R³: Erkenntnisse in der Notaufnahme
Samstag morgen, circa 09.21 Uhr. Das linke Auge unserer jüngsten Tochter ist leicht gerötet und sie klagt über Juckreiz. Ich schaue es mir an, kann nichts erkennen. Kein Wunder bei - 7,5 Dioptrien (oder wie auch immer kurzsichtig sein auf ärztisch heißt) meine Frau erkennt zwei Wimpern die sich unter dem Augenlid verklemmt haben. Allgemeines Rumgefummel am linken Auge unseres Töchterleins durch uns, gepaart mit wachsender Unlust über diese Behandlung bei der Kleinen selbst.
Ich habe Zwangsvorstellungen von einer nächtlichen Fahrt in die Städtische Klinik, am besten gegen 03.30 Uhr morgens und der Behandlung unserer Kleinen durch einen völlig übernächtigten armen Menschen, der eigentlich Urologe ist. Nichts gegen Urologen, soll ein ehrbarer Beruf sein, ich selbst habe damit bisher keine Erfahrung gemacht. Ab 50 sollen wir Männer da ja dann Stammgast sein.
Also beschließe ich gegen 12.30 Uhr das wir jetzt sofort und tagsüber einen samstäglichen Ausflug zu dritt (Mutter, Vater, Kind) in die Kinderklinik machen. Dort angekommen, mit einem Parkplatz direkt vor der Tür, erklärt man uns das Kinderaugen in der Augenklinik behandelt werden. Unsere Tochter fühlt sich durch den unerwarteten Ausflug bestens unterhalten und ist guter Dinge. Also Tochter und Gattin nebst meiner Wenigkeit wieder ins Auto gepackt und rüber in die Augenklinik. Der Parkplatz ist nicht ganz so optimal, aber immerhin passabel. Ich beginne fast an Wunder zu glauben. Oder gibt es deshalb so viele Parkplätze weil die Ärzte streiken und das alle wissen, außer uns?
Aber nein, die Ärzteschaft ist durchaus arbeitswillig. An der Pforte erklärt man uns den Weg zur Augenklinik. Auf dem Fußweg dorthin lese ich brav alle Schilder die ich zu sehen bekomme. Nur um nicht eines eventuell zu verpassen, sich dann verläuft, jemandem der einen weißen Kittel trägt eine Frage stellt und dann mit der gehörschaden-verdächtigen aber völlig sinnlos gebrüllten Antwort konfrontiert wird: KÖNNEN SIE NICHT LESEN? Ist mir einmal im Supermarkt passiert. Da fragte ich aus Versehen ob Kreditkarten genommen werden. KÖNNEN SIE NICHT LESEN war die Antwort, die mir aber auch nicht weiterhalf. Ich erwiderte damals, dass, wenn ich alles was hier so rumsteht ansehe, die Gefahr besteht, das meine Familie verhungert ist, bis ich wieder zurückkomme - vom Einkaufen.
Also lese ich auf dem Krankenhausgelände alle Schilder. Erfahre von katholischen und evangelischen Werbemaßnahmen die hauptsächlich als Gottesdienste getarnt sind, lese am lokalen Kiosk die Preise für warme Würstchen und Süßigkeiten, sehe unheimlich viele Prof.- und Dr.- Titel, die aber nicht von ihrer Länge her mit der Größe des so bezeichneten Gebäudes korrelieren, bemerke das es Anfahrten und Abfahrten für Zulieferer, Gäste und Patienten gibt und vermisse nach dem Schild für die Innere Medizin sofort das Schild für die äußere Medizin.
Aber dann sehe ich es: Aufnahme Augenklinik, steht da, in ca. 3,50m Höhe. Das ist nicht unpraktisch, wenn man mit dem 40-Tonner vorfährt. Ist man als Fußgänger aber unaufmerksam, oder sieht sehr schlecht, was ja bei Patienten einer Augenklinik hin und wieder vorkommen soll, könnte man es übersehen. Da oben, unter der Decke eines Eingangsportals. Und dann, da haben wir vor wenigen Absätzen gelernt, riskiert man zusätzlich noch einen Gehörschaden.
