Vom Recht zum Zwang
Es gab Zeiten, in denen Menschen den Familienverband als den wichtigsten Bereich ihres Lebens einstuften. Japan gehörte zu den ersten Ländern, in denen, zumindest Männer, ihrer Arbeit mehr Bedeutung zusprachen. Einst war die Erwerbstätigkeit das Mittel, Schritt um Schritt wurde sie zum Zweck. Während für einen Teil der Menschen die Loslösung von traditionellen Werten durchaus willkommen erscheint, sehen sich andere gezwungen, neuen Trends zu folgen. Die Behauptung, es könne doch jeder machen und leben wie er wolle, ist von Grund auf falsch. Auch wenn auf die Bewohner westlicher Demokratien selten politischer Druck ausgeübt wird, so sind es wirtschaftliche Notwendigkeiten, die zu einem bestimmten Lebensstil zwingen.
Erst gestern hat The Intelligence darüber berichtet, was Bundeskanzlerin Angela Merkel über Meinungsanalysen denkt. Einer der Punkte, den sie in ihrer Rede anschnitt, war das, in Deutschland wieder ansteigende, Interesse am Familienleben. Dazu meinte sie wörtlich:
„Auch wenn Familie an Bedeutung gewinnt, lese ich daraus nicht etwa einen Rückzug ins Private ab, sondern ich glaube, dass die Menschen sehr genau darauf achten, dass die verschiedenen Lebensbereiche in der Gesellschaft – die Arbeitswelt, die Familienwelt, die Welt des Ehrenamtes – möglichst gut vernetzt sind und dass sie zueinander stimmig sind, was uns wieder zu den Grundzügen der Sozialen Marktwirtschaft führt.“
Die deutsche Bundeskanzlerin, Politiker schlechthin, jene Kräfte, die über das Wohlsein des Volkes demokratischer Länder entscheiden, gehen also davon aus, dass die Bedeutung der Familie nicht darin liegt, sich ihr zu widmen. Das Ziel ist die Vernetzung. Was soll damit gemeint sein? Wie kann die fehlende Zeit, die Eltern nicht ihren Kindern oder auch einander widmen können, durch „Stimmigkeit“ aufgeholt werden? Wie kann die fehlende „Nestwärme“, durch Gruppenverwahrung von Kleinstkindern, ersetzt werden? Wie soll ein heranwachsender Mensch Liebe, Zuneigung und Mitgefühl anzuwenden lernen, wenn er all dies, während der frühesten Jahre seiner Kindheit, nicht an sich selbst erfährt? Haben wir nicht den Zwang des Kommunismus verachtet, in dem Frauen, Mütter, in Fabriken geschickt wurden, um ihre Kinder, dem neuen Gesellschaftsideal entsprechend, unter staatlicher Aufsicht zu erziehen und zu formen?
Ohne Zweifel, gibt es genügend junge Familien, die mit den modernen Voraussetzungen problemlos und harmonisch umzugehen gelernt haben. Es gibt Menschen, die ziehen es vor, entweder überhaupt als Single oder kinderlos durchs Leben zu gehen. Doch dürfen diese Beispiele wirklich zum Anlass genommen werden, denjenigen, die sich gerne dafür entscheiden würden, ein traditionelleres Dasein zu führen, zu erklären, dass dies einfach nicht mehr ginge, dass sich die Zeiten änderten, dass es andere ja auch problemlos schaffen würden und zufrieden damit seien, ihre eigenen Kinder nur stundenweise zu sehen. Eva Hermann, die durch einige wirklich ungeschickt gewählte Vergleiche sehr viele Sympathien eingebüßt hatte, ist es aber trotzdem gelungen, in einem, beim Kopp-Verlag erschienen, Artikel, deutlich auf die Widersprüche der Interessen der Mehrheit und der gleichzeitig konträren Propaganda zu verweisen. Der Ruf einzelner Frauen, dass sie, trotz eigener Kinder, einer Arbeit nachgehen wollen, wird in einer Art präsentiert, als würde es sich dabei um die Meinung der Mehrheit handeln. In Wirklichkeit, jedoch, zeigen Umfrageergebnisse, dass 80 Prozent der Mütter es vorziehen würden, während mehrerer Jahre, ihre Kinder selbst zu versorgen.
