Montag , 30 Mai 2016
Startseite » Politik » International » Petrodollar: Ein Kernelement der Geld- und Kriegspolitik

Petrodollar: Ein Kernelement der Geld- und Kriegspolitik

irak us soldiers burning oilWas ist ein „Schurkenstaat“? Könnte es sein, dass diese Bezeichnung vorwiegend dann Verwendung findet, wenn die Regierung eines Landes beschließt, Öl gegen Euro, statt gegen Dollar zu verkaufen? Nachdem es eine weltweite Leitwährung gibt, nämlich den US-Dollar, ist es auch für die Entwicklung des Euro von Bedeutung, wie es um diesen Dollar steht. Träumten manche Politiker ursprünglich vielleicht gar, der Euro könnte den Dollar als Leitwährung ablösen? Es gibt jedenfalls einige Fakten, deren Kenntnis zum Verstehen der höchst angespannten Weltlage von größter Bedeutung ist. Und dazu zählt der Petrodollar.

Mit der geglückten Invasion in der Normandie, die am 6. Juni 1944 eingesetzt hatte, schien der Untergang Hitler-Deutschlands besiegelt. Zwischen 1. und 22. Juli desselben Jahres versammelten sich Vertreter aus 44 Nationen in Bretton Woods, um ein internationales Währungssystem zu beschließen. Dieses sah den US-Dollar als Leitwährung vor. Nichts gab es dagegen einzuwenden, denn auch bei nur teilweiser Golddeckung erfolgte die Zusicherung, jede beliebige Dollarmenge jederzeit gegen physisches Gold einzutauschen. Zum Kurs von $ 35 je Unze.

Im Jahr 1971, unter Präsident Richard Nixon, wurde diese Goldgarantie ersatzlos aufgehoben. Trotzdem behielt der US-Dollar seine Funktion als Leitwährung bei. Wie war das möglich?

Aufgrund der bis dahin gegebenen Golddeckung wurde der größte Teil aller internationalen Geschäfte in US-Dollar abgewickelt. Insbesondere im Rohstoffbereich. Die Frage war jedoch, wie lange würde diese Situation weiterbestehen, da es sich beim Dollar von nun an um keine gesicherte Währung mehr handelte? Eine ungedeckte Währung verfügt nur solange über Wert, solange Vertrauen in diese besteht. Um es banal auszudrücken, würden Bäcker und Metzger keine Euroscheine mehr annehmen, sondern nur Gold- oder Silbermünzen, würde auch niemand mehr für Euro arbeiten.

Bei Erdöl handelt es sich zweifellos um den weltweit bedeutendsten Rohstoff. 1960 schlossen sich die wichtigsten erdölexportierenden Länder zu einer Organisation, die als OPEC bekannt ist, zusammen. 1975, also vier Jahre nach Aufhebung der Golddeckung, erklärten sich alle OPEC-Staaten bereit, ihr Öl ausschließlich gegen US-Dollar zu verkaufen. Und damit war der Petrodollar geboren. Die ständige Nachfrage nach der US-Währung war gesichert.

Auch wenn der Ölpreis in US-Dollar angegeben wird, sagt dies wenig über die direkten Geschäfte jenseits des Spotmarktes aus. Im Februar des Jahres 1991, zu der Zeit, als die Amerikaner zum ersten Mal den Irak bombardierten, verfasste der anerkannte Systemkritiker Noam Chomsky eine Analyse der Situation. Natürlich ging es in diesem Krieg nicht um die Befreiung Kuwaits und schon gar nicht um den Schutz der irakischen Zivilbevölkerung vor dem „bösen Diktator“. Es ging um die Kontrolle des Öls. Und diese Kontrolle besteht solange, solange es in US-amerikanischer Währung gehandelt wird.

Trotz aller Sanktionen, trotz aller Drohungen, schien Saddam Hussein aber nicht locker zu lassen. Am 13. November 2000 erschien im Time-Magazine ein Artikel, der mit folgendem Satz begann: „Europas Traum, den Euro zur Konkurrenz des US-Dollars werden zu lassen, könnte von Saddam Hussein begünstigt werden.“

Ja, genau so war es. Der „böse Diktator“, der sein „eigenes Volk ermordete“, wie es immer wieder auch in europäischen Zeitungen zu lesen war, verkaufte irakisches Öl gegen die neue europäische Währung – und kaufte in dieser Währung, den Sanktionen entsprechend, wiederum Lebensmittel ein.

Es gibt somit durchaus Grund zur Annahme, dass jene Politiker, die sich Ende der 1990er-Jahre so intensiv für die Einführung des Euros einsetzten, die Ablösung des US-Dollars als internationale Leitwährung vor Augen hatten. Und warum wurde das den Bürgern nicht erklärt? Warum stand auch die europäische Presse uniform hinter den Amerikanern, die Hussein attackierten, anstatt der Zukunft der eigenen Region Vorrang einzuräumen? Warum rechtfertigen sich die Politiker von damals, die für die heutige Eurokrise letztendlich verantwortlich sind, nicht mit einer diesbezüglichen Erklärung?

Das sind wirklich gute Fragen, auf die es leider nur spekulative Antworten gibt. Doch es gibt eine Gegenfrage, die eine entscheidende Teilantwort bereits enthält: Warum wird die Bevölkerung niemals über die Bedeutung des Petrodollars informiert?

In der US-amerikanischen Politik sind zwei entscheidende Komponenten vereinigt: eine gewaltige Militärmacht und der vorrangige Einfluss auf die Weltwirtschaft durch internationale Konzerne. Ein perfektes Zusammenspiel. Der Druck kommt von zwei Seiten. Und was aus einer anerkannten Zeitung wird, die aufgrund kritischer Berichterstattung auch nur einige ihrer Werbekunden verliert, lässt sich leicht nachrechnen.

Die wegen einer als antisemitisch bezeichneten kritischen Äußerung über Israel in Ungnade gefallene White-House-Korrespondentin Helen Thomas hatte Präsident George W. Bush mehrmals gefragt: „Mr. President, warum sind sie wirklich gegen den Irak in den Krieg gezogen?“ Denn wie jeder weiß, Massenvernichtungswaffen gab es keine. Alle offiziellen Erklärungen basierten auf nachweislichen Lügen. Doch anstatt eine Antwort zu erhalten, wurde sie in die letzte Reihe verbannt.

Warum wird weder von der Politik noch von den Massenmedien jemals diese Frage aufgeworfen? Glaubhaften Hochrechnungen zufolge kamen mehr als eine Million irakische Zivilisten ums Leben. Ein einst stabiles Land, das angeblich unter einem Diktator litt, schlitterte in ein grauenhaftes Chaos. Warum scheinen all diese Probleme, die noch lange kein Ende gefunden haben, in Vergessenheit geraten zu sein?

Wie schon erwähnt, in welcher Währung internationale Geschäfte abgeschlossen werden, entzieht sich fast immer jedem Einblick. Am 6. Oktober 2009 berichtete The Independent von durchgesickerten geheimen Vereinbarungen, die besagen, dass einige der OPEC-Staaten aus dem Petrodollar auszusteigen planten.

An dieser Stelle möchte ich übrigens daran erinnern, dass auch Venezuela zu den OPEC-Staaten zählt. Zwar wird der dortige Präsident Hugo Chavez von den wohlhabenden Bürgern des Landes nicht sonderlich geschätzt, die Massen stehen jedoch zweifellos hinter ihm. Die Massen haben ihn auch gewählt. Auch wenn dieser Hugo Chavez nun einige im eigenen Land befindlichen Ölquellen verstaatlicht, warum wurde immer wieder Kritik an seiner Politik laut? Die Mehrheit steht hinter ihm, wie es in einer Demokratie auch sein soll. Die Profite der Konzerne zu schmälern, um den ärmeren Bevölkerungsschichten das Leben etwas zu erleichtern, passt ebenfalls in die Vorstellung von Demokratie. Gehörte Venezuela vielleicht zu den Ländern, die aus dem Dollar aussteigen wollten?

Werfen wir einen Blick auf Libyen, ein Land, in dem sich angeblich das Volk gegen den Diktator erhoben hätte. Wie in mehreren Artikel bei The Intelligence ausführlich erklärt wurde, ging es den Libyern unter Gaddafi alles andere als schlecht. Schulbildung, wenn gewünscht auch im Ausland, medizinische Versorgung, Wasser, Strom und Wohnen, also die Grundlagen des Lebens, waren entweder kostenlos oder durch staatliche Förderungen extrem kostengünstig. Mitglieder des Gaddafi-Clans waren regelmäßig zu Gast bei einigen der reichsten internationalen Investoren.

Und plötzlich wurde ein Stammeskrieg heraufbeschworen, der der Welt als Volksaufstand erklärt wurde. Dass sich noch im Juni 2011 mehr als eine Million Menschen in Tripolis versammelten, um ihre Unterstützung für Gaddafi zu bekunden, wurde von den Massenmedien selbstverständlich ignoriert.

Zweifellos hatte Gaddafi Pläne. Gefährliche Pläne. Und zu diesen zählte eine afrikanische Währungsunion – mit einem goldgedeckten libyschen Dinar als Leitwährung. Wäre dieser Plan aufgegangen, hätte Libyen sein Öl dann weiter gegen grundsätzlich wertlose Dollar verkauft? Kaum.

