Mittwoch , 25 Mai 2016
Startseite » Gesellschaft » Soziales » Warum macht Wohlstand psychisch krank?

Warum macht Wohlstand psychisch krank?

family four parkLeben wir Menschen in den westlichen Industriestaaten nicht unter den besten, je da gewesenen Voraussetzungen? Statt Hunger zu leiden, wie unsere Eltern oder Großeltern vor 70 Jahren, gibt es ein wahres Überangebot an Nahrung. Auch bei den Getränken steht uns vom stillen Mineralwasser bis zum feinsten Whisky alles zur Verfügung. Wir frieren bestenfalls, wenn wir uns zu spärlich kleiden. Doch bevor ich noch Einiges zum Komfort, den wir heutzutage alle genießen dürfen, aufzähle, werfe ich gleichzeitig die Frage auf: Wo sind die vielen vor Glück strahlenden Gesichter?

Die Heizung im Haus funktioniert auf Knopfdruck. Schon lange wird keine Kohle mehr aus dem Keller hochgeschleppt – und sollte jemand selbst Holz zerkleinern, dann dient dies eher gewollt der Bewegung, anstatt einer Notwendigkeit. Unsere neuen Autos denken für uns mit, erklären uns den besten Weg zum gewünschten Fahrziel, öffnen und schließen die Fenster automatisch, und bieten selbst bei Unfällen deutlich erhöhte Sicherheit für die Insassen.

Viele haben sich zu Hause ein Heimkino eingerichtet. Unzählige Fernsehsender aus aller Welt, mit einer Bildqualität, die früher unvorstellbar war, unterhalten uns. Viele Stadtbewohner verfügen über ein Wochenendhaus am Lande. Urlaubsreisen in alle Welt werden angeboten, auch für Leute mit eher knappem Budget. Selbst Kreuzfahrten sind schon lange kein Luxus mehr. Kurz gesagt, es wären eigentlich alle Voraussetzungen gegeben, um glücklich und zufrieden durchs Leben zu gehen.

Doch halt! Was ist trotz der aufgezählten Tatsachen bittere Realität? Immer mehr Menschen erkranken an psychischen und psychosomatischen Krankheiten. Es gibt wohl kaum Medikamente, die sich einer größeren Beliebtheit erfreuen als jene, die eine Stimmungsaufhellung versprechen.

Und, von ärztlich verschriebenen Psychopharmaka ganz abgesehen, was bringt so viele junge Menschen dazu, sich in Drogen und „Komasuff“ zu flüchten? Was vermissen sie?

Woran mag es also liegen, dass wir auf der einen Seite die besten Bedingungen vorfinden, um glücklich zu sein, auf der anderen Seite aber immer mehr an seelischen Probleme leiden?

Wie ich oft und gerne erwähne, bin ich kein Experte. Dafür verfüge ich – so nehme ich zumindest an – über gesunden Hausverstand. Und ich habe da so eine Vermutung: Ich glaube nämlich, dass sich unsere Gesellschaft weitgehend ihrer Werte entledigt hat. Und damit meine ich nicht die Werte, die sich in Geld messen lassen, sondern jene, die zu wirklicher Lebensqualität beitragen.

Etwas provokant könnte man sagen, dass die Meisten vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Doktor Bruno Kreisky (1970 – 1983) formulierte es einst punktgenau: „So wie es in den Familien ausschaut, so schaut es im ganzen Land aus!“ Besser kann man es nicht sagen.

Und wer den Zustand so vieler Familien realistisch beurteilt, dem müssen fast die Tränen kommen. Denn die traditionelle Familie, mit Papa, Mama und Kindern, wurde ordentlich durchgebeutelt. Schon lange gilt es als „altmodisch“, um es vorsichtig zu formulieren, wenn sich eine Frau um ihre Kinder mehr kümmert als um ihre berufliche Karriere.

Liegt hier vielleicht der Verdacht nahe, dass sich jene Kreise, in deren Händen die Fäden liegen, diesen Umstand zunutze machen; dass sie fleißig weiter Zwietracht zwischen den Geschlechtern schüren?

Die Zeche dafür zahlen die Kinder! Denn es ist ein Verbrechen, sie einerseits im Überfluss, dafür aber ohne jegliche Nestwärme aufwachsen, abstumpfen zu lassen.

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir erkennen, dass wir den falschen Propheten auf den Leim gegangen sind. Sie haben uns Werte vorgegeben, die ihren Interessen entsprechen, nicht den unseren. Und so viele von uns, die überwiegende Mehrheit, haben dieses materielle Wertmaß übernommen, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein.

Fehlerhafte Entwicklungen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Wie werden jene Kinder, die ohne Liebe heranwachsen, später einmal ihre eigenen Kinder behandeln? Welchen Einfluss haben Eltern überhaupt noch auf ihre eigenen Kinder, wenn es ihnen selbst an Zeit fehlt und der Nachwuchs das Leben überwiegend durch Filme, Internet und Computerspiele zu bewältigen lernt?

Ist noch Zeit für eine Schubumkehr? Zurück zur alten Auffassung, dass es sich bei der Familie um die „Keimzelle des Staates“ handelt? Doch was zählt heute schon der einzelne Staat, in einer Welt der Globalisierung?

Ich kann nicht beurteilen, wie viele Menschen meine Meinung teilen. Doch ich glaube, es ist höchste Zeit, jenen Ratgebern kein Gehör mehr zu schenken, die sich zwar wissend und wohlerzogen geben, deren Ratschläge aber nicht uns, sondern den Herrschern über die Wirtschaft dienen.

Wir brauchen bloß einen Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zu werfen. Wollen wir diesen Weg wirklich weiter gehen?

Über