Hier stoßen wir aber auf ein Problem, dass selten von der richtigen Seite behandelt wird; Und eine befriedigende Lösung der Situation wäre eigentlich nur in einer totalen Umstrukturierung der wirtschaftlichen Gegebenheiten zu finden. Die Forderung, Müttern über Jahre hinweg staatliche Unterstützungen zu gewähren, würde nämlich enorme Kosten mit sich bringen. Dass sich Mütter, die es vorziehen, einer Arbeit nachzugehen ebenso dagegen wehren wie kinderlose Menschen, ist eine unausweichliche Konsequenz. Staatliche Förderungen werden schließlich durch Steuergelder finanziert.
Wie hat Familienleben früher, auch noch in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, funktioniert? Ganz einfach. Ein einzelnes Einkommen hat ausgereicht, um die Lebenshaltungskosten für eine Familie zu decken. Hier als Argument anzuführen, dass wir heutzutage mehr Anforderungen an die Lebensqualität stellen, dass wir über „Luxusgüter“ wie Autos und Fernsehgeräte verfügen, wäre unüberlegt und oberflächlich. Der enorme Fortschritt der vergangenen hundert Jahre hat nicht nur derartige Artikel in Existenz gebracht, sondern auch deren Produktionskosten drastisch reduziert. Vergleichen wir das Leben einer Familie um 1900 mit dem Leben von heute, so dürfen wir nicht den Fehler begehen, die Errungenschaften der Technik als Maßstab zu nehmen. Die Basis des Vergleiches wäre, ob ein durchschnittliches Einkommen zum Führen eines, der Epoche entsprechenden, angemessenen Lebens ausreicht.
Deutschland hat den ersten Weltkrieg verloren und unter den Folgen enorm gelitten. Was dann kam, ist allgemein bekannt. Und wieder waren die Kosten enorm. Doch mittlerweile sind sechseinhalb Jahrzehnte ohne Krieg vergangen, die umstrittene Beteiligung am Afghanistan-Feldzug beiseite lassend. Keine Seuchen und keine dramatischen Naturkatastrophen haben die Entwicklung zurückgeworfen. Deutschland gehört zu den führenden Industrienationen und deutsche Qualitätsprodukte werden in aller Welt respektiert. Wo bleibt die Verbesserung der Lebensqualität, die durch Technik und Fortschritt eigentlich eintreten müsste? Der größere Komfort, verglichen mit der Zeit um 1900, liegt einerseits, wie gesagt, daran, dass die Entwicklung neue Produkte hervorgebracht hat, und andererseits an dem Umstand, dass in fast jeder Familie zwei Menschen einer Erwerbstätigkeit nachgehen.
Stellen wir uns vor, eine Familie mit zwei oder drei Kindern lebt von einem einzelnen Durchschnittseinkommen. Welche Wohnverhältnisse ließen sich damit finanzieren? Wie würde die Kleidung aussehen? Was gäbe es zu essen? Von Auto, Computer, Spielzeug für die Kinder, außer selbst gebasteltem, wäre sicher keine Rede. Vielleicht ist es einer Familie damals nicht besser ergangen, damals, als die Hälfte des Volkes noch auf Bauernhöfen lebte, als Schuhe und Kleidung noch von Hand gefertigt wurden und die Abendunterhaltung das Lesen eines Buches bei Petroleumlicht war. Nicht der Fortschritt ist an uns vorbei gegangen, sondern seine Früchte.
Auch wenn es schockierend ist, dass es in den westlichen Ländern, die so gerne auf ihren Reichtum verweisen, eine nennenswerte Zahl von Obdachlosen gibt oder Menschen, die wirklich hungrig sind, im großen und ganzen findet die Mehrheit ihr Auskommen. Es gibt genügend Häuser und Wohnungen, genügend, um nicht zu sagen, zu viele, Fahrzeuge, und täglich vom Feinsten zu essen entspricht sicher nicht dem Sinn des Lebens. Woran es uns heute fehlt, ist Zeit – und ich würde sagen, mehr denn je. Und der wichtigste Faktor, der durch diesen Zeitmangel in Mitleidenschaft gerät, ist das Familienleben. Einst hieß es, dass die Familie die Keimzelle des Staates sei. Gesunde und glückliche Familien würden einen soliden, stabilen und erfolgreichen Staat formen. Betrachten wir die rasant fortschreitende Entwicklung, Scheidungsraten, Alleinerziehende, kinderlose Ehepaare, Spannungen in Familien, die auf Zeit- und Geldmangel beruhen, so lässt sich weder erkennen, dass die Familie noch als Keimzelle des Staates Respekt findet noch dass sich an der Situation etwas verbessern könnte. Ein Mensch soll und kann nicht zum Familienleben gezwungen werden. Es sollte aber die Möglichkeit dazu gegeben sein, so wie vor hundert, vor tausend und vor zehntausend Jahren.



