Wir alle sind besorgt und helfen kann man überall
…wenn man denn wirklich jemandem helfen wollte. Oder sich selber. Aber ich glaub nicht daran. Allerorten auf der Straße angebettelt, stellt sich die Sache ganz einfach dar. Das ist je nach Stimmungslage immer schnell zu entscheiden. Entweder ist die Bedürftigkeit echt oder die artifizielle Ausgestaltung ist Ihres Lohnes wert. Außerdem sind Straßenforderungen ganz ohne Pistole vorm Bauch immer relativ bescheiden. Also ein fairer Handel: Der Bittende bekommt ein paar Cent und ich für mehrere Stunden ein gutes Gewissen.
Wirklich kompliziert sind die Dinge, die uns über die Medien oder den Briefkasten erreichen. Fehlende Brunnen in aller Welt, schlimmste Krankheiten und zukunftsträchtige Bildung muss auch gekauft werden. Das sind die nachhaltigen und zeitlosen Dinge. Das Rattenlaufrad der Fürsorge sozusagen. Dazu kommen die akuten Gebrechen. Entfesselte Naturgewalten, technische und menschliche Unglücksfalle oder allfällige Glücksevents aus gegebenem Anlass. Wie geht man damit um?
Keine Frage, Unglück und Krankheit kann jeden treffen und gut ist, wenn man dann beim Schicksalsschlag auf fremde Hilfe zählen kann. Völlig unstrittig auch, dass oft erst große Summen zu messbaren Ergebnissen führen, die so groß sind, dass sie sich nur aus vielen kleinen Summen im steten Sammelbetrieb ergeben und dass diese Ergebnisse dann der Lohn einer langen Nachhaltigkeit sind. Also sind Dauerauftrag und Einzugsermächtigung gefragt. Und ohne jeden Zweifel müssen solche Hilfen koordiniert und gemanagt werden, was nicht immer allein mit ehrenamtlichen Enthusiasmus zu machen ist und auch nicht nur ein großes Herz sondern zusätzlich auch profunden Sachverstand erfordert.
Und für jede mentale Anrührung gibt es ein spezielles Angebot. Für jede Krankheit eine Stiftung, für jede Behinderung ein Fürsorgeheim und für jede Region und Altersgruppe das Spezialistenteam. Und gut auch, wenn Prominenz aus Show und Politik den eigenen Namen in die Waagschale legen. Aber das Problem bleibt. Wer wahllos und undifferenzierte Einsicht zeigt, ist schneller selber bedürftig als gedacht und kann nach Feierabend an örtlichen Tafeln seine Grundversorgung und im Obdachlosenheim seine Dusche genießen, was dann Hilfe empfangend und nicht gebend wäre. Um steuerlicher Akrobatenkunst vorzubeugen, kennt das Finanzamt eine „Opfergrenze“. Die Steuerpflicht bleibt und Spenden sind private Aufwendungen.
Was im Dschungel der Hilfe- und Gewissensqualen oftmals auf der Strecke bleibt, ist nicht die Hilfsbereitschaft selber, sondern die Einbindung des Gebers. Beim Engagement rund um die Welt und der Auseinandersetzung mit der Richtigkeit für die jeweilige Hilfe, bleibt die Hilfe Selber auf der Strecke auch wenn man sich nicht nur mit Geld „freikauft“, sondern sogar persönlich engagiert.
Immer und überall, in jeder Nachbarschaft, gibt es Familien, Kinder und Senioren, die Rat, Tat und und Hilfe gebrauchen könnten. Einerseits wird das nicht mal wahrgenommen, andererseits als zu nah empfunden. Was ist, wenn die einem auf die Pelle rücken? DIESE Hilfesuchenden wird man ja nicht mehr los! Was sollen denn die Nachbarn dazu sagen?
Na und?
Stellen Sie ruhig 2/3 Ihrer Finanz-Umverteilungsaktionen ein. Beenden Sie Ihre soziale Unschärfe und werden Sie in der Nachbarschaft aktiv. Das kann auch eine Hilfe für alle sein, indem Sie eine Müllecke und eine Schandfleck beseitigen. Schaffen Sie Freude im Alltag. Merken Sie sich die Namen Ihrer Nachbarschaft, man kann nie wissen, ob man nicht mal irgendwo klingeln muss. Und unterschätzen Sie niemals die Mächtigkeit eines guten Beispiels. Hilfe zur Selbsthilfe nennt man das. Sie werden überrascht sein, wie nahtlos sich empfundene Peinlichkeit in Ruhe und innere Zufriedenheit wandelt.
Und gleichzeitig ist dies die beste Vorbereitung auf eine wahrscheinliche Zukunft, glaubt man Herrn
von Weizsäckers heutigem Artikel in der FAZ: Kein Wachstum, nur noch Glück?
Nur geht es mir eben nicht um überbeanspruchte Ressourcen, sondern eher um die geistige Pathologie der sozialen Existenz der Menschen.
Franz Wanner - http://blog.corporatebookstore.de




