Letzter Akt im Sex-Skandal um WikiLeaks?
Julian Assange vor dem britischem Gerichtshof - Die nächsten drei Tage des Februar 2012 werden im Zeichen einer juristischen Nagelprobe auf den sog. „Europäischen Haftbefehl" stehen. Interpol hatte Assange wegen der gegen ihn in Schweden erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe auf die Fahndungsliste gesetzt. Er stellte sich am 07.12.2010 der britischen Polizei. Nun will der Oberste Gerichtshof in London nach einer dreitägigen Anhörung binnen dreier Wochen eine Entscheidung über den Gründer von WikiLeaks fällen, der sich seit nunmehr 421 Tagen in den Fängen der Londoner Justiz befindet. Zehn Tage später könnte dann die Auslieferung an Schweden erfolgen – und von Stockholm aus, so die schlimmsten Befürchtungen, könnte die Reise weitergehen in die USA. Dies wäre eine fatale Entwicklung für den Gründer von WikiLeaks, der sich bis heute täglich bei der Polizei melden muss und ab 22.00 Uhr das Haus des ihn beherbergenden Freundes Warren Smith nicht verlassen darf.
Die drohende Auslieferung könnte - wie 2011 in meinem Buch „Julian Assange: Die Zerstörung von WikiLeaks?" ausführlich dargestellt - der bahnbrechenden Whistleblower-Plattform einen Todesstoß versetzen. Der Angriff zielt nicht nur auf Assange, sondern auch auf Ansätze zu einer Transparenz der globalen Machteliten. Sie zielt auf eine Transparenz, wie sie von hoffnungsvollen Bewegungen wie Anonymous, Attac und den Piraten gefordert wird.
Der angebliche Sex-Skandal war der Anfang vom Ende. Am 20.08.2010 erging der Haftbefehl wegen Vergewaltigung gegen Assange: Eine Medienhetzjagd beginnt, die nicht ohne Folgen für die internen Beziehungen der WikiLeaks-Aktivisten bleibt. Länger gärende Konflikte spitzen sich zu und am 26.08.2010 suspendiert Assange seine rechte Hand, den deutschen Hacker Domscheit-Berg, der sich mit seiner Abspaltung "OpenLeaks" selbstständig macht.
Das Bild von Assange in der Öffentlichkeit wurde maßgeblich durch gegen ihn erhobene Vergewaltigungsvorwürfe geprägt, die eine kafkaeske Verfolgungsjagd einleiteten. Sex-Anklagen führen zu Medien-Skandalen und deshalb Diskriminierung der Betroffenen, mutmaßlicher Täter wie Opfer. Trifft es politische Akteure, steht auch die Frage im Raum, ob da einer in die berüchtigte „Venusfalle" getappt ist, d.h. ob eine politische Intrige im Spiel war. Die Klatschpresse schwelgt in pikanten Details, während im Feuilleton angebliche Experten der menschlichen Natur sich für ein gehobeneres Publikum zum 99.Mal über die Erotik der Macht ausbreiten dürfen.
Ein deutscher Wettermoderator wurde vom Gericht freigesprochen, obwohl die gegen ihn erhobenen Vorwürfe noch härter waren: Er habe seine Ex-Freundin brutal mit vorgehaltenem Küchenmesser vergewaltigt. Die Presse schwelgte monatelang in Details, der Boulevardjournalismus hielt es mit dem vermeintlichen Opfer, zahlte diverse Ex-Geliebte des Angeklagten für pikante Details aus dessen offenbar regem Sexleben. Die seriösen Medien hielten mit dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten" dagegen. Assange wird vermutlich im englischen Sprachraum ähnliche Erfahrungen machen, zumindest, was die Skandalisierung angeht.
Der Guardian berichtete aus Polizeidokumenten über die sexuellen Abenteuer des WikiLeaks-Sprechers, die ihm zum Verhängnis wurden. Es waren Dokumente, die der britischen Polizei von der schwedischen Staatsanwaltschaft vorgelegt wurden, um eine Auslieferung nach dem Europäischen Haftbefehl zu erwirken. Sex sells und Sex regt die Phantasie an. Die Sexaffäre um Assange hat WikiLeaks beinahe mehr Schlagzeilen gebracht als die Enthüllungen, trotz deren globaler politischer Sprengkraft. Viele Journalisten haben sich anhand der durchgesickerten Polizeiakten ihr Bild von den Ereignissen gemacht. Das Online-Portal Telepolis blieb dabei noch vergleichsweise nüchtern:
"So hatte Frau A., die die Reise von Assange in Schweden arrangiert hat und in deren Wohnung dieser hauste, geschildert, wie er sie zunächst gegen ihren Willen entkleidet und dann versucht habe, ungeschützten Sex mit ihr zu haben. Er habe sie zuerst abgehalten, ein Kondom zu holen, dann aber eingewilligt, aber angeblich irgendetwas mit diesem gemacht, so dass es platzte. Assange hingegen berichtete, er habe nicht mitbekommen, dass das Kondom gerissen sei, A. habe ihm auch nichts davon erzählt, obwohl er noch eine Woche in ihrer Wohnung geschlafen habe. (...) Das ist alles ein heilloses Gespinst an Behauptungen, es sieht aber nicht unbedingt so aus, als wäre es ein Plot, um Assange eine Falle zu stellen." (Rötzer 18.12.2010)
Wie man eine Falle anhand der kursierenden Geschichten ausschließen kann, bleibt dabei zwar etwas rätselhaft, aber dies scheint eher eine Variante der seriösen Seite zu sein. Manche Reporter entfalten geradezu ein Talent zur Belletristik, wenn sie mit so einem Stoff konfrontiert werden. Eine besonders fantasievolle Version der Story lieferte die als beinhart altmarxistisch bekannte Junge Welt, bzw. deren Auslandsredakteur: Seine Erzählung basiere auf im Internet zirkulierenden Assange-Akten. Wer sagt denn, dass marxistische Zeitungen immer nur dem drögen klassenkämpferischen Reportagestil huldigen? Film ab:
"Er war ihr in einem Fernsehinterview aufgefallen. Sie fand ihn interessant, mutig und bewundernswert. Einige Wochen lang verfolgte sie genauestens die Nachrichten und las alles, was sie über Julian in die Finger bekommen konnte. Im Internet sah sie, dass er am Sonnabend, dem 14.August, zu einem Vortrag bei Broderskapsrörelsen, den Christlichen Sozialdemokraten, nach Stockholm kommen würde. Die Gelegenheit, ihn einmal persönlich zu sehen, wollte sich Sofia nicht entgehen lassen. (...) Sie waren nun nackt und beim Vorspiel spürte sie, dass er der Sache immer näher kam. Sofia hielt die Beine geschlossen. Sie wollte es auf keinen Fall ungeschützt. Doch Julian machte keinerlei Anstalten, ein Kondom zu benutzen. (...) ‚Ich möchte in dir kommen’, hörte sie ihn sagen. Julian kündigte es nicht an und als er fertig war, fühlte sie, wie es aus ihr herauslief. Das Laken war voller Sperma. Sofia fand es eklig. ‚Und was ist, wenn ich nun schwanger werde?’ Julian erwiderte: ‚Schweden ist doch ein gutes Land, um Kinder in die Welt zu setzen.’ Bloß nicht dramatisieren, dachte sie sich. Sofia kaufte ihm die Fahrkarte nach Stockholm. ‚Ich ruf dich an", sagte er zum Abschied." (Steininger 03.05.2011)
Auch diese erotische Dichtung eines Junge-Welt-Redakteurs scheint dem seriösen Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten" verpflichtet zu sein, freilich ohne daraus all zuviel trockene Nüchternheit zu gewinnen. Es sei den Lesern der JW vergönnt, zwischen seitenlangen Gedenktexten zu Ehren marxistischer Klassiker etwas Softporno zu konsumieren. Selbstverständlich bedient eine solche Darstellung voyeuristische Bedürfnisse. Im Sinne der Generierung von Aufmerksamkeit war dieser Sex-Skandal vielleicht genau das, was WikiLeaks 2011 noch fehlte, um auch solche Leute zu erreichen, die ausschließlich an Klatsch interessiert sind.
Der Ablauf der Ereignisse wurde in der Debatte offenbar weniger in Frage gestellt als ihre Bewertung, bei der ein Mann vermutlich anders vorgeht als eine weibliche Kollegin. So schrieb Antje Bultmann, Expertin für Whistleblower, in ihrem Beitrag „WikiLeaks und die Grenzwachen bürgerlicher Freiheitsrechte: Wie die USA ihre demokratischen Ideale verraten", in der Fachzeitschrift Big Business Crime:
„Zwei wehrlose Frauen? Beide Frauen sind Intellektuelle, keine ‚Hascherl‘ vom Land, Frauen, die sich später rächen wollten, weil Assange sich nicht mehr für sie interessierte. Jedenfalls ließ Anna Ardin sich im Internet darüber aus, wie man sich bei Männern rächen kann. Sie gingen zusammen zur Polizei. Die Beweislage war aber so dünn, dass die Klage fallen gelassen wurde. Allerdings fanden sich ein paar Wochen später Argumente, die Verfolgung wieder aufzunehmen. Wie das? Über den Sinneswandel der Staatsanwaltschaft kann nur spekuliert werden. Auf was sich der Vorwurf der Vergewaltigung oder der sexuellen Belästigung bezieht, wurde dem Rechtsanwalt von Assange lange nicht gesagt. Amerika hat hier vermutlich mitgemischt. Es gibt ja wohl keinen zweiten Fall, der wie der von Assange wegen unterschiedlicher Ansichten um ein Kondom von Interpol zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Der Gejagte stellte sich in London am 7. Dez. 2010 selbst der Polizei und wurde festgenommen." (Antje Bultmann, S.8)
Hoffen wir in diesem Sinne, dass Assange irgendwie aus der Sache rauskommt, ohne den USA die Chance auf eine Auslieferung zu geben. In Schweden hat ihm der Sex-Skandal anscheinend aber auch Sympathien eingebracht: Die Wau-Holland-Stiftung verzeichnete in ihrem Bericht über eingesammelte WikiLeaks-Spenden überdurchschnittlich viele Gaben aus dem skandinavischen Land.
Literatur:
Bultmann, Antje, WikiLeaks und die Grenzwachen bürgerlicher Freiheitsrechte: Wie die USA ihre demokratischen Ideale verraten, in: Big Business Crime Nr.2, 2011, S.8-12
Rötzer, Florian, Assange und die schwedischen Frauen, Telepolis 18.12.2010, http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33880/1.html
Rueger, Gerd R., Die Zerstörung von WikiLeaks? Hamburg 2011
Rueger, Gerd R., WikiLeaks, Whistleblower und Anonymous, in: Big Business Crime Nr.4, 2011, S.25-26
Rueger, Gerd R., Die Diskreditierung von Wikileaks basiert auf Lügen und Verdrehungen, in: The Intelligence, 19. 09. 2011,
Rueger, Gerd R., Professorale Kampfdrohnen: Der Kampf für das Staatsgeheimnis und gegen WikiLeaks, in: Le Bohemien,18.10.11, http://le-bohemien.net/2011/10/26/professorale-kampfdrohnen/
Steiniger, Peter, Schmutzige Wäsche: Zwei Frauen, ein Problem. Eine Erzählung nach schwedischen Polizeiakten, Junge Welt, 05.03.2011, http://www.jungewelt.de/ (nur mit Abo lesbar)





