Mittwoch , 18 Oktober 2017
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Fällt die Berliner Mauer ein zweites Mal?

BerlinermauerDie Berliner Mauer ist das Wahrzeichen der jahrzehntelangen Trennung zwischen Ost und West. Sie gilt als Mahnmal, die Freiheit nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen, sondern als Verpflichtung, diese für zukünftige Generationen zu erhalten. Doch diese Wertschätzung als wichtiges deutsches Denkmal genießt die Mauer offensichtlich nicht bei allen. Meter für Meter fallen die verbliebenen Mauerstücke dem Kommerz zum Opfer. Das gilt auch für die weltberühmte „East Side Gallery“, in die für ein aktuelles Bauprojekt ein weiteres Mal eine große Schneise geschlagen werden sollte. Während Künstler und Aktivisten noch protestierten, schufen die Stadtplaner vor einigen Tagen Fakten und ließen schweres Gerät auffahren. Jetzt wurden die Abrissarbeiten aber erst einmal gestoppt. Der internationale Protest und eine Mahnwache der Berliner hat offenbar Wirkung gezeigt. Zumindest vorerst, denn die Zukunft des verbliebenen Mauerstücks ist nach wie vor völlig offen.

 

Kunst auf 1,3 Kilometern

Die East Side Gallery zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Berlin. Mit einer Länge von knapp 1,3 Kilometern ist sie das längste verbliebene Mauerstück in der Hauptstadt. Die ehemalige Grenzmauer, die entlang der Spree vom Berliner Ostbahnhof bis zur Oberbaumbrücke führt, wurde 1990 zum ersten gesamtdeutschen Kunstprojekt. 118 Künstler aus 21 Ländern verwandelten die überflüssig gewordene Staatsgrenze in eine riesige Open Air Galerie. Die vielfältigen bunten Kunstwerke verwandelten den mausgrauen Beton in eine Art fröhliches Mahnmal, das zum Wahrzeichen des Zeitenwandels in der Bundeshauptstadt wurde. 1991 schließlich wurde der Mauerstreifen zum Denkmal erklärt.

2006: Der erste Sündenfall

Dass auch die East Side Gallery nicht dazu beitragen sollte, dass die Berliner Mauer, wie von Erich Honecker prognostiziert, auch in hundert Jahren noch stehen würde, zeigte sich bereits einige Jahre später. Berlin boomte, galt als eine der hippsten Metropolen Europas. Große Bauprojekte wurden angestoßen und verwirklicht, das Gesicht der Stadt wandelte sich fast jährlich. So war es förmlich abzusehen, dass die 1,3 Kilometer lange Begrenzungsmauer irgendwann einmal zum Hindernis werden würde. Doch ein Denkmal einfach so teilweise abreißen, um Bauvorhaben realisieren zu können? Vor diesem Sündenfall schreckten die Berliner Lokalpolitiker lange zurück. Bis zum Jahr 2006, als die O2-World errichtet wurde. Eine multifunktionale Halle, die zum einen Heimat des Eishockeyvereins Berliner Eisbären und als Veranstaltungsort für Konzerte und andere Events genutzt werden sollte. Die Lage der O2-World machte die Halle zur perfekten Veranstaltungsstätte. Zentral gelegen, verkehrstechnisch gelegen und mit einer tollen Sicht der Besucher auf die nur wenige hundert Meter entfernte Spree. Zumindest theoretisch, denn ein Hindernis sorgte dafür, dass den Konzertbesuchern dieser Ausblick verwehrt wurde: die East Side Gallery. Allen Protesten der Berliner und der Künstler zum Trotz entschied man im Berliner Senat, ein rund 40 Meter langes Teilstück der Mauer herauszutrennen und an anderer Stelle wieder aufzustellen. Damit war zum ersten Mal ein Stück deutsch-deutscher Geschichte dem Kommerz geopfert worden. Ein Vorgang, der sich 2013 wiederholen sollte.

Living Bauhaus statt Denkmal

Auch jetzt wieder steht die East Side Gallery der Stadtentwicklung im Weg. Diesmal dreht sich die Diskussion um ein 20 Meter breites Teilstück, das herausgetrennt und versetzt werden soll. Der Investor Maik Uwe Hinkel baut dort in direkter Nachbarschaft ein Luxuswohnhaus, zudem soll die im Krieg zerstörte Brommybrücke, die die Mühlenstraße mit Kreuzberg verbindet, wieder aufgebaut werden. Genau deshalb müsse das Mauerstück weichen, begründet der Investor die Notwendigkeit des geplanten Abrisses, der vom Stadtbezirk auch bereits genehmigt wurde. Das bezweifeln viele Berliner jedoch und vermuten, dass den neureichen Einwohnern des Luxuswohnhauses „Living Bauhaus“ vor allem ein ungestörter Blick auf die Spree ermöglicht werden soll.

Proteste aus aller Welt

Während die Künstler noch protestierten und mit der Bezirksverwaltung darüber stritten, ob der Teilabriss wirklich nötig sei, schuf der Investor Fakten und ließ vor ein paar Tagen Bagger und Bauarbeiter anrücken, die sofort mit dem Abbau der Mauerstücke begannen. Doch man hatte bei dem Unternehmen offenbar unterschätzt, wie wichtig den Berlinern ihre Mauer nach wie vor ist. Tausende Berliner versammelten sich um die Baustelle und halten seitdem eine Mahnwache ab – die Wall Parade. Initiator der Aktion ist die Künstlerinitiative East Side Gallery, die sich um den Erhalt des Denkmals kümmert und erst 2008 eine aufwändige. Millionenteure Sanierung der Kunstwerke organisierte. Doch nicht nur die Künstler wehren sich gegen den erneuten Teilabriss der East Side Gallery, sondern auch tausende Berliner, die nicht hinnehmen wollen, dass ein wichtiges Stück Stadtgeschichte aus zweifelhaften Gründen weichen muss. Inzwischen bekommen die Protestanten Unterstützung aus der ganzen Welt. Selbst der ehemalige Fernsehstar und Sänger David Hasselhoff, der während der Wende ein Konzert an der Berliner Mauer gegeben hatte, schaltete sich ein und wirbt auf seiner Website ) dafür, eine Petition gegen den Abriss zu unterzeichnen.

Investor hält Zügel in der Hand

Ob David Hasselhoff einen Beitrag dazu geleistet hat, ist zwar unwahrscheinlich, doch der Proteststurm zeigte beim Investor offenbar Wirkung. Inzwischen ruhen für die nächsten zwei Wochen, so kündigte es der Investor an, die Abrissarbeiten. Ob damit der Erhalt des Mauerstücks dauerhaft gesichert werden kann, darf allerdings bezweifelt werden, denn der Unternehmer hat das Baurecht sowie sämtliche Genehmigungen auf seiner Seite. Hier hätte die Politik geschlafen, kritisiert der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Auch der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit meldet sich auf einmal zu Wort und erklärt, dass er sich für den Erhalt der Mauer einsetzen werde und der Teilabriss nicht nötig sei. Warum er zu dieser Einschätzung erst dann kommt, wenn die Abrissbagger anrücken, verrät er allerdings nicht.

Berlin steht am Scheideweg

Glaubt man den Aussagen der Demonstranten, wird man den Abrissplänen diesmal nicht klein beigeben, wie es im Jahr 2006 geschehen ist. Der Sündenfall dürfe sich nicht wiederholen, betonte eine junge Künstlerin in einem Fernsehinterview. Die Berliner wehren sich also offensichtlich gegen die immer stärker werdende Gleichgültigkeit, mit der die Politik mit einem der wichtigsten deutschen Denkmäler umgeht. Die Aussage, Mauerstücke einfach an anderer Stelle wieder aufzubauen, zeigt, welch geringe Wertschätzung das Denkmal offenbar bei vielen Verantwortlichen besitzt. Merkwürdig eigentlich, denn beim Brandenburger Tor würde doch wohl auch niemand ernsthaft erwägen, dass man dies einfach umsetzen könne, wenn es einem anderen Bauprojekt in die Quere käme. Berlin ist jedenfalls momentan am Scheideweg und wird für sich entscheiden müssen, welchen Wert man auf die Bewahrung der Geschichte legt. Gewinnt der Kommerz auch dieses Mal wieder, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Teilstück ins Visier von Investoren gerät. Meter für Meter würde dann die Berliner Mauer ein zweites Mal fallen. Nur dieses Mal würde dies keine Begeisterungsstürme auslösen.

Was wird als nächstes eingerissen? Das Brandenburger Tor für ein McDonalds?

Hier geht es zur Petition gegen den Mauer Abriss.

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