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Schön bis zum teuren Tod

schoenSpieglein, Spieglein an der Wand…Eine moderne und durchaus tödliche Form findet sich mit der einstigen märchenhaften Basis von Schneewittchen inzwischen auf einem weltweiten Vormarsch im Sinne von Botox, Silikon und Co. Schöne Frauen und Männer braucht das Land, denn Schönheit öffnet berufliche Türen und lässt Karriereleitern rascher erklimmen, den Traumpartner fürs Leben finden, die Zicke von nebenan reichlich alt aussehen und die innere Einsamkeit abmildern.

Der Markt rund um Anti-Aging und Forever Young boomt und macht inzwischen nicht einmal mehr vor Kindern Halt. Alles noch ganz normal zwischen Beauty, Geldgier, Schmerz und Friedhof? Es lohnt sich den hässlichen Spuren tiefer zu folgen, die nicht nur tiefer als so manche Nasobialfalte sind, sondern wahre Abgründe unter dem Deckmantel „Nur Schönheit zählt“ auftauchen lassen.

„Ich will schön sein!“ Ja, genau, wer will das eigentlich nicht, so lässt sich gleich eine Frage in den Raum werfen. Schon Cleopatra badete in Milch für eine samtweiche Haut und nicht nur sie, sondern viele Menschen aus dem alten Ägypten, der Antike oder Ureinwohner rund um den Globus benutzten unter anderem Naturfarben, um das Gesicht und den Körper schöner zu gestalten. Auffallen, sexy wirken und sich gut fühlen sind bis heute unvergängliche Wünsche und Bestrebungen von Frauen und Männern jeglichen Alters und das quer durch alle Länder. Natürlich Schönsein wollen liegt vermutlich schon in den Genen und die eigene Schönheit folglich mit verschiedenen Mitteln geschickt in Szene zu setzen, ist keinesfalls etwas Verwerfliches. Allerdings zeigt sich seit vielen Jahren ein Trend auf, der mit einer Natürlichkeit genauso viel zutun hat wie ein eine nach Ananas schmeckende Erdbeere, jedoch unterschiedlichen Branchen Milliardenumsätze beschert und vielfach selbst Todesfälle nach sich zieht.

Gesellschaft, Äußerlichkeiten und Zahlenspiele

Alt aussehen ist verpönt in einer Gesellschaft, die weitaus mehr Wert auf Äußerlichkeiten legt als auf die inneren Werte eines Menschen. Eine große oder leicht krumme Nase erregt nicht nur bei so manchem Türsteher der angesagten Nightclubs den Unmut, sondern kann durchaus dazu führen, dass der Personalchef mehr darauf stiert als auf die Bewerbungsunterlagen. Karriere machen heutzutage in der Regel bevorzugt diejenigen, die sich jung, dynamisch und frisch gepolstert und gestrafft präsentieren. Ein unschicklicher Zinken mitten im Gesicht wird mal rasch gebrochen und zu einem Stupsnäschen geformt, das selbst den Schönen und Reichen aus Hollywood gerecht wird. Eine Brust in Körbchengröße 75B gilt bereits als klein und wird dann, bei einem Vorhandensein des nötigen Kleingeldes, in einer Operation auf eine stolze Größe von DDD aufgefüllt. Letzteres wahlweise mit Silikon oder, ganz modern, mittels Eigenfett und Stammzellenbereinigung, was wiederum den Vorteil für die Frauenwelt in sich birgt gleich noch die „Reiterhosen“, sprich dicken Schenkel, im Umfang zu minimieren. Zwei Problemzonen werden somit in einem Aufwasch erledigt. Sehr praktisch.

