Mittwoch , 27 Juli 2016
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Occupy Berlin – Der weltweite Protest erreicht die deutsche Hauptstadt

99_percentEs begann um 13 Uhr am Neptunsbrunnen am Berliner Alexanderplatz. Bei herrlichem Herbstwetter versammeln sich Tausende Demonstranten der deutschen Occupy-Bewegung. Es geht gegen die Macht und den Einfluss der Banken, gegen die Finanzkrise und gegen die weitere Entmachtung der Bürger durch den globalisierten Kapitalismus. Die Demonstranten sind in der überwiegenden Zahl mittleren Alters und eher links der Mitte zu verorten. Die deutsche Mittelschicht beteiligt sich in Berlin noch nicht an den Protesten. Man sieht rote Fahnen und hört oft kommunistische Parolen. Die Masse aber schweigt. Wo man sie genau zuordnen muss, ist nicht klar. Auch Teile der Anti-AKW-Bewegung sind dabei, es wird vom Kampf in Gorleben erzählt. Gegen 14 Uhr setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Reichstag in Bewegung. Eine riesige Schlange an wütenden Menschen windet sich durch die Innenstadt. Unter den Linden schere ich etwas aus dem Demonstrationszug aus und beobachte die Lage vom Gehsteig. Touristen fotografieren, Passanten verfolgen neugierig die ungewohnte Erscheinung im Zentrum der deutschen Hauptstadt.

Als der Demonstrationszug die Straße Unter den Linden verlässt und sich in Richtung Reichstag bewegt, reihe ich mich wieder ein in die Riege der Demonstranten. Wir kommen am Reichstag an, plötzlich kommt Bewegung in die Masse. Alle rennen auf die Wiese vor dem Reichstag und besetzen den zentralen Platz der deutschen Demokratie. Nun stehen wir bei herrlichem Sonnenschein direkt vor dem Reichstag, die Stimmung ist entspannt. Auf diesem riesigen Feld wirkt die Anzahl der Demonstranten sehr klein, etliche sind noch gar nicht angekommen. Rund eine Stunde stehen wir auf dem Platz, dann beginnt sich die Demonstration scheinbar aufzulösen. Aber nur scheinbar. Die Protestierer setzen sich im Verlauf der nächsten Stunden auf dem Platz fest. Parteien, NGO’s, Familien sind abends weg, der harte Kern der Demonstranten hält aus und diskutiert das weitere Vorgehen. Ende offen.

Keine Partei, keine Organisation, keine NGO konnte bisher den Protest für sich instrumentalisieren. Das ist ein gutes Zeichen. Die Occupy-Bewegung kann nur erfolgreich sein, wenn sie die Mitte der Gesellschaft erreicht. Das funktioniert nicht, wenn Attac, Linke, Grüne oder Gewerkschaften den Protest dominieren. Die Bewegung muss überparteilich sein. Jetzt steht es Spitz auf Knopf. Die Umarmungsversuche von Parteien, Medien und etablierten Organisationen sind offensichtlich. Es gibt keine Führung der Occupy-Bewegung, keine Köpfe, keine Organisation. Das ist eine Stärke am Anfang, wird aber schnell zur Schwäche. Könnte durchaus sein, dass die jetzigen Ereignisse nur der Vorläufer sind und die eigentliche und dann wirksame Protestwelle erst noch kommt. In jedem Fall lag etwas in der Luft in Berlin heute, ein Vorgefühl, was möglich wäre, wenn die Menschen endlich handeln. Eine Erneuerung der westlichen Demokratien ist überfällig. Sie muss und kann nur von den Bürgern selbst angestoßen werden.

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