Schülermotivation 2.0: Aufrüstung für bessere Noten
Die Jugend wird aufgerüstet. Wenn sie es nicht selbst kann oder will, das soll bei wenigen moralisch sensiblen Vertretern der Fall sein, helfen Sportler und die Öffentlichkeit gleich mit. So wurde auf einem dritten Programm berichtet. Tatort: Münchens Stadtteil Hasenbergl. Und es war keine Satire. Aber natürlich nur für eine Gegenleistung. Immer schön fordern und fördern. Zum Beispiel bessere Noten in der Schule als Bezahlung für einen Selbstverteidigungskurs. In einfache Worte gegossen heißt der Deal: Wenn du bessere Noten schreibst zeige ich dir wie du andere verprügeln kannst und nicht nur immer selbst verprügelt wirst. Also nie wieder Opfer auf dem Schulweg.
Wir könnten auch an alle Handfeuerwaffen verteilen. Das erzeugt eine unglaubliche Chancengleichheit. Das Training und die Kosten sind überschaubar. Geht sicher auch mit diesem neuen Bildungsgutschein.
Völlig abwegig wäre es natürlich zu verlangen, dass die Erziehungsberechtigten ihre Zöglinge so weit im Griff haben, dass diese nicht ständig als Schläger im Gewalt und Testosteron- Rausch durch die Straßen torkeln. Oder das so viel Disziplin an der Schule herrscht, dass so etwas nur in Ausnahmefällen vorkommt und nicht zur Regel wird. Wenn das die abendländische-christliche Leitkultur ist, kann es ja bald richtig heiter werden. Bord-Maschinengewehre für verärgerte Autofahrer sind dann wohl auch irgendwann selbstverständlich. Auseinandersetzungen an der Kasse des Supermarktes sind mit einem kleinen Duell auf dem Parkplatz auch viel effektiver zu lösen, als durch zeitraubende Diskussionen unter Hinzunahme des Filialleiters.
Ich habe dem Fernseh-Bericht sehr genau zugehört. Da war kein satirischer Unterton. Da wurde voll Bewunderung über Menschen berichtet, die sich dafür einsetzen, dass es Selbstverteidigungskurse für Kinder gibt, die sonst regelmäßig in der Schule krankenhausreif geschlagen werden. Wenn man schon so weit ist, könnte man ja auch eine Bürgerwehr ins Leben rufen, die dafür sorgt, dass die Erziehungsberechtigten der Schläger krankenhausreif geschlagen werden. Ich muss diese Geschichten mit der De-Eskalation von Gewalt, dem Gewaltmonopol bei der Polizei, dem friedlichen Miteinander, dem Vermitteln von Werten und Idealen jahrelang völlig missverstanden haben.
Natürlich hatte ich selbst als Schüler auch die eine oder andere non-verbale Auseinandersetzung. Auch bei meinem Sohn war das der Fall. Und Hinterher gab es ein klärendes Gespräch zwischen den beteiligten Erziehungsberechtigten. Anschließend eine kurze Verdeutlichung des Gespräch-Inhaltes gegenüber dem Nachwuchs.
Sicher ist es eine schnelle und einfache Maßnahme dafür zu sorgen, dass sich die Kinder ihrer Haut wehren können. Aber selbst das halte ich für abwegig. Kinder die nicht prügeln wollen, werden (Gott sei Dank) Skrupel haben, zuzuschlagen. Der oder die Schläger haben Spaß an der Sache, wissen wie es sich anfühlt mit der Faust draufzuhauen und stecken einen Gegentreffer schon mal weg. Das ist genauso sinnvoll, wie das berühmte Pfefferspray, welches man sich aufgrund ungünstiger Windrichtung selbst in die Augen sprüht, welches immer ganz unten in der Handtasche ist, oder sogar in der anderen Handtasche.
Am meisten erschüttert mich aber die völlig unreflektierte Zustimmung, mit welcher das 3. Programm über dieses Aufrüsten berichtet. Sind wir jetzt schon so weit, dass wir Gewalt unter Jugendlichen, sowie die Ohnmacht oder das Desinteresse der Eltern einfach hinnehmen? Wird es normal, dass die Schule und Schulweg ein gefährliches Pflaster sind, auf dem wir unsere Kinder durch Selbstverteidigungskurse wehrhaft machen müssen? Ist das unsere Welt und unser Ziel?
Ein Beitrag aus der Reihe "Rottlers Rigoroses Review"




