Killer-Gesellschaft mit fatalen Folgen
Sondieren, aussortieren und fast schon eliminieren. Eine Vorgehensweise eines heißen Aktionstreifens oder eines Konsolenspieles? Wer nun glaubt, dass hier ein neues Spiel oder ein neuer Film vorgestellt wird, muss enttäuscht werden. Vielmehr geht es um eine wahre Killer-Gesellschaft, die als solches natürlich nirgends auf dem Papier besteht, jedoch täglich existent und sehr präsent ist. Die Opfer: Millionen von Kindern und Jugendlichen im Land.
Natürlich wird in Deutschland kein Kind im Rahmen der gesellschaftlichen Thematik getötet (aktuelle und sich wiederholende Kindestötungen und Missbrauch sollen an dieser Stelle nicht thematisiert werden), und doch kann man eine gewisse Tötung durchaus in einem anderen, wenn auch nicht minder wichtigen gemeinsamen Kontext zwischen den Zuständen im Land, den noch zum Teil sehr jungen Menschen und deren Leben gebracht werden. Top-Schlagwörter zu diesem Thema sind unter anderem Koma-Saufen, eine zunehmende Verwahrlosung im körperlichen und geistigen Sinne, tendenziell ansteigende Gewaltbereitschaft und dem Abhandenkommen von gewichtigen Werten. Böse und verkorkste Jugend?
Absolut nicht, denn die seit vielen Jahren zunehmende Entwicklung erweist sich bei einer genaueren Betrachtung als ein engmaschiges Netz aus System, Kapitalismus, Ignoranz und Selbstverwirklichung mit dem Touch des Alles-haben-wollen und Tun können, deren Endprodukt die Jugendlichen sind. Kinder, und hier sind auch die Jugendlichen im Alter von 12-18 Jahren gemeint, scheinen für Außenstehende nicht zwingend notwendig das schwächste Glied in einer Gesellschaft zu sein, die in ihrer Entwicklung der letzten rund dreißig Jahre einen bedenkenswerten Gang genommen hat. Und doch ist dieser Status bei einer großen Anzahl von jungen Menschen so. Eine Realität, die im eigentlichen Sinne bereits mit der Geburt beginnt und sich fast schleichend durch die ersten prägenden zehn Jahre eines Kindes ziehen.
Drahtzieher System und Kapitalismus
Was haben nun das System oder auch ein Kapitalismus damit zutun, dass bereits Achtjährige morgens lieber die Schule schwänzen und auf der Parkbank selbst schon Hochprozentiges auf Ex trinken? Dass Jugendliche Einbrüche begehen, Senioren quälen, das Nachbarskind bis zum Tod verletzen oder gar Amoklaufen? Um dieses Thema besser verstehen zu können, muss man hier an dieser Stelle einen kurzen gedanklichen Rundgang machen, der bei der Geburt anfängt und sehr oft in einem Heim, Gefängnis, der Psychiatrie oder gar auf dem Friedhof endet. Ohne an dieser Stelle philosophisch werden zu wollen, liegt jedem neuen Leben die Tatsache zugrunde, dass es aus biologischer Sicht ebenso eine breite Vielfalt mitbringt als auch im Sinne von geistigen Fähigkeiten und damit einhergehenden Talenten. Kaum jemand wird den Eltern nun unterstellen, dass sie dieses unbeschriebene Buch in einen laufenden Horrorroman verwandeln wollen. Doch nun beginnt der fatale, heute herrschende Kreislauf, der sich fast schleichend wie eine Spirale nach unten dreht und im Fundament vielfach nur ein Bröckeln bereithält und in der Regel auch vielen Eltern eine Reaktionsfähigkeit nimmt.
Einst noch in Traditionen eingebunden, die auf einer klassischen Rollenverteilung basierte, deren Grundlagen darin bestand „Vater arbeitet, Mutter bleibt zuhause und zur Not ist die Tante oder Oma da“, konnte Aufmerksamkeit, Anteilnahme am kindlichen Leben, Erziehung und auch die Vermittlung von vielen wichtigen Werten im Sinne eines sozialen Menschen vermittelt werden. Gewiss konnte auch vor einigen Jahrzehnten eine Jugendkriminalität oder ein Drogenkonsum registriert werden, allerdings nicht in dem Ausmaß wie heute. Lag es an einem Mehr an Zeit der Eltern? Einer besseren Erziehungsarbeit in Kindergärten oder Schulen? Gab es weniger das Muss und den Druck einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft? Experten sprechen in diesem Kontext von der Summe des Ganzen und bei einer tieferen Betrachtung wird es sehr offensichtlich, dass schleichende gesellschaftliche Prozess zu dem heutigen erschreckenden Stand geführt haben.
Zunächst jedoch einmal für die zahlenfreudigen Deutschen ein paar Fakten in Zahlen. Innerhalb von nur knapp zehn Jahren, mithin seit dem Jahr 2000, konnte eine Zunahme bis zur toxinen Vergiftung der Jugendlichen beim Thema Komasaufen von 170% registriert werden. Über eine halbe Million Kinder, Jugendliche und Heranwachsende wurden im Jahr 2008 unter dem Bezug der Jugendkriminalität als Tatverdächtige registriert, wobei es sich hier nur um die tatsächlich ermittelten Fälle handelt, in denen 8-21 Jährige als Täter aktiv wurden. Laut einer europäischen Schülerstudie (weltonline berichtete) aus dem Jahr 2008 hatten rund 28% der deutschen Jugendlichen bereits den Griff zu Cannabis und Co unternommen. Nach Angaben der OECD schwänzen rund 100.000 Kinder Tag für Tag die Schule. Eine Liste, die sich endlos im Negativen fortsetzen lassen könnte.
Ursache: Zwischen Minilohn, DSDS und systematischem Konsumwahn
Worauf basiert nun diese Entwicklung? Zunächst sei hier die alltägliche Realität der überwiegenden Mehrheit der Deutschen erwähnt, die sich Tag für Tag zwischen einem Minilohn von durchschnittlich 5 Euro, einem stetig kleiner werdenden Familiengefüge, Hartz IV sowie dem kapitalistisch manifestierten Konsumverhalten und dem hirntötenden Fernsehkonsum zwischen DSDS und Daily-Soaps gegenüberstehen sehen. Mütter, die nicht freiwillig einer Berufstätigkeit nachgehen, sondern gezwungenermaßen Geld verdienen müssen, weil der Partner zu einem Hungerlohn arbeitet, der eine Familie real selbst als Vollzeittätiger an den Rand von Harzt IV bringt. Väter, die sich einem ständig zunehmenden Druck gegenüber sehen, der aus einem Leistung erbringen müssen, Familie ernähren und Angst vor einem Jobverlust besteht. Erzieher, die unter kindlichen tonalen Allergien leiden und aufgrund eines „geht nicht anders“ Schulstunden ausfallen lassen und sich krampfhaft an den Vorgaben der Schulämter festkrallen. Volle Regale mit verlockenden Angeboten und mediale werbliche Reizungen direkt in die Gehirne der Kinder und Jugendliche implantiert, um brav im kapitalistischen Sinne das allgemeine und im Besondern wirtschaftliche System aufrecht zu erhalten.
Dazwischen wird bereits den Kleinsten ein eigenes Denken und Handeln untersagt, diese in ihrer Kreativität und im Aufwachsen in Schemata gepresst, damit am Ende wiederum funktionelles Menschmaterial entstehen kann, das alles hinnimmt und sich einfügt, weil eben alles so ist wie es ist. Und wer da nicht hineinpasst, fällt eben durch das Raster samt nachfolgenden Konsequenzen. Dass Kinder und Jugendliche in solch einer Gesellschaft kaum mehr einen fixen Haltepunkt erkennen, geschweige erleben können, verwundert dann nun wirklich nicht und da sie noch recht unverbraucht in ihrem Denken sind, brechen sie aus diesem Kreislauf mit einem „aktiven und doch stillen Aufschreien“, bestehend aus Einsamkeit, desinteressierter Gesellschaft, Konsumwahn und Perspektivlosigkeit aus. Saufen und Drogen töten die innere Hilflosigkeit wie bei zahlreichen Elternteilen, Gewalt wird als alltägliche Kommunikation in einer ansonsten kommunikationsarmen Welt eingesetzt und die herrschende Wertlosigkeit des Individuums in einer Welt aus Manipulation, Lug und Betrug selbst aus den obersten Rängen, als solche auch wert- und sinnlos betrachtet. Es ist sehr einfach zu sagen „katastrophale Jugend“, wenn sich keiner der Erwachsenen aus dem Elternhaus, den mit einem Erziehungsauftrag versehenen schulischen Einrichtungen und der Politik an die eigene Nase fassen und in den Spiegel sehen, um darin die wahren Kriminellen und Abhängigen betrachten zu können. Das Spiegelbild zeigt hierbei im Hintergrund die Kinder und Jugendlichen im Land, die am Ende der Spirale das Produkt einer versteckten, doch existenten Killergesellschaft sind und, selbst einmal Erwachsene, das Erlernte sowie Erlebte wiederum an ihre Kinder weitergeben werden.




