R³ - Westliche Werte sind keine weltweite Universallösung
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe sind uns Europäern ans Herz gewachsen. Das sind Werte die wir verstehen, die uns wichtig sind, und von denen wir glauben, dass sie für den Rest der Welt genau das richtige sein müssten. Wobei der Rest der Welt in diesem Falle wesentlich größer ist, sowohl zahlenmäßig als auch hinsichtlich der Fläche, als uns das gemeinhin bewusst ist. Wir setzen die vorgenannten Begriffe auch gerne mit Demokratie gleich. Oder werfen alle in einen Topf, rühren einmal gut durch und verkaufen diesen Eintopf dann als westlich-christliche Leitkultur. Man könnte man auch Humanismus dazu sagen.
Die letzte erfolgreiche Installation dieses Wertebündels hat vor ziemlich genau 66 Jahren bei uns in Deutschland stattgefunden. Warum das so erfolgreich bei uns stattfinden konnte, ist mir sehr rätselhaft. Deutschland ist keine gewachsene Demokratie, eher eine von den Siegermächten verordnete. Wahrscheinlich waren auch die Mechanismen des Kalten Krieges ein Erfolgsfaktor, sowie die deutsche Gründlichkeit im Befolgen von Verordnungen.
In vielen anderen Staaten wurde das gleiche versucht, man denke nur an Vietnam, Afghanistan, Irak, die vielen ehemaligen Kolonien und an die ehemaligen Sowjet-Republiken. Der Erfolg war und ist eher bescheiden, wenn überhaupt gab es kleine Anfangserfolge, die dann wieder durch das Machtstreben Einzelner im Lande selbst, oder fremder Interessensblöcke, vernichtet wurden. Die politischen Veränderungen in Nordafrika, die Erfolge sind ja bisher recht unterschiedlich und stehen auf eher unsicheren Füßen, nennen wir gerne das Streben nach Demokratie. Ich habe da so meine Zweifel. Ich höre da viel eher einen Ruf nach Gerechtigkeit und Wohlstand. Wenn man sich die Revolution im Iran näher betrachtet, kann man auch erkennen, dass Khomeini nicht mit einem Demokratie-Versprechen die Massen begeistert hat, sondern mit dem Versprechen der Gerechtigkeit.
Denkt man an materielle Gerechtigkeit kommen einem schnell Gedanken an Sozialismus oder Kommunismus in den Sinn. Oder auch das Schlagwort gekaufter Wählerstimmen. Im Iran war es damals eher die Teilhabe an den Gewinnen aus den Ölexporten, ähnlich wie heute in Ägypten. Über diese Gier der Nicht-Besitzenden, über dieses Locken mit materiellen Werten kann man schnell die Nase rümpfen. Vor allen Dingen, wenn man, wie wir, alles hat was man so zum Leben braucht.
Stellt man sich eine streng hierarchisch gegliederte Gesellschaft vor, mit einem Familienoberhaupt, mit einem Dorfältesten, mit einem Stammesführer, geht unserer Naserümpfen gleich weiter. Archaische Strukturen, die wir ablehnen würden, deren Sinn wir nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen.
Schon gar nicht wollen wir verstehen, warum diejenigen, die wir mit unserem Demokratie-Eintopf beglücken wollen, das nicht dankend annehmen. Ganz im Gegenteil, diese Menschen sprechen uns sogar ab überhaupt eine Ethik oder Moralvorstellungen zu haben. Und bringen Ethik und Moral in eine zwanghafte Verbindung mit Religion. Schon sind unüberwindbare Gräben geschaffen. Das wird auch in Ägypten der Fall sein, wage ich vorauszusagen. Es mag einige junge, unabhängige und weltoffene Menschen geben, die tatsächlich Demokratie anstreben. Das wird sich aber zahlenmäßig im Promille-Bereich bewegen. Der große Rest, die schweigende aber auch festgefügte Mehrheit, befindet sich in einer Struktur, die zumindest mehr bietet als der Staat, und auch mehr bietet als der Westen, mit seinen Werten.
Das tut uns weh, gedanklich. Wir verstehen nicht warum die anderen die Demokratie nicht wollen und wir verstehen noch weniger warum sie uns qualitativ abwerten. Das geht den uns fremden Kulturen übrigens genauso. Wir werten deren Kulturen und Werte schließlich auch ab. Man muss sich dabei noch vor Augen halten, dass wir Europäer, in welcher Art und Weise auch immer, den Rest der Welt dominieren. Die Geschichte ist asymetrisch, der Westen war oben, die Anderen unten. Das macht die Sache nicht leichter.
