Dienstag , 17 Oktober 2017
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Occupy und Globalchange – Die Natur liefert das Vorbild

democracia_real_yaWir sind an einen spannenden Punkt gelangt. Es zeigt sich ganz offensichtlich, dass die bisherigen Ordnungsstrukturen nicht in der Lage sind, die Probleme der Welt in den Griff zu bekommen, ja dass diese sogar grundsätzlich infrage gestellt werden müssen. Jahrelanges prosperierendes Wachstum bestätigte scheinbar richtige Prognosen, der technologische Fortschritt bestätigte den Menschen in dem Glauben, er könne die Welt nach seinen Vorstellungen formen und beherrschen. Gesund war, was wächst. Nun wächst es uns über den Kopf hinaus. Probleme an allen Fronten, Wachstumsgrenzen zeigen sich in vielen Bereichen gleichzeitig und setzen die Menschheit extrem unter Druck, Lösungen zu finden – und zwar nicht nur, wenn es um die Schuldenkrise oder demokratische Strukturen geht:

  • Die Sozialsysteme stehen im Spannungsfeld Demographie und Einkommensentwicklung extrem unter Druck. Explodierende Kosten, wegbrechende Einnahmenbasis aufgrund der Lohn- und Bevölkerungsentwicklung, Trends zur Vereinzelung von Haushalten machen eine nachhaltige Finanzierung der Sozialsysteme unmöglich. Ein allgemeiner Vertrauensverlust, ausgelöst durch den Wettbewerbsdruck, der eine Ellenbogengesellschaft erzeugt, gefährdet den sozialen Frieden. Mit drohender Armut findet man sich nicht einfach ab – und betrifft es Viele, entsteht daraus eine bedrohliche Dynamik.

  • Das Wirtschaftssystem gerät an die Grenzen des Machbaren, der Peak (Oil) ist erreicht. Die natürlichen Ressourcen erschöpfen sich zusehends, der ökologische Fußabdruck wird immer größer und produziert Zukunftslasten, welche die Lebensgrundlage der Menschen gefährden. Die Erfolgsgrößen Wachstum und Gewinn bieten längst keine sichere Orientierung mehr – sie degradieren in letzter Konsequenz den Menschen – ob Mitarbeiter, Kunden oder seine Umwelt – zum Kostenfaktor. Die globale Vernetzung und immer kürzer werdende Zyklen lassen die Komplexität förmlich explodieren und stellen die Organisationen vor enorme Herausforderungen, mit unkalkulierbaren Zukünften umzugehen.

Der Leser wird zahlreiche weitere Beispiele kennen. Alle drängen sie gleichzeitig und zusammenhängend im Hier und Jetzt mit Fragen auf, für die dringend Antworten gefunden werden müssen. Diese kann ich nicht geben – doch ich habe eine Idee davon, was ein Schlüssel dafür sein kann. Wir finden dazu nämlich ein äußerst passendes Beispiel aus der Natur.

Die weltweit vorkommende Dictyostelium discoideum ist ein Einzeller, der in Böden vorkommt. Wenn diese Amöben gedeihen, wird die Populationsdichte der Einzeller bis zu einem Maximum erhöht. Es wird enger und Ressourcen werden knapper. In einer solchen Situation – egal welches Wachstumssystem betroffen ist – gibt es nur zwei Alternativen. Die erste Alternative ist, wieder Platz zu schaffen – quasi durch einen Kollaps, der einen massenhaften Abbau der Systemelemente bewirkt. Sei es durch Verhungern, Erkranken oder durch zerstörerisches Verhalten. Sie ist naheliegend und tritt bei unreflektiertem Agieren von alleine ein. Wir Menschen haben diese Alternative durch viele Tragödien selbst erlebt. Niedergegangene Hochkulturen, geplatzte Blasen, Unruhen und Aufstände, verheerende Kriege und Epidemien.

Die Natur hat 2,5 Milliarden Jahre Zeit gebraucht, eine weitere Alternative als Überlebensstrategie für die Einzeller, die es seit 3,5 Millarden gibt, zu finden. Es sind neue Abstimmungsformen, um sich zu einer höheren Ordnungsstruktur zusammenzuschließen. Und die oben genannte Dictyostelium discoideum zeigt, was dabei genau geschieht:

Die einzelligen Amöben vermehren sich bei gutem Nahrungsangebot unabhängig voneinander durch Zellteilung. Erreicht die Wachstumsphase einen kritischen Wert, entsteht also ein negatives Verhältnis zwischen Nahrungsangebot und Populationsdichte, tritt eine alles entscheidende Hungerphase ein. Einige Amöben senden nun bestimmte Moleküle (cAMP) aus, die noch mehr Amöben anziehen. Die Vernetzungsdichte wird weiter erhöht. Man erkennt sternförmig vernetzte Einzeller-Ansammlungen, weil sich die Amöben in Richtung der cAMP-Konzentrationen bewegen. Die Amöben verdichten sich und nutzen in dem Dichtestress die zweite Alternative. In einem selbst organisierten Prozess stimmen sie sich gemeinsam ab, um die Erfüllung bestimmter Funktionen herauszubilden. Der Amöbenkomplex weist durch die erhöhte Vernetzungsdichte plötzlich neue Eigenschaften auf. Amöben teilen sich Aufgaben, um als Ganzes zu bestehen, das sich sogar bewegen und umherwandern kann. Endergebnis des Prozesses ist eine höhere Ordnungsstruktur – ein Mehrzeller in Form eines Schleimpilzes.

