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„Ein Teil von jener Kraft, …“

young peopleWelche Perspektiven bietet das vorherrschende materielle Weltbild noch? Sollte der Sinn des Daseins wirklich nur im Aufbau von Wohlstand und steigendem Konsum liegen, wie sinnlos wäre das Leben dann während einer wirtschaftlichen Rezession? Was nützt dem Menschen seine umfassende Denkfähigkeit, wenn er es trotzdem zulässt, dass seine eigenen Ansichten in vorgegebene Bahnen gezwängt werden? Was bleibt, wenn traditionelle Werte durch neu entstandene Trugbilder ersetzt wurden, und sich diese Trugbilder letztendlich als solche erweisen? Die derzeitige Krise mag künstlich geschaffen sein. Das Erkennen dessen kann zu Ärger, Angstzuständen und – der Unveränderbarkeit wegen – zu Verzweiflung führen. Aber auch zu neuem Überdenken des eigenen Weltbildes.

Worin wurzeln unsere inneren Überzeugungen? Sind sie in unseren Gehirnen von Natur aus verankert, wurden sie uns in die Wiege gelegt, oder handelt es sich um eine Reflektion der Summe von Informationen, die wir teils bewusst, teils unbewusst, im Laufe unseres Lebens aufnehmen? Zweifellos handelt es sich bei unseren Ansichten um Erlerntes, schließlich ist es für jedes Lebewesen unumgänglich, sich seiner Umgebung entsprechend anzupassen. Die Frage nach einem Sinn ist zweitrangig.

Unter dieser notwendigen Anpassung, unterstützt durch einseitige Erfahrungssammlung, leidet allerdings unsere Objektivität. Wie soll es einem Mitteleuropäer gelingen, über die Lebensbedingungen in einem völlig fremden Kulturkreis ebenso wie in vergangenen Epochen ein wertfreies Urteil zu fällen? Oder über Mitmenschen, die sich schlicht weigern, mit dem Strom zu schwimmen? Unverständnis bezüglich der Handlungen Andersdenkender führt in den meisten Fällen zu voreiligen Schlüssen. Konträre Ansichten als Dummheit ausgrenzen ist gewiss einfacher als die eigene Meinung von Grund auf neu zu überdenken.

Was bewegt eine so große Zahl unserer Mitmenschen, allen Ernstes zu glauben, dass das Leben unserer Vorfahren überwiegend von Ignoranz, Unterdrückung und Leid geprägt war? Könnte es vielleicht sein, dass wir uns nur allzu kritiklos zum Glauben verführen ließen, dass es sich bei technischen Errungenschaften um die Basis zivilisierten Daseins handelt? Sind Beethovens Symphonien, Goethes Schriften oder Schopenhauers philosophische Gedanken Ausdrücke primitiver Lebensform?

Dass es angenehm ist, sich in einem bequemen Automobil fortzubewegen, in wohl temperierten Häusern mit elektrischem Licht zu wohnen, jederzeit über eine gesunde und wohlschmeckende Speisenauswahl zu verfügen und noch so vieles mehr, was unserem Leben deutlich mehr Komfort beschert als noch vor wenigen Generationen erahnt werden konnte, ist mit Sicherheit nicht anzuzweifeln. Sind aber nicht gleichzeitig all zu viele Menschen dem Irrglauben verfallen, dass derartige Annehmlichkeiten zu den Grundvoraussetzungen zählen, dem Leben Sinn zu verleihen? Wird dem Streben nach mehr Komfort nicht allgemein zu viel Bedeutung zugemessen? Könnte es vielleicht sein, dass wesentliche Kriterien des Menschseins in den Schatten blinkender Werbelichter verdrängt und letztendlich restlos vergessen wurden?