Wir betreten das Gebäude und folgen weiteren Schildern, beantworten interessierte Fragen unser Tochter, bis wir vor einer Tür stehen. "Notaufnahme, bitte klopfen". Steht da. Soll ich wirklich? Ich sehe mich um, gegenüber an der Wand sitzt ein freundlicher älterer Herr. "Entschuldigung, kennen Sie sich hier aus?" frage ich. "Habe ich mich jetzt vorgedrängelt, oder kann ich da einfach reingehen?". "Einfach anklopfen und reingehen", sagt der nette Herr, "ich warte nur bis meine Augentropfen wirken". Aha, also klopfen, Tür auf, leerer Raum, halbdunkel. Im Nebenraum eine zierliche dunkelhaarige Dame vor dem PC, eifrig am tippen. "Hallo", sage ich, "bin ich hier richtig bei der Notaufnahme?" Keine sehr gescheite Frage, gebe ich zu, aber ich war ja auch im Stress. Halbdunkler Raum und eine Frau die ich vorher noch nie gesehen hatte. Langsam drehte sich die Dame in meine Richtung. Ich dachte jetzt wird sie ohnmächtig. Ich bin anscheinend ihr erster Patient. Oder gibt es auch übernächtigte Urologinnen? "Warten sie bitte draußen", war die schlafwandlerisch gehauchte Antwort.
Also gehe ich wieder raus, teile meiner Frau mit, dass wir warten sollen. Sie nimmt auf einem freien Stuhl platz, ich gehe mit unserer Tochter auf die angrenzende Veranda. Ganz hübsch hier. Nach einer aushaltbaren Zeitspanne kommt eine Krankenschwester und bittet uns in das halbdunkle Zimmer. Sie ist mit Papier und Kugelschreiber bewaffnet und befragt meine Frau, was denn unsere Tochter so habe. Dabei beschäftigt sie sich ausnahmslos mit dem Papier. Wenn wir einen Pavian dabei gehabt hätten, wäre es ihr wahrscheinlich entgangen. Meine Frau gibt an, dass die Kleine zwei Wimpern im Auge hat. "Woran wir das bemerken würden" ist die nächste Frage. Naja, antworten wir, man kann es sehen.
Dann möchte die Krankenschwester einen Sehtest mit einer knapp 3-Jähirgen machen. Die will aber lieber wieder auf die Veranda. "Kann sie lesen?", ist tatsächlich eine ernstgemeinte Frage von ihr. Warum denn jetzt ein Sehtest, ist eine durchaus ernstgemeinte Frage von mir. "Das wird hier immer so gemacht". Aha. Ich gehe im Geiste durch, was denn wohl passiert wenn einer mit einem Herzinfarkt eingeliefert wird. Wahrscheinlich erst einmal 100 Kniebeugen und einer mit einem Hirnschlag muss Kreuzworträtsel lösen. Ich denke gerade darüber nach, was man denn macht, wenn einer mit Erektionsproblemen in die Notaufnahme kommt, da zaubert die Krankenschwester per Beamer hübsche Bilder an die kahle Wand und Töchterlein soll erraten was da steht.
Bevor ich jetzt Rabatz mache, denke ich mir, machen wir das halt mit. Bezahlen sollte ich es nicht, ich habe es ja nicht bestellt. Warten wir mal die Rechnung ab. Unser Jüngste hat kein Verständnis dafür, das ihr ein Auge bei dem Lesetest zugehalten wird. Die Blume und den Fisch geruht sie noch zu erkennen, bei einem Segelschiff, das ich auch nur schwer aus dem Piktogramm erkennen kann, verweigert sie sowohl die Auskunft als auch jede weitere Kooperation. Aber ich glaube, obwohl ich medizinischer Laie bin, dass, trotz dem Lesen vieler schöner Bilder, die zwei Wimpern nicht rausgegangen wären. Die Krankenschwester macht sich eifrig Notizen. Wahrscheinlich steht in der Krankenakte unserer Tochter jetzt für alle Zeiten: kann rechts keine Segelschiffe erkennen und links gar nichts.