Und dann existiert da noch der Vorwurf, dass wir Westler unsere Werte der ganzen restlichen Welt aufzwingen wollen. Ob es dem Rest der Welt nun passt oder auch nicht. Gleichzeitig werden die von uns so hochgepriesenen Werte verraten. Und das schon seit der Kolonialzeit und auch ganz aktuell. Man denke an Guantanamo, die Tatsache dass uns Wirtschaftsinteressen oftmals wichtiger sind als Menschenrechte und ähnliche Entgleisungen. Dafür haben wir immer gerne eine Erklärung, die Anderen fühlen sich einfach unterdrückt.
Vor diesen Scherbenhaufen stehen wir erst einmal. Da die Welt als solche groß und kompliziert ist, sollten wir einen Blick in einfachere Strukturen wagen, die auch immer wieder das Problem haben, das sich unterschiedlichste Kulturen zusammenfinden müssen. Zum Beispiel bei der Fusion zweier Firmen.
Unter Unternehmensberatern gibt es da für Firmen eine ganz einfache Vorgehensweise: Man versucht zunächst die andere Kultur kennenzulernen. Als nächstes wird das Verständnis für die fremde Kultur aufgebaut. Dazu versucht man die Qualitäten und Potentiale der anderen Firmenkultur zu erkennen und darzustellen. Hat man das geschafft und erkannt, geht es an die Würdigung der fremden Leistungen. Danach werden gemeinsame Firmenwerte entwickelt, daraus wird ein Maßnahmenkatalog erstellt und ein sogenannter Masterplan zur Umsetzung. Viel höher als 50% ist die Erfolgsquote dieses Rezepts leider auch nicht. Und Firmen sind, wie bereits erwähnt, wesentlich einfacher als die ganze Welt.
Trotzdem wurde es bereits versucht, die Welt auf gemeinsame Werte zu bringen.. Der Theologe Hans Küng sucht mit seinem Projekt Weltethos humanistische Ideale in allen Kulturen und Religionen um sozusagen den kleinsten gemeinsamen Nenner zu definieren. Bisher ohne nennenswerten Erfolg. Der Bonner Ethnologe Christoph Antweiler sieht da auch recht schwarz: „Man kann in fremde Kulturen keine Orientierungen, Normen und Werte „hineinsehen“, sagte er in einem Interview des Deutschlandsfunks. „Für Werte die der Westen für unverzichtbar hält, gibt es keine globale Einigkeit“.
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, übrigens auch bei uns nicht umgesetzt, ist ein höllisch heißes Eisen, für das es bis heute keine Lösung gibt. Diskussionen über Werte wie Menschenrechte, Freiheit oder überhaupt Humanismus mit Vertretern islamischer Kulturen enden oft im Streit. Zum streiten braucht man bekanntlich immer zwei. Und auch da sollten wir nicht den Fehler machen, die Schuld nur bei den anderen zu suchen.
Mein persönlicher Eindruck zum Thema „weltweite und für alle verbindliche Werte“ ist , dass es zu diesem Thema bisher keine Veränderung und schon gar keinen Fortschritt gegeben hat. Wir treffen in letzter Zeit, bedingt durch die Globalisierung, nur wesentlich öfter als früher aufeinander. Und wir reden mehr und mehr auf Augenhöhe miteinander. Was uns nicht immer zum Vorteil gereicht und uns einer komfortablen Situation entreißt.
Die einzige gemeinsame Wertvorstellung, die ich erkennen kann, resultiert aus der Tatsache, dass wir alle Menschen sind, die leben möchten. Dass wir Menschen sind, die ein Bewusstsein haben, fühlen und mitfühlen können. Der Rest ist ein weiter Weg und ein großes Betätigungsfeld. In dem wir Europäer nicht nur lehren sollten, sondern vor allen Dingen erst einmal lernen müssten. Vor allen Dingen lernen zuzuhören und uns ohne Besserwisserei auf Fremdes einzulassen. Lernen, dass wir mit unseren Werten nicht der Nabel der Welt sind und nicht die alleinseligmachende Wahrheit kennen.
Ein Beitrag aus der Reihe R³ - Rottlers Rigoroses Review.




