahlreiche Beispiele, bei denen „junge aufstrebende Politiker“ ebenso „von den Sympathien des Volkes“ getragen wurden. Nicht immer zum Wohle des Volkes.
Doch das merkte man erst später.

Dass die Frau des Ministers kein Mandat hat, ist hinlänglich diskutiert worden.Was also tut sie an der Front? Sie will „als Gattin und Mutter“ bei den Soldaten sein. Sagt sie. Man darf von ihr erwarten, dass sie überlegt, was sie sagt. Denn schließlich ist die Reise gut vorbereitet worden. Insbesondere in Bezug auf die Presse. Die Worte werden also gewogen. Und die Wirkung der Worte kalkuliert. Die Sprache der Bilder ebenso. Nichts ist dem Zufall überlassen. Es soll harmlos wirken. Irgendwie privat. Menschlich eben. Die armen Jungs, die da zu Weihnachten ihren Dienst tun müssen! Da passt es gut, wenn die „Gattin und Mutter“ mal nach den Jungs schaut, die da ihren Buckel hinhalten für die Freiheit des Volkes.

Nun verhält es sich allerdings so, dass die Formulierung von der „Gattin und Mutter zu Weihnachten bei den Soldaten“ eine Geschichte hat in Deutschland. Eine sehr unrühmliche. Denn die Nationalsozialisten verstanden es auf perfide Weise, gerade in den Weihnachtstagen die Rolle der Frau als „Gattin und Mutter“ anzusprechen und für ihre Propaganda zu missbrauchen. Dicke kluge Bücher sind über dieses Thema geschrieben worden. Die Frau als „Gattin und Mutter“ hatte eine zentrale Funktion in der Propaganda. Und in der Propaganda kommt es auf die Wirkung der Bilder an. Und auf die Worte, die in der Zeitung stehen. Am besten wirken bewegte Bilder: Film eben. Das muss man bedenken.

Nun kann man Stephanie zu Guttenberg Ahnungslosigkeit und Harmlosigkeit unterstellen. So weit will ich nicht gehen. Man kann die ganze Angelegenheit unter „coole Aktion“ verbuchen, wie es jemand auf facebook getan hat, der dem Minister politisch nahe steht. Man kann alle diejenigen, die den Besuch kritisieren, als „Gutmenschen“ abtun, man kann sich gar am Protest aus der Opposition ergötzen und „Klasse! Coole Aktion!“ rufen und argumentieren „der Erfolg gibt dem Minister Recht“. Gemeint ist der mediale Erfolg. Denn politisch ist gar nichts geklärt in Afghanistan. Im Januar wird das Parlament erneut zu entscheiden haben.

Seien wir aber gutwillig. Unterstellen wir Stephanie zu Guttenberg nicht, dass sie ahnungslos und unbedacht ist. Nehmen wir an, sie sei eine kluge Frau, die sehr genau weiß, was sie sagt und was sie tut. Dann muss man fragen: Was bedeuten ihre Worte? Welche Funktion haben sie? Was ist ihre Botschaft? Wie „klingen“ diese Worte in der Bevölkerung? Wie klingt dieses „als Gattin und Mutter zu Weihnachten bei den Soldaten“? Es soll Gefühle ansprechen. Ja klar, was sonst. Instinkte. Der Mütterlichkeit, der Besorgnis um die „Jungs“ im fernen Lande.

Eben jene mütterlichen Impulse wusste Propaganda schon immer und in allen Kriegen zu bedienen. Da wurden Strümpfe gestrickt im Kriegswinter; da wurden „Pakete aus der Heimat“ gepackt zu Weihnachten; da wurde – in einer Ringschaltung bislang technisch einmalig und zur damaligen Zeit eine Sensation – zu Weihnachten 1940 vom Nordkap bis nach Afrika „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen – alles wohl kalkuliert und fein überlegt. Wegen der Wirkung auf die Gefühle.

Was also soll die Rede von der „Gattin und Mutter zu Weihnachten bei den Soldaten“? Es geht um weit mehr als eine harmlose, private Freundlichkeit. Es geht um Politik. Und es geht um die Sprache der Bilder.

Dieser Besuch soll die Stimmung in der Bevölkerung in Deutschland beeinflussen. Die Kritik am Afghanistan-Einsatz soll gemindert werden. Schließlich hat das Parlament kurz nach den Feiertagen erneut abzustimmen über eine erneute Verlängerung des Mandats. Der Zeitpunkt der Reise ist günstig gewählt. Die Menschen sind ohnehin eher milde gestimmt zum Fest.

Dass diese Reise eine Missachtung des Parlaments ist, ist hinlänglich diskutiert worden. Denn etliche Abgeordnete, die zu entscheiden haben, durften bislang nicht dorthin reisen. Aber eine Frau ohne Mandat. Weil ihr Mann das so entschieden hat. Er ist frei, zu wählen, wer ihn begleiten soll. Aber er hat die Wirkung zu bedenken. Und er hat sie bedacht.

Die Teilnahme der jungen „Gattin und Mutter bei den Soldaten zu Weihnachten“ war sorgfältig kalkuliert. Die Kritik der Opposition inklusive. Worauf der konservative Minister abzielt, der im Moment von einer Welle der Sympathie im Volke getragen wird – glaubt man den Umfragen -: er will „das Volk“ wieder enger mit den Soldaten verbinden. Er will ihre Gefühle ansprechen. Er will „das Volk“ wieder mehr zum Unterstützer der Soldaten werden lassen – die Kritik am Afghanistan-Einsatz geht ihm schlicht zu weit. Da passt der Besuch der „Gattin und Mutter zu Weihnachten bei den Soldaten“ perfekt. Nur: es handelt sich um Propaganda.

Deshalb, Frau zu Guttenberg, dass Sie als Gattin zu Propagandazwecken ihren Gatten stützen wollen, kann ich verstehen. Aber verrichten Sie bitte Ihre Propaganda nicht auf dem Rücken der Soldaten.

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