Das 20. Jahrhundert, ein äußerst kurzer Abschnitt in der gesamten Entwicklung der Menschheit, brachte revolutionierende Veränderungen mit sich. Doch diese beschränken sich nicht bloß auf Äußerlichkeiten wie Autos und Flugzeuge, Wolkenkratzer und übervölkerte Metropolen, gleichzeitig setzte auch eine Umkehr fast aller überlieferten Grundsätze ein. Wer schenkt heutzutage noch Idealen wie Nächstenliebe, Mitgefühl, Moral, Respekt oder Treue Beachtung? Schon lange formen Menschen keine Gemeinschaften mehr. Unsere Städte sind von Individualisten bevölkert, die nicht miteinander, sondern in Konkurrenz zueinander leben. Einsatzbereitschaft und Durchsetzungsvermögen sind die Tugenden der Neuzeit.

Menschen, die mit den entsprechenden Fähigkeiten ausgestattet sind, um im überall herrschenden Konkurrenzkampf zu bestehen, verfügen sicher über das Recht, sich ihrer Erfolge zu erfreuen. Warum sollte jemand, der zu den Gewinnern einer Ordnung zählt, diese in Frage stellen? Doch in jedem Wettkampf kann es immer nur einen Gewinner geben. Es bleiben ein Zweit- und ein Drittplatzierter, denen es beim nächsten Anlauf gelingen könnte. Doch was geschieht mit dem Rest? Wer seine Unterlegenheit in einem bestimmten Sport einsieht, dem steht es offen, sich zurückzuziehen. Doch was geschieht mit den Teilnehmern am Überlebenskampf? Solange wirtschaftlicher Erfolg und der dadurch erzielte Komfort als Lebenssinn gelten, die überwiegende Mehrzahl naturgemäß jedoch zu den Verlieren zählt, wird das Leben somit seines Sinns beraubt?

In Goethes „Faust II“ treten zwei Figuren in Erscheinung, „Hoffnung“ und ‚Angst“, die größten Feinde des Menschen. Die Hoffnung auf bessere Erfolge lässt uns weiter kämpfen, lässt uns übersehen, wie oft es Windmühlen sind, gegen die wir antreten. Und die Angst, die schlechte Situation könnte sich noch weiter verschlechtern, lässt uns der vorgegebenen Linie folgen, ohne zu hinterfragen, wohin dieser Pfad am Ende führt.

Unsere Zivilisation ist an einem Punkt angelangt, an dem sich nicht mehr übersehen lässt, dass Wohlstand und sorgloses Dasein die Privilegien einer Minderheit sind. War es notwendig, diesen Zustand zu erreichen? Bietet unsere Erde nicht genug Raum, Nahrung und Rohstoffe, um zumindest den größten Teil der Menschheit zu versorgen, ohne dem Individuum seine ganze Lebensenergie dafür abzuverlangen? Wäre es nicht möglich, den technischen Fortschritt dazu zu nützen, dem Menschen mehr Zeit zu geben, um seine persönlichen Interessen zu verfolgen? Wäre es nicht begrüßenswert, junge Menschen dahingehend zu beeinflussen, unser kulturelles Erbe zu würdigen und zu erhalten? War es wirklich notwendig, eine Gesellschaft zu schaffen, die aus unzufriedenen Egoisten besteht, um über lange Zeit hinweg das Wirtschaftswachstum zu sichern? Wäre es nicht für Alle begrüßenswert, in einer harmonischen Gemeinschaft zu leben, in der das Vorhandene zur Befriedigung Aller geteilt wird?

Ohne Zweifel stünden die Mittel zur Verfügung, um wesentlich angenehmere Bedingungen zu schaffen. Vom Interessenskonflikt mit den vorbestimmten Siegern des Welt-Monopolyspiels abgesehen, würde es nur einzelne Veränderungen erfordern, um die Not so vieler Menschen zu lindern. Um diejenigen, die in diesem Spiel gerade überleben, von anhaltendem Druck zu befreien. Um mehr Raum für Menschlichkeit zu schaffen.

Östlichen Philosophien zufolge, dient jede Entwicklung, auch wenn sie auf den ersten Blick noch so unwillkommen erscheint, ausnahmslos einem positiven Zweck. In Indien existieren viele Geschichten, Gleichnisse, die dies anhand konstruierter Beispiele zu erklären versuchen. Nachdem Reinkarnation und die Existenz verschiedener Seinsebenen Bestandteil des östlichen Denkens sind, führt auch der oft angewandte Vergleich zwischen göttlicher und menschlicher Geburt zu tieferem Verständnis.

Gautama Buddha zufolge, handelt es sich bei Weisheits- oder Wahrheitssuche, beim Streben nach dem Entschlüsseln kosmischer Geheimnisse, um ein rein menschliches Privileg. Niedrigeren Wesen fehlt es an entsprechendem Verstand. Gottwesen hingegen, so die Annahme, erfreuen sich derart günstiger Bedingungen, dass ihnen der Anlass fehlt, nach Erkenntnissen zu forschen.

Goethes Faust zeigt sich schon im ersten Monolog von tiefer innerer Unzufriedenheit geplagt. Sein Arbeitzimmer bezeichnet er als „dumpfes Mauerloch“. Zwar verfügt er über mehr Wissen als „all die Laffen“, doch ist er sich gleichzeitig bewusst, dass dies keineswegs dazu ausreicht, „die Menschen zu bessern und zu bekehren“. Auch fehlt es ihm an „Gut und Geld“, und „Ehr’ und Herrlichkeit der Welt“. Und so bemüht er sich, „durch Geistes Kraft und Mund“ zu erkennen, was „die Welt im Innersten zusammenhält“.

Mephisto tritt, als „des Pudels Kern“, auf die Bühne. „Nun gut, wer bist du denn?“, stellt Faust die Frage und die Antwort lautet. „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft!“

Dabei handelt es sich um eine Aussage, die sich nur schwerlich mit christlichem Gedankengut in Verbindung bringen lässt, was für ein Genie wie Goethe natürlich keineswegs ein Hindernis darstellte. Nach christlicher Auffassung steckt, von wenigen Ausnahmen vielleicht abgesehen, nichts Gutes in bösen Taten. Von dunklen Mächten, vom Teufel sind solche beeinflusst, dienen ausschließlich der Zerstörung und Verwirrung, und werden durch Höllenqualen geahndet. Auf dem scheinbaren Widerspruch, dass ein allmächtiger und barmherziger alleiniger Schöpfer auch Bösartigkeit, Not und Leid in Existenz brachte, basiert eine theologische Lehre, der von Gottfried Wilhelm Leibnitz der Name „Theodizee“ verliehen wurde.

Insbesondere während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es, westlich orientierte Menschen von einer rein materiellen Welt zu überzeugen. Begriffe wie Gott und Seele, Tugend und Moral, entstammen veraltetem Aberglauben, von kirchlichen Organisation als Instrument der Unterdrückung propagiert. Untugenden wie Habgier und Egoismus wurden nicht nur salonfähig, sie wurden zur Basis von Ruhm und Ehre. Promiskuität ist schon lange keine Schwäche mehr. Natürlich nicht von jedem Menschen, doch von unserer Gesellschaft im allgemeinen, wurden praktisch alle Tugenden als solche eliminiert, während unsoziales, unmoralisches, dem Wohle der Gemeinschaft schadendes Handeln auf breite Akzeptanz stößt.

Tugendhaftes Verhalten und gegenseitiger Respekt dienen gewiss in erster Linie einem harmonischen Zusammenleben, doch deren Bedeutung reicht wesentlich weiter. Als inkarnierte Wesen leben wir in der Überzeugung, voneinander getrennt zu existieren. Auch wenn vermutlich jeder einzelne von uns es ablehnt, anderen Menschen Schaden zuzufügen, eine rein materialistische Denkweise kann keine Motivation dafür bieten, Vorteile gegenüber Mitmenschen nicht auszunützen, solange keine weltlichen Gesetze dabei verletzt werden. Der Glaube an die eigene Sterblichkeit bietet wenig Anlass, über den eigenen Tod hinauszublicken. Solange sich die Früchte der materiellen Welt ohne wesentliche Einschränkungen genießen lassen, wäre es tatsächlich völlig absurd, deren Realität in Frage zu stellen.

Glichen die Bedingungen des irdischen Daseins den Vorstellungen von einem „Paradies“, was sollte wohl der Anlass sein, über diese Illusion hinwegzusehen? Was sollte uns dazu bewegen, dieses Weltbild zu hinterfragen? Zweifellos sehnt sich jedes Lebewesen nach bestmöglichem Komfort. Und, zumindest im Falle denkender Menschen, sollten letztendlich gerade die unüberwindbaren Hindernisse, die uns von dem, was uns scheinbar zusteht, trennen, als Anlass dienen, den tatsächlichen Wert des Angestrebten zu überdenken.

Ungeachtet, ob wir uns der Annahme anschließen, die besagt, dass eine kleine Gruppe elitärer Entscheidungsträger nach Weltherrschaft strebt, oder, dass die gegebenen Voraussetzungen einer logischen Entwicklung entsprechen, die skrupellosen Spekulanten und Wucherern dabei helfen, ihre Aktionen in unermesslichen Reichtum umzusetzen, die Kapitalkonzentration in Händen Weniger basiert mit Sicherheit nicht auf philanthropischen, sondern auf rein egoistischen Motiven. Reichtum bzw. Kapitalzuwachs entsteht nicht aus sich selbst heraus, sondern dadurch, dass die Masse der Menschen regelmäßig mehr Leistung erbringt als sie im Gegenzug dafür erhält. Wer immer diese Art der Ausbeutung vorantreibt, handelt sicher nicht aus einem Gefühl des Respekts gegenüber der Menschheit heraus.

Dieses Streben als „böse“ zu bezeichnen, ist natürlich nur im metaphorischen Sinne möglich. Doch, um auf Mephisto zurückzukommen, zweifellos birgt dieses wirtschaftliche und finanzielle Chaos, das durch uneingeschränkte Macht- und Habgier entstanden ist, auch durchaus Positives in sich. Es trug dazu bei, die Lebensvoraussetzungen auf unserem Planeten für mittlerweile sehr viele Menschen äußerst unangenehm zu gestalten. Es trug dazu bei, dem Traum von Wohlstand und sorgenfreiem Leben ein Ende zu setzen. Und wenn auch leider nur für sehr wenige, so dient diese zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, die offensichtliche Unterdrückung, das organisierte Verwehren der verdienten Früchte für erbrachte Leistungen, manchen Menschen doch als Anlass, dieses vorherrschende Weltbild zu hinterfragen.

Haben wir einmal erkannt, dass unsere Regierungen nicht uns vertreten, sondern die Märkte, dass die Medien nicht in unserem Sinne schreiben, sondern im Sinne der Märkte, dass Lügen, die den Märkten dienen, hemmungslos aufrecht erhalten werden, dann führt dies zwangsweise zum Erkennen, dass wir schon zu lange falschen Idealen folgten. Wenn Konsum und seichte Kurzweil als Lebenssinn einmal ausgedient haben, dann öffnen sich wieder breite Türen, nach einem wahren Sinn zu suchen. Und als Ansatz dafür, wo wir mit der Suche beginnen könnten, dienen vielleicht auch unsere Vorfahren, die ohne Strom und ohne Auto vor der Tür auch glücklich lebten – und vermutlich sogar glücklicher als wir heute. Der größte Unterschied liegt aber gewiss nicht in diesen Äußerlichkeiten, sondern im ehemals verbreiteten Bewusstsein, dass wir Menschen mehr sind als zusammengefügter Staub, der dank biochemischer Prozesse im Gehirn eigenständige Gedanken und Emotionen hervorbringt.

Über Konrad Hausener