Dieser Prozess zeigt, worum es gehen muss – denn die Logik dahinter gilt für alle Systeme, bei denen die Vernetzungsdichte der Systemelemente zunehmen kann. Werden kritische Punkte erreicht, muss man neue Formen der Abstimmung untereinander bzw. neue Formen der Organisation der Elemente zueinanderfinden, um Eigenschaften auf einer höheren Ordnungsstruktur herauszubilden. Das geschieht nicht durch Planung – denn keine der Amöben weiß, welche Eigenschaften das Ganze herausbilden soll – es geschieht tatsächlich nur durch eine neue Form der Abstimmung, deren Ergebnis dann die neuen Eigenschaften sind.

Das ist auch das, was momentan in unseren Gesellschaften beobachtet werden kann. Wir stehen unter einem enormen Druck, Lösungen zu finden. Es gruppieren sich weltweit Menschen, die neue Formen der Abstimmung finden wollen. Mit ihren CAMPs senden sie Botschaften aus, die noch mehr Menschen anziehen. Bewusste Planung des Ganzen wird nicht praktiziert, es wird in Form von Asambleas versucht, das Ganze sich selbst finden zu lassen, um Funktionen zu identifizieren, auf die sich bestimmte Gruppen spezialisieren sollen. Hier wird also unbewusst der Natur ihren Lauf gelassen, um in einem kollektiven Prozess Neues entstehen zu lassen, das mehr ist, als nur die Summe seiner Teile.

Das ist ein wichtiger Prozess, der erstmals global zu beobachten ist. Es ist Beginn einer Bewusstseinsentwicklung für eine höhere Form der (Welt-)Gemeinschaft, in der Abläufe zum Wohle des Ganzen zusammen funktionieren. Bewegungen wie Democracia Real Ya oder Occupy markieren für die westliche Welt einen entscheidenden Wendepunkt. Sie fordern das, was die Natur als Lösungsweg vorsieht: eine bessere Abstimmung, ein besseres Funktionieren – ohne selbst die Lösungen im Detail zu kennen. Hierin liegen auch Gefahren, wie der arabische Frühling zeigt. Denn ohne Lösungen ebbt die Euphorie schnell ab. Momentan verlieren die Ägypter die Lust daran, sich aufzubegehren. Der Wunsch nach Arbeit und stabilen Verhältnissen dominiert, die Lust am Reden über Demokratie ist vergangen.

Mangels Lösungen und entgegen dem Wunsch, Führer innerhalb der Gruppen zu benennen, könnte man meinen, die weltweite Bewegung wäre einfach nur naiv und werde sich wie in Ägypten verlaufen. Das trifft vielleicht zu. Doch das Wichtige ist das Signal, das sie damit aussendet: „Findet neue Formen der Abstimmungen – lasst euch auf einen Prozess ein, dessen Ende ihr nicht kennt!“ Und tatsächlich – für Neues muss man aufgeschlossen sein. Man begegnet Neuem am besten mit einer kindlichen Naivität – ohne den Ballast von Denkmustern und Strukturzwängen. Und ja, die Bewegung kann mit der Zeit verlaufen. Doch es geht auch nicht darum, dass die Bewegung als Gruppe dauerhaft zusammenbleibt. Sie wollen schließlich nicht die Macht übernehmen, sondern diese lediglich im System verteilen. Dafür erheben sie global hörbar ihre Stimmen, um diese zu einer gemeinsamen Stimme zu vereinen. Und zwar solange, bis diese Stimme dort gehört worden ist, wo sie letztlich gehört werden muss: in den Abermillionen Organisationen der Welt, die sich selbst und miteinander besser abstimmen müssen, um gemeinsame Lösungen für die weltweiten Systemkrisen zu finden.

Genau das ist der spannende Prozess, in dem wir momentan stecken. Und dabei geht es nicht nur um die Macht der Banken oder der Beteiligung an politischen Prozessen. Letztlich geht es um einen Systemwandel, von dem unser Überleben abhängt. Es geht darum, durch Kooperation und neue Abstimmungsmustern im Kleinen wie im Großen zu etwas zusammenzuwachsen, das nachhaltig einen Lebensraum bieten kann.

Der Autor: Alexander Tornow, M.A. in Business Communication, 31 Jahre, aus Berlin. Als Entwickler der Gruppenmoderationsmethode gruppenbing! leistet er einen Beitrag, die Abstimmungen und das Kommunikationsgeschehen in Organisationen nachhaltig zu verbessern. Mehr Informationen unter www.gruppenbing.de

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