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Doch damit ist selbstverständlich noch lange nicht genug mit der Schönheitskur, denn dank Skalpell, Fettabsauger und Spritze, kann heute der alternde und langsam aus der Fasson geratene Mensch regelrecht runderneuert werden. Pimp my Body, um es mal in der Sprache der heutigen Zeit auszudrücken. Zornesfalten, Lachfältchen oder tiefe Nasobialfalten sind verbrämt und werden mal auf die Schnelle weggestrafft oder, sehr schonend, mittels Botox eliminiert. Das hierbei nicht nur die natürlichen Lebensspuren versucht werden auszuwischen, sondern folglich auch jegliche Regung einer menschlichen Mimik, wird dabei eben in Kauf genommen, da man nun mal nicht alles haben kann. Übermäßiges Schwitzen, medizinisch als Hyperhidrose bezeichnet, lässt sich mittels des stärksten existierenden Nervengiftes ebenso beseitigen als auch schmale Lippen zu Gummischläuchen aufpumpen. Wem das alles noch nicht genug ist, und hier sind durchaus Frauen wie Männer gleichermaßen angesprochen, lässt sich den Hängepo mal flott mit Silikon anheben und der kleine Schwabbelbauch mit Silikonimplantaten zu einem jugendlichen Sixpack formen. Mann von heute sollte bekanntlich auch mit sechzig Jahren noch den Teenagern Konkurrenz machen können. Ohren anlegen, Schamlippen verkleinern oder auch Zehen abschneiden, damit die Füße zu den neuen Designersandalen passen - nichts ist unmöglich und ein „Nein“ wird im Besonderen kaum auch aus der Branche der Schönheitschirurgie zu vernehmen sein. Warum auch, denn gerade in diesem Bereich liegen die geschätzten Umsätze aus dem Jahre 2007 bei rund 5 Milliarden, wobei man heute im Jahr 2010 davon ausgehen kann, dass diese Zahl mittlerweile vielen Ärzten nur mehr ein müdes Lächeln auf die oft selbst unterspritzten Gesichtszüge bringen wird.

Botox-Flat-Rates, Hyaluronsäure und kein Ende in Sicht

Botulinumtoxin A, wie Botox korrekt betitelt ist, gilt als das stärkste Nervengift der Welt und wurde erstmalig 1817 mit toxischen Veränderungen an den Nervenleitungen des Menschen mit der Benennung der Erkrankung Botulismus in eine enge Verbindung gebracht. Isoliert wurde dieses Leichengift wiederum zwischen den Jahren 1895-1897 durch den Bakteriologen Emile van Ermengern, der verschiedene Todesfälle nach dem Verzehr von Fleisch untersuchte. Nach zu nach wurde Botox in der Medizin unter anderem in der Neurologie eingesetzt, um verschiedene Erkrankungen, wie etwa zervikale Dystonien oder auch Spastiken, effektiv behandeln zu können. Relativ rasch zeigte sich fast zufällig bei der Behandlung von Migränepatienten, dass Botox ein kleines Wunder vollbringen kann: Die Faltenreduzierung. Seit dem wird dieses einstige, in geringen reinen Mengen sehr tödliche Leichengift fleißig im Sinne der Jugendlichkeit und Schönheit eingesetzt. Gefährliche Botox-Partys (ähnlich wie die bekannten Plastikwarenveranstaltungen) boomen hierbei ebenso als auch neuerdings die Botox-Flat-Rate, die einem Schönheitswilligen zu einem monatlichen Preis ab circa 40€ je nach Bedarf kostengünstig dazu verhelfen lässt, sich permanent glatt und frisch zu fühlen.

Wem Botox zu gefährlich ist, kann allerdings neben der blutigen und schmerzhaften Skalpellmethode auch Hyaluronsäure einspritzen lassen, die ja bekanntlich in einem natürlichen Vorkommen im Menschen vorhanden ist. Frisch gepolstert und um zehn Jahre jünger wird dann selbstverständlich zusätzlich aus der Kosmetikbranche und von zahlreichen Hautärzten ein Peeling mit Präparaten oder gleich einem Laser angeboten, um auch die letzten Zeichen des Alters oder die ehemals als niedlich betrachteten Sommersprossen zu entfernen. Bleichen, polieren, spritzen, schneiden, legen. Letzeres sehr häufig immer wieder auf den Behandlungs- und Operationstisch oder im schlechtesten Falle auch in Reihe Sechs letztes Grab links auf dem städtischen Friedhof. Schönheit muss leiden und wer diese ein Eigen nennen will, riskiert aufgrund der nur in sehr wenigen Fällen vorhandenen medizinischen notwendigen Indikation für derartige Eingriffe, eben auf eigene Faust mitunter heftige Nebenwirkungen, Komplikationen oder auch den Tod.

Mediale Einflüsse und suchende Seelen

schoenheitHeidi Klum mit ihren Supermodels, Miss Plastic - Wahl in Ungarn, Preisausschreibungen in Diskotheken, deren Inhalt ein Operationstermin in Sachen Schönheit ist, kostenlose ästhetische Operationen an Arme in Brasilien (Versuchskaninchen laut mancher Experten) und die täglich auftauchenden Schönheitsideale in den verschiedenen Medien, spiegeln der Gesellschaft und im Besonderen schon jungen Mädchen eine Scheinwelt vor. Magermodels mit hohen Wangenknochen, zierlichen Füßen und Riesenbrust wackeln über die Laufstege, die die Welt bedeuten und werden zum Vorbild von Millionen Frauen und zum Wunsch so manchen Mannes, der allerdings die „Krücken“ gewiss nicht heiraten würde. Schönsein bedeutet folglich berühmt sein, beachtet werden, viel Geld verdienen, einen schicken Lifestyle präsentieren zu können und geliebt zu werden. Ich bin wer, wenn ich gut aussehe, keine Falte mein wahres Alter verrät und mein Körper selbst mit achtzig Jahren noch so aussieht wie mit dreißig. Auch bei diesen medialen Einflüssen findet sich als oberstes Prinzip den unterschiedlichen profitierenden Industrien Kunden und Patienten zuzuspielen, um weitere steigende Umsätze verzeichnen zu können (hier übrigens auch die Kosmetik- oder Modeindustrie).

Interessant ist jedoch die Tatsache, dass die meisten Frauen und Männer (konkrete Zahlen gibt es hierüber nicht), die sich im Schönheits- und Anti-Aging-Wahn befinden, über kurz oder lang sehr häufig auch Dauerpatient beim Psychiater oder psychologischen Therapeuten werden. Die Suche nach Anerkennung, Freunde, Lob, Erfolg und Liebe sind oftmals die treibende Kraft für eine Schönheitsbehandlung, denn häufig wird eine angeblich zu kleine Brust für das Fremdgehen des Partners ebenso verantwortlich gemacht als auch die Falten im Gesicht für das Nichterhalten der angestrebten Stelle. Leider zeigt sich in zahlreichen Fällen, dass die Rechnung ohne die anderen Beteiligten in dem Spiel aus Schönheit, Anerkennung, Macht und Prestige ohne die schönheitssuchende Frau oder den jugendlich wirken wollenden Mann aufgeht. Denn eines ist zur Freude der verdiendenden Ärzte, Industrien sowie kleinen und großen im Bereich Beauty aktiven Unternehmen sicher: Neu berechnete Schönheitsideale lassen das runderneuerte Gesicht von heute bereits morgen wieder reichlich alt aussehen. Dass die Seele dieser kapitalistischen Schnelligkeit nicht mehr standhalten kann, wird nun mal in Kauf genommen, denn wenn wahre Schönheit nicht mehr durch die inneren Werte und die äußerliche Natürlichkeit zum Tragen kommt, braucht es auch keine gesunde Psyche mehr. Tragisch ist das jedoch nicht, denn hier warten bereits andere Menschen mit Fachkompetenz und langen Wartelisten auf ihren gewinnbringenden Einsatz.


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