Müll trennen und Menschen verbinden
Als ich an Weihnachten einem älteren Herrn aus meiner näheren Verwandtschaft dabei zusah, wie er genüsslich eine tote Energiesparlampe in seinen Hausmülleimer plumpsen ließ, kam ich auf die verwegene Idee, meinen mir anerzogenen Respekt vor älteren Menschen kurz außer Acht zu lassen und ihn direkt mit seinem Umweltfrevel zu konfrontieren. Auf meine erste Frage, ob ihm in seiner langen Fernsehzuschauerkarriere denn schon einmal der Begriff "Mülltrennung" begegnet sei, reagierte er mit der frechen Gegenfrage, warum er den Müll denn sortieren solle, wo "Die" doch hinterher sowieso alles wieder zusammen kippen würden.
Ich ließ diese Antwort einen Moment lang nachklingen, speicherte kurz zwischen und schoss meine zweite Frage ab: ob ihm denn bewusst wäre, dass derartige Lampen höchst giftiges Quecksilber sowie eine Reihe von Schwermetallen wie Blei, Barium, Arsen und andere sowie ebenfalls bedenkliche Phosphorverbindungen enthalten? Ich sah mich kurz auf der überlegenen Seite, als er jedoch mit der nächsten Gegenfrage konterte: "Wenn da soviel giftiges Zeug drin ist, warum dürfen "Die" solche Lampen denn überhaupt verkaufen?"
Um nicht wieder wortlos wie ein Vollidiot mit offenem Mund die Küche zu blockieren, kramte ich eine Antwort aus meiner Kiste mit der Aufschrift "Halbwissen", welche sich bisher in solchen Fällen immer bestens bewährt hat: "Leider hat die Europäische Union die Produktion und den Vertrieb der günstigen und auch relativ schadstofffreien Glühlampen mit der "Ökodesign-Richtlinie" 2005/32/EG schrittweise eingeschränkt und bis 2012 sogar gänzlich gestoppt. Und von daher werden angeblich aus Gründen der Energieeinsparung zunehmend andere Lampen produziert"
Mein Gegenüber reagierte simpel aber schlicht: "Die regulieren doch alles, was sie können. Wahrscheinlich muss ich auch noch bald noch wen fragen, ob ich aufs Klo darf."
Daraufhin verließ ich die Küche und fing an zu weinen. Erst war es nur ein Schluchzen, dann bahnte es sich seinen Weg; Tränen kullerten mir die Wangen hinab und ich griff im Hinausgehen zu dem neben mir hängenden Handtuch, um mein Gesicht zu entfeuchten. Schniefend ging ich zum geöffneten Wohnzimmerfenster und lehnte mich hinaus um frische Luft zu schnappen. Dabei fiel mir versehentlich das Handtuch aus der Hand und begann den langen Flug die sechzehn Stockwerke hinunter vom Winde verweht an der riesigen Eiche vorbei auf eine kleine Rasenfläche. Als hinter mir die Stimme meines Peinigers ertönte mit den Worten: "Kannst Du das denn nicht in die Mülltonne werfen?", wurde ich plötzlich ohnmächtig. Als ich dann der klaren Gedanken wieder Herr war, beschloss ich kurzerhand, vorerst keine weiteren Versuche zu unternehmen, das Abfallentsorgungsverhalten meiner älteren Mitmenschen ohne die Zuhilfenahme größerer Sendeanstalten in irgendeiner Form nachhaltig zu verändern.




