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Datenspalterei

beim_friseurSo ein Friseurbesuch ersetzt jede Wellnessoase, zumindest empfinde ich das so bei dem einzigartigen Figaro meines Herzens. Allein schon die theatralische Geste, mit der er mich in den Sessel vor dem Waschbecken geleitet, während fleißige Helferlein die nicht nennenswerte Wartezeit mit dargereichten Informationen im Gazettenformat, meist aus der Glitzerwelt, seltener aus Forschung und Wissenschaft, noch weiter zu verkürzen versuchen. Und erst die Kopfmassage! Sie soll ja bei manchen Damen schon Gefühle ausgelöst haben, welche bei den dazugehörigen Partnern wiederum Gefühle der rachelüsternen Art geweckt hätten, wären diese nicht via gekonnter Präsentation der Rechnung durch heftigste Ernüchterung im Keim erstickt worden. Ja, mein Figaro war ein Meister seines Faches und hätte ich diesen unheilvollen Bericht über neueste Erkenntnisse aus der Haaranalytik überlesen, würde ich diese Bezeichnung weiterhin einzig im bewundernden Sinne anwenden können!

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So aber spaltete der Fortschritt das in meinen Hairstylisten gesetzte Vertrauen bis in die Spitzen. Mit den nötigen Kenntnissen und Mitteln kann der Besitzer einer einzelnen Haarsträhne auf das Herzinfarktrisiko des Spenders rückschließen, feststellen, wann genau dieser welches Wasser von welcher Stelle getrunken hat und somit ein Bewegungsprofil liefern - und dem Teilenthaarten auf den Kopf zusagen, ob er als früher Vogel den Wurm fängt oder hoffnungslos verschlafen erst gegen Mittag aufzustehen gedenke. So finanziert man Salonexpansionspläne! Personalchefs und Versicherungen lassen sich derartige Informationen bestimmt einiges kosten, werden sie doch in dieser Hinsicht - noch - von den Krankenkassen im Stich gelassen!

Nicht umsonst beargwöhnte ich insgeheim schon seit je her dieses übertriebene Willkommenslächeln, wenn ich sporadisch diesen Ort der magischen Schere betrete! Auch die Maniküretten sind mir eine Nuance zu freundlich, trage ich doch durch permanente Nichtbeschäftigung meinerseits zu ihren Twiggyfiguren bei. Hatte ich doch den richtigen Riecher: Alles nur Tarnung, im Kämmerlein hinter dem Vorhang laborieren sie gewieft über geschnittenem Gut, dessen war ich mir sicher! Mit ein bisschen Glück konnten sie mein Haar jedoch noch nicht zuordnen, füllte ich die Kundenkarte erst dieses Mal aus. Damit dies so bliebe, suchte ich die Haarrettung in der spontanen Flucht.

Als glaubhafter Grund fiel mir eine akut auftretende Magen-Darm-Infektion mit heftigen Symptomen der überbrechenden Übelkeit ein. Die Idee war gut, Figaro öffnete aus Angst um seine Kundschaft und Sauberkeit seines Kittels weit aufschwingend den Ausgang. Auf dem Weg zum Parkplatz erwarb ich geistesgegenwärtig in der Apotheke meiner Gewohnheit ein entsprechendes Gegenmittel und erwähnte mit matter Stimme, dass ich die restlichen mir verbleibenden Tage nur mehr Zwieback krümelnd im Bett verbringen werde, ein Eimer als Sorgenauffänger neben mir. Selbstverständlich bezahlte ich per ec-Karte, Kundendaten und Kontoauszug belegten so meine geradlinige Berechenbarkeit.

Die Heimfahrt im strömenden Regen inspirierte mich zu weiteren Plänen. Heute erwartete niemand mehr, dass ich mich meinem haarigen Problem nochmals stellen würde. Das Auto schlummerte mitsamt seinem weiß der Geier was für Daten übermittelnden Navi gut sichtbar unterm Carport. Sowohl das eingeschaltete Handy auf dem Küchentisch, als auch der mit dem Internet verlinkte Computer bezeugten, dass sich mein geschundenes Profil nicht mehr aus dem Haus bewegte. Verräterische Shampooreste im Haar waren schnell ausgewaschen, ich war mir sicher, dass findige Spione anhand der chemischen Zusammensetzung Figaros Adresse ermitteln konnten.

Südwester und Brille gegen den Regen, Schal gegen den Sturm, das Ganze gegen Erkennungssoftware in Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen. Solchermaßen getarnt holperte mich mein aus dem Veteranenschlaf gerissenes Fahrrad platt überrascht gen Bahnhof. Der Feldweg verlief hinterm Haus, der bequem asphaltierte Weg flanierte an zu vielen Nachbarn und Bekannten vorbei. Der Zug brachte mich in den Süden der Stadt, die dortige Buslinie in den Westen. Alles bar beglichen, mit hoffentlich nicht registrierten Scheinen aus meiner eisernen Reserve. Zu Fuß querte ich belebte Straßen gen Süden. Dort betrat ich einen Salon, der eher die Bezeichnung Absteige verdient hätte. Unangemeldet bekam ich dennoch gleich einen Termin, dem Grad der Verstaubung nach zu urteilen, der erste seit langer Zeit.

Das Ergebnis schnitt mir jegliche Möglichkeit ab, unter die Leute zu gehen – so muss die Burka erfunden worden sein, das Verbot eben dieser folgte als logische Konsequenz der Ermittler, solchermaßen verunstaltet kann man sofort als Datenverweigerer eingestuft werden.

Während ich noch als letzten Ausweg die Aneignung einer Perücke andachte, natürlich aus Kunsthaar, weckte mich Figaro sanft aus meinen Albträumen, um mir ein weiteres Mal das umwerfende Ergebnis seiner Kunst zu spiegeln.

Ach, was soll´s, wenn schon gläsern, dann wenigstens hübsch toupiert – wir entkommen nicht, können aber darauf hoffen, dass das einstellende Gegenüber sich gleichermaßen über seine eigenen Mängel bewusst ist! Und, ganz ehrlich: Mit anderen Menschen möchte ich gar nicht zusammenarbeiten.


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