Richtungswechsel
Die heutige Jugend tut im Moment das, was wir hätten schon lange tun sollen. Sie lässt sich von der althergebrachten Werten nicht mehr beeindrucken. Sie lehnt sich erst einmal zurück, im übertragenen Sinne, denkt ein bisschen nach und entscheidet ganz neu. Und ungewohnt. Dieses, uns alten Säcken ungewohnte Verhalten, drückt sich zum Beispiel darin aus, das weniger Abiturienten als früher die berühmten MINT-Fächer studieren wollen. Das sind Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und technische Fächer. Es wird also demnächst die Welt untergehen, oder noch schlimmeres passieren. Schließlich sind das die Disziplinen, mit denen Deutschland das geworden ist, was es heute ist. Also Exportweltmeister, mit Forderungen im Ausland die wir wahrscheinlich abschreiben können und nebenbei völlig ratlos in der Finanzkrise. Und das gepaart mit Weltmarktführer bei der Solartechnik und im Maschinenbau. Oder doch schon nicht mehr?
Immerhin bilden die Chinesen mehr Ingenieure aus als wir Beamte haben und in der Zeit, in der bei uns wieder einmal eine Schulreform reformiert wird, wohin auch immer, stampfen die Inder ein neues Silicon-Wood (oder heißt das Holly-Valley) aus dem Boden.
Vielleicht ist es der heutigen Jugend ja wichtiger als uns damals, ein schönes Leben zu haