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R³ - Die Zeiten ändern sich und was machen wir?

polizei_kelle_altFrüher, vor ganz langer Zeit, als ich gerade einmal 11 Jahre alt war, habe ich es einmal gewagt, in einer sehr ruhigen Wohngegend, gegen die Fahrtrichtung in einer Einbahnstraße den Schulweg abkürzen zu wollen. Innerhalb weniger Sekunden fand ich mich von zwei Polizisten in voller Bewaffnung sowie einem Polizeiauto umstellt. Es folgte eine umfassende Hinterfragung meiner Moral, der Sitten meines Elternhauses, sowie meiner ethischen Vorstellungen. Abschließend wurde dann noch die Beleuchtung an meinem Fahrrad überprüft und mit einer ernsthaften Verwarnung sowie einer handfesten Drohung für die Zukunft wurde ich dann wieder ins Leben entlassen. 

Vorgestern Abend stand ich, feierabendgetrieben meinen Gedanken nachhängend, mit meinem Auto an einer großen, vielbefahrenen Kreuzung. Aus dem Augenwinkel nahm ich das neue Blau unserer Ordnungshüter in ihrem Dienstwagen neben mir war. Die vor uns liegende Fußgängerampel sprang gerade auf rot, was mich veranlasste schon einmal beherzt die Kupplung zu treten um für den ersten Gang gerüstet zu sein, als eine ganze Horde jugendlicher Radfahrer, bei Rot, gegen die Fahrtrichtung und ohne Beleuchtung die Fahrbahn kreuzten. Die Polizisten neben mir in ihrem Dienstfahrzeug waren mindestens genauso erschüttert wie ich, und konnten wohl aufgrund der sofort einsetzenden Schockstarre weder die Verfolgung, noch die Umstellung, und schon gar nicht die Hinterfragung von Sitten und Moral, wie damals bei mir vor vielen Jahren, aufnehmen. Bis in die Grundfesten unseres Weltbildes wankend nahmen wir, also die Polizisten und ich, in unseren Fahrzeugen die weitere Fahrt dann wieder auf.

Gestern abend saß ich, auch wieder feierabendlich gestimmt, in der Deutschen Bundesbahn. Auf der Heimreise. In der 1. Klasse. Das gesteht man mir als Extrem-Bahnfahrer arbeitgeberseitig zu. Und außer mir in dem ganzen Großraumwaggon vielleicht noch vier andere, leicht übergewichtige, mit Zeitschrift oder Laptop ausgestattete und business-konform gekleidete Mittelschichtler. Also so Typen wie ich. Wir waren noch nicht losgefahren als drei großgewachsene und gutaussehende Polizisten in voller Bewaffnung durch den Waggon eilten. Aha, dachte ich mir, Zollvergehen. Aber weit gefehlt. Ungefähr auf meiner Höhe trafen sie auf die Zugbegleiterin (früher hieß das Schaffnerin, für die älteren Leser) und verkündeten dieser im Vollbewusstsein ihrer Mission und ihrer Wichtigkeit: Da hinten, im letzten Wagen der 1. Klasse, da sitzen Ausländer. Asylbewerber. Die haben in der ersten Klasse nichts zu suchen. Da müsse sie (also die zugbegleitende Schaffnerin) einmal danach schauen. Und wenn es Schwierigkeiten gäbe, könne sie gerne auf die Kollegen von der Polizei zurückkommen. Gesagt, und weg waren sie.

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Außer einem staatsbürgerlichen Unwohlsein und einem leichten Schämen hinsichtlich unserer Gastfreundschaft erzeugte diese Aussage zunächst nichts in meiner Gefühlswelt, und so versank ich wieder in meiner Lektüre. Nebenbei kamen dann Gedanken auf wie: Kein angenehmer Job für die Schaffnerin; Woran erkennt man eigentlich einen Asylbewerber? In welchem Gesetz ist geregelt, dass man als Asylbewerber nicht doch ein Ticket der 1. Klasse haben darf? Woher kommen die wohl und welche Sprache sprechen sie? Wohin die wohl fahren müssen? Wie fühlt man sich wohl in einem fremden Land mit fremder Sprache, aber ohne Reiseführer und Reisegruppe?

Nach vielleicht zwanzig Minuten kamen sie dann, vorneweg die Zugbegleiterin, übrigens vielleicht gerade halb so groß wie die Polizisten und hintendrein die Asybewerber, sofern es denn welche waren. Nach der Ansage der Polizisten hatte ich mindestens die Einwohnerschaft von Nordafrika erwartet. Ich hatte mich leicht verschätzt. Es war eine Mutter und ihre drei Kinder. Vom Kampfgewicht her wären die Polizisten also ein klein wenig in der Übermacht gewesen. Die kleine Schaffnerin bedeutete der Dame im Großraumwagen Platz zu nehmen. Diese stellte dankbar ihre Koffer ab und nahm sichtlich erschöpft Platz. Die Kinder taten das, was alle Kinder auf der Welt mit ihren unerschöpflichen Tatendrang tun: Sie lachten und unterhielten sich und bestaunten die Welt durch die getönten Scheiben der 1. Klasse.

Wir 5 deutschen Mittelschichtstypen hielten einfach die Klappe. Niemand störte sich an der müden Frau, oder den fröhlichen Kindern. Was in Deutschland nicht ganz selbstverständlich ist. Passiert ist sonst nichts weiter. Weder hörte sich die Welt auf zu drehen weil Asylanten, oder solche die man dafür hielt, in der ersten Klasse saßen, noch kam es zu ernsthaften diplomatischen Verwicklungen. Ich konnte auch keinerlei extremistische Tendenzen erkennen, aber ohne jahrelange Übung wie bei den Kollegen von der CIA oder in Guantanamo kann man das wahrscheinlich auch nicht. Auch unser christlich-abendländisches Kulturerbe war anscheinend nicht in Gefahr, überfremdet zu werden. Wobei ich nicht einmal sagen könnte welcher Religion, oder ob überhaupt einer, die kleine Familie angehörte.

Am nächsten Bahnhof war die Zugbegleiterin dann noch beim Aussteigen behilflich und versuchte zu erklären wie man zum Anschlusszug käme. Ich hoffe die Mutter hat alles gut verstanden und ist mit ihren Kindern inzwischen wohlbehalten an ihrem Ziel angekommen.

Und Hut ab vor der Zugbegleiterin. Wahrscheinlich hat sie gegen viele Vorschriften verstoßen, als sie der Dame Asyl in der 1. Klasse gewährt hat. Trotz gegenteiligem polizeilichem Unterstützungsangebot. Und wären wir 5 Mittelschichts-Übergewichts-Typen nicht solche deutschen Hornochsen ohne jedes Gefühl für Menschlichkeit oder Gastfreundschaft, hätten wir den Kindern und ihrer Mutter, wie sich das gehört, wenn man Gäste hat, ein Abendessen organisiert.

Ich kann also dem Fremden in Deutschland nur empfehlen, als Transportmittel das Fahrrad zu wählen. Nicht immer ist eine mutige Zugbegleiterin zu Stelle und der Radfahrer wird in Deutschland, zumindest zur Zeit, eher selten von der Polizei behelligt.

 

Ein Beitrag aus der Reihe "R³ - Rottlers Rigoroses Review"


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