Wir sollen wieder rausgehen, was wir auch brav tun. Nebenbei füllen wir noch zwei Formulare aus, auf denen inhaltlich zusammengefasst steht, dass wir versprechen alles zu bezahlen und an allem selber schuld sind. Da braucht man schon viel Hoffnung und jetzt weiß ich auch warum das katholische und das evangelische Bodenpersonal vom großen Chef ganz oben hier so massiv vertreten ist. Aus irgendwelchen Gründen fallen mir wieder die Erektionsprobleme ein, aber das will überhaupt nicht zusammenpassen. Außer wenn man so versucht die unbefleckte Empfängnis zu erklären. Muss ich dem Papst mal zumailen.
Man gewährt uns Eintritt zu der zarten Dame. Die Arme hat Ringe unter den Augen, die gut und gerne an Untertassen erinnern. Ich kann mir die Frage, ob sie denn Urologin sei, gerade noch verkneifen. Sie hält sich stehend, aber leicht schwankend, an dem Papier fest, welches die Krankenschwester ausgefüllt hat. "Ihre Tochter hat gerötete Augen?" lautet die gehauchte Frage. "Nein“, sagt meine Frau beherzt, „sie hat zwei Wimpern im Auge.“ Ich warte auf die Frage, woher wir das wissen. Aber, falsch gedacht. Mutig lässt die Dame das Papier los und wendet sich unserer Tochter zu. Geschickt entfernt sie etwas aus dem Auge, Töchterlein ist auch sehr tapfer. Beiden ein großes Kompliment, da kann man nicht meckern. Eine Zehntel-Sekunde später sitzt die Dame über das Papier gebeugt und schreibt irgend etwas. Ich stehe etwas ratlos daneben. Sind wir fertig? Muss ich bar bezahlen? Nehmen die hier Kreditkarten? Meine Frau, praktischer veranlagt als ich, fragt: "Konnten Sie beide Wimpern entfernen?". Die Dame blickt aufs Papier, auf meine Tochter, zurück aufs Papier. Hoffentlich müssen wir für die zweite Wimper nicht noch einen Sehtest machen, denke ich mir. Doch nein, ohne weitere Worte wird auch die zweite Wimper entfernt. Wir bedanken uns herzlich, allerdings mehr so ins Leere, die zarte Dame sitzt am PC und tippt. Ist bereits in einer anderen Welt.
Wir verlassen betont unauffällig das Gebäude. Ich rechne fest damit, dass man uns für einen weiteren Test zurückruft oder wir ganz viele komplizierte Formulare ausfüllen müssen. Welchen Beruf hatte ihr Großvater, könnte da zum Beispiel stehen. Ich musste schließlich für die Geburt aller meiner Kinder auch meinen Beruf angeben. Allerdings stand nirgends ob es der tatsächlich ausgeübte Beruf sein sollte, oder ein Wunschberuf. Und ich frage mich bis heute, ob Kinder von Feuerwehrleuten anders entbunden werden, als die von einem Buchhalter oder einem ehrbaren Klempner. Von Zangengeburten habe ich schon einmal gehört. Ob dann wohl Kinder von Buchhaltern ausgebucht werden? Statt geboren?
Und die Moral von der Geschichte? Wenn sie mit einem Hirnschlag in die Notaufnahme kommen sollten, nehmen sie am besten heimlich ein Kreuzworträtsel mit, auf dem sie die Lösung abgeschrieben und vorher eingetragen haben. Ich weiß nicht was passiert, wenn sie in der Aufregung das Rätsel nicht lösen können und die zarte Dame mit dem Blatt Papier von der Krankenschwester neben Ihnen steht und sie fragt ob sie gerötete Augen haben. Meine Frau kann sich nicht um alles kümmern.
Ein Beitrag aus der Reihe R³ - Rottlers rigoroses Review