Und nun kommen wir zum nächsten „Schurkenstaat“, nämlich dem Iran. Project Censored, eine Organisation, die professionelle, erstklassig recherchierte und belegbare Artikel veröffentlicht, die von den bekannten Medien uniform zurückgewiesen werden, lässt einen Beitrag aus dem Jahr 2006 einsehen. Darin wird auf die geplante Gründung der Iranischen Ölbörse verwiesen, zu der es allerdings erst im Februar 2008 kam. In welcher Währung dort tatsächlich gehandelt werden soll, ist bis heute nicht ganz klar. Die jüngsten Tendenzen verweisen auf einen Währungskorb. Doch zweifellos ist dies ein Schritt, der vom Petrodollar wegführt.

Ist es noch verwunderlich, warum der Iran unter Mahmud Ahmadinedschad als Bedrohung Israels und der ganzen Welt beschrieben wird? Ist es verwunderlich, warum so viel Aufhebens um eine mögliche Atombombe im Iran gemacht wird, während Indien, Pakistan, Nordkorea und auch Israel schon lange über Atomwaffen verfügen?

Es gibt Behauptungen, dass der Iran endgültig beschlossen hätte, ab dem 21. September dieses Jahres kein Öl mehr gegen Dollar zu verkaufen. Auch wenn eine Verifizierung dieser Aussage nicht möglich scheint, sie würde erklären, warum Israel einen Angriff gegen den Iran noch vor den US-Wahlen im November ankündigt. Es mag zwar Leute geben, die tatsächlich glauben, Israel würde diesen Schritt ohne Absprache mit Washington wagen, doch diesbezüglich darf jeder selbst nachdenken.

Nehmen wir die Existenz des Petrodollars nun als Basisgerüst, lassen sich eine ganze Menge Bausteine hinzufügen. Warum half Goldman Sachs, das wirtschaftlich schwache Griechenland in die Eurozone zu bringen? Warum helfen die drei Rating-Agenturen fleißig mit, den Euro zu schwächen? Aufgrund der gegenseitigen Kontrolle der Mitgliedsstaaten würde sich der Euro als Leitwährung allemal besser eigenen als der unkontrollierbare US-Dollar, dessen Gesamtvolumen (M3) seit dem Jahr 2006 nicht einmal mehr bekanntgegeben wird (und auch dagegen protestiert niemand).

Jetzt gibt es aber noch einen ganz wichtigen Punkt, der hinzugefügt werden muss, um die Kooperation zwischen US-Militärmacht und der internationalen Wirtschaftsmacht zu erklären: Bei der US-amerikanischen Notenbank, genannt „Federal Reserve“, handelt es sich um ein rein privates Unternehmen, das im Jahr 1913 gegründet wurde. Zweifellos führt die Kontrolle über die Währung eines Landes auch zur Kontrolle über dessen Politik – und somit über dessen Armee. Dient dies als Erklärung, warum die Vereinigten Staaten die mit Abstand größten Militärausgaben in Kauf nehmen, und zwar mehr als die folgenden 40 Staaten zusammen? Könnte dies erklären, warum die USA den Rang einer „Weltpolizei“ bekleiden und über Militärbasen rund um den Globus verfügen?

Fassen wir die genannten Punkte kurz zusammen: bei der US-Notenbank handelt es sich um eine private Einrichtung; die politische Führung der USA erklärt jedes Land, dass sich gegen den US-Dollar als Leitwährung stellt, zum Schurkenstaat; die US-Militärmacht ist fähig, auf jeden beliebigen Staat, der über keine Atomwaffen für einen Gegenschlag verfügt, Druck auszuüben; die internationale Presse ist von den internationalen Konzernen als Werbekunden abhängig – und dementsprechend erfolgt die Information der Öffentlichkeit. Handelt es sich dabei nicht um „Verschwörungstheorie par excellence“?

Zweifellos. Denn als was sonst ließe sich ein derartiges Zusammenspiel zwischen Politik und den Interessen „internationaler Investoren“ bezeichnen, wenn nicht als Verschwörung?

Und um derartigen Analysen, die unumstritten auf eine Verschwörung verweisen, ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben, wurde der Begriff der „Verschwörungstheorie“ in seiner Bedeutung ausgedehnt, wurde zum regelmäßig genutzten Schlagwort, durch welches nachprüfbare Analysen mit haarsträubendem Unsinn in denselben Topf geworfen werden. Jeder, der an der Berichterstattung durch die Massenmedien zweifelt, jeder, der nach Hintergrundinformation fragt, wird als „Verschwörungstheoretiker“ belächelt.

Leider haben sich sehr viele Menschen von dieser vorgegebenen Denkweise mitreißen lassen. Leider sind es zu Wenige, die sich selbst die Mühe machen, die Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik zu analysieren – oder zumindest den Wahrheitsgehalt jener Analysen zu überprüfen, die zur Verfügung stehen. Scheinbar lebt es sich leichter, solange die traurige Wahrheit verdrängt wird. Zumindest solange, bis es eines Tages wirklich zu spät ist. Doch dann können wir ja immer noch sagen, dass wir von all dem ja nie etwas gehört hätten.

Über Konrad Hausener