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Guerilla und Urban Gardening – Der Aufmarsch der Monokulturen

Guerrilla gardeningIrgendwo in einer Stadt des modernen Kapitalismus. Autonome und Vertreter des Gesetzes treffen aufeinander. Die Stimmung könnte unterschiedlicher kaum sein. Während sich die Polizisten mit Schlagstöcken, Tränengas, Wasserwerfer und Schutzwesten ihrer Macht bewusst sind und kühl nach außen zeigen, ist die Gegenseite aufgebracht. Mit deutlichen Worten ziehen die Demonstranten durch die Straßen. Wie ein pulstreibender Einpeitscher bildet die erste Reihe den Anfang der wütenden Menschenmenge. Unterstützt mit Trommeln und Megafonen schallen die Parolen bis in die letzte Fuge der großen Mauer, die als Bildnis der toten Asphalt- und Betonstadt gilt.

Hier bleibt die Bewegung stehen. Auf der einen Seite die Demonstranten, gegenüber, die Armee der Polizei. Schweigen, kein Trommelschlag mehr. Die noch blank geputzten, schweren Stiefel der Ordnungsmacht zeugen von Widerstandskraft und Unbarmherzigkeit. Eine biegsame Blume des Löwenzahns bricht schließlich unter dem Druck des anhaltenden Gewichts. Weißer Lebenssaft sickert in das Kieselstein Geröll zwischen den Pflastersteinen. Das ist das Zeichen. Die Demonstranten zücken ihre Waffen in Form von Bomben und schmeißen diese in Richtung der zur Abwehr bereiten Gegner.

Mit Blumen “Mauern“ einreißen

Zwei Jahre nach diesem Aufeinandertreffen steht die umstrittene Mauer immer noch. Doch etwas hat sich seit dem Tag dieser Demonstration verändert. Die kalte Wehr ist nicht mehr grau, sie ist bunt und nicht von Graffiti und Einschlägen verschmiert. Nein, dort, wo die erste Bombe einschlug, wachsen jetzt Blumen und weiche Gräser. Auf den Steinvorsprüngen haben sich bunte Blüten niedergelassen und aus den nahen Bodenrosten aus Metall, sprießt das Grün des wachsenden Lebens. Sonnenblumen haben den Schutz der Mauer gefunden um aufrecht gen Himmel zu streben. Kleine Tiere fühlen sich auf den warmen Steinen des Sommerabends wohl.

Anders als die Einleitung vielleicht vermuten lässt, handelte es sich nicht um ein gewalttrunkenes Aufeinandertreffen zwischen der Obrigkeit und linken Aktivisten oder Faschisten oder dergleichen. Was in der Luft wie Bomben oder Steine zischte, waren Samenbomben – grüne und sanfte Waffen des Lebens. Diese “Seed Bombs“ sind meist zu Kugeln geformte Torf- oder auch Tonkapseln, gefüllt mit Blumen oder Gemüsesamen und Dünger. Diese Wurfgeschosse warten dann, wenn sie in Ritze, Straßenlöcher und andere kahle Stellen treffen, nur auf Sonne und Regen. Dann beginnt der “Grüne Widerstand“, zu wachsen und Gestalt anzunehmen.

Eine Form des Widerstands – In mehrfacher Hinsicht

Aufgrund der doch recht ungewöhnlichen, radikalen, nicht ganz gesellschafts- und gesetzestauglichen Pflanzaktionen, nennt sich diese Form der urbanen Gärtnerei auch Guerilla Gardening. Den Anfang dieses Aufbegehrens findet sich tatsächlich im heimlichen Kampf gegen politische aber auch gesellschaftliche Reizthemen wieder. Gerade im Zeitalter des städtischen Fortschritts und der Industrialisierung verkamen immer mehr Stadtbereiche zur grauen Tristesse und wurden zum Mahnmal gegen die Automatisierung und der Maschinerie. Straßen oder auch öffentliche Plätze dienten alleine der Fortbewegung, sozusagen als die sich stetig bewegende Rolltreppe des Kapitalismus und des Spießbürgertums. Einheitliche Bauten zeugten vom Untergang des Vielerlei, alles was in unterschiedliche Richtungen wuchs wurde zurechtgestutzt und in eine vorhergesehene Wuchsrichtung verbogen. Reihenhaussiedlungen wurden aus dem Boden gestampft, Millionen von Individuen passten sich der Schablone von Wirtschaft und Politik an und ließen sich kopieren.

 

Im Zuge der wachsenden Globalisierung mussten auch im Bereich der Nahrung und Versorgung massentaugliche Mineralienlieferanten gezüchtet und verteilt werden. Genauso wie sich das Bild des lebendigen Individuums mehr und mehr auflöste, verschwanden auch die alten, gesunden und vor allem vielseitigen Sorten von Saaten, Gemüse, Obst und Gewächsen. Monokulturen wurden herangezüchtet und im Drang des menschlichen Kontrollzwangs und Perfektionismus jeglicher Makel beziehungsweise Eigenheiten beraubt. Lebensmittel aus dem Gewächshaus, mit Nährstoff angereicherte Substanzen, dienen seit dem als Versorgungsquelle für ebenso kontrollierbar gewünschte Menschen. Marionetten mit wenig Widerstand sind dem Staat lieber als mündige und denkende Artgenossen, die sich mit ihrem Drang nach Freiheit zusammentun und Widerstand bilden. Um diese Art des Aufbegehrens schon im Keim zu ersticken, wurde und wird den Menschen die Zufriedenheit in den Mund gestopft, und zwar so lange, bis diese unfähig, satt und vollgefüllt sind mit Zuwendung. Wer satt ist, kann nicht denken, muss ruhen und muss schlafen. Daher ist das Bild der Monokulturen von Pflanzen fast eins zu eins übertragbar auf die Menschen und den Stand sowie Bedeutung unserer Gesellschaft.

Kompanie-Monkulur

 

Anfänge und Auswüchse des Guerilla Gardenings

Schon Mitte der 70er Jahre hatte sich der Verdruss dieser Fremdsteuerung zugespitzt. Proteste wurden laut und ausgehend von Großbritannien, erwachte das grüne Herz des Widerstandes und der Drang nach Selbstständigkeit des Lebens. Gerade in den städtischen Metropolen regten sich mehr und mehr Aktivitäten des Guerilla Gardenings. Zu den Aktionen gehörten auch die Begrünung öffentlicher Plätze oder das Anstreichen von Fassaden aus einem Gemisch aus Buttermilch (als Nährboden) und Moos. Um politische Aussagen zu bekräftigen, entwickelte sich auch die Sonnenblume als Zeichen gegen die Atompolitik und als Symbol von Natur und Frieden. Auch die Anordnung ausgelegter Blumensamen kann der Message dienen. Zu den Gruppierungen dieser doch recht friedlichen und sehr symbolhaften Protestform gehören unter anderem: Anarchisten, Globalisierungsgegner und Umweltaktivisten. Doch auch neben der rein politisch motivierten Widerstands sind mittlerweile weitere Zweige des Guerilla Gardenings gewachsen.

 

Eine moderne Protestform und gleichzeitig als Gegenentwurf zur ländlichen Ökologie hat sich das Urban Gardening entwickelt. Auch hier liegen die Wurzeln bei der Absicht des Protestes. Allerdings ist hier ein gewisser Lifestyle gewachsen, der als ernst gemeinte Umsetzung von mehr Selbstbestimmung und moderner Entfaltung gilt. Viele Menschen sehen in der städtischen Umgebung keinerlei Hindernisse für eine gesunde Selbstversorgung mit frischem Obst und Gemüse. Selbstversorgung in der Stadt wird inzwischen nicht nur im kleinen Stil praktiziert, es gibt unterschiedliche Modelle der umfassenden Nahrungsmittel Versorgung auf Hausdächern, Terrassen und Balkonen oder Hinterhören. So ziehen es schon einige Restaurantbesitzer und Köche vor, frisches Gemüse, Kräuter und Salat vom Dach zu ernten anstatt in Supermärkten oder Großmärkten, sich zu versorgen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die verwendeten Lebensmittel sind sehr frisch, regional und vor allem saisonal. Auch der Glaube, dass die Städte zwangsläufig mit Abgasen und anderen Verunreinigungen durchzogen sind und die Lebensmittel vergiften, ist nicht korrekt. Abtrennungen durch Büsche und Hecken genügen sogar schon in verkehrsreichen Gegenden, um die Pflanzen gesund und nahrungsmittelgeeignet wachsen zu lassen.

Bienen haben ein feines Gespür für das was wächst

Das akute Bienensterben ist ein Beweis für die fälschliche Annahme, dass die Agrarwirtschaft auf dem Land, die gesündere Wahl bedeute. Die Bienenvölker fühlen sich in Städten tatsächlicher wohler als in den vielen ländlichen Regionen. Hier sind die wild wachsenden Blumen nämlich weniger chemisch behandelt als in den immer stärker zurückweichenden natürlichen Gegenden und Naturschutzgebieten. Schädlingsbefall und Insektizide machen den Bienen schwer zu schaffen. Weitläufige Anbauflächen der Agrarindustrie zerstören die Lebensräume der Insekten und somit auch die natürlichen Helfer bei der Bestäubung von für uns wichtigen Pflanzen.

 

Es ist also sehr gut möglich, dass eine kleine Blumenwiese, die aus rein gegenpolitisch motivierten Gründen entstanden ist, zum gesunden Lebensbiotop für uns nützliche Insekten geworden ist.

Bildquelle Titelbild: By Grant Neufeld (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Bildquelle Artikelbild “Kompanie Stillgestanden”: © Arno Kuss

Über Arno Kuss

Seit 2010 freiberuflicher Webworker - Redakteur, Texter bei Bunte Texte.de. Artikel und Geschichten sind wie Abenteuer. Mit dem ersten Wort beginnt eine wunderbare Reise, deren Ziel oftmals unbekannt ist. Hier findet Ihr mich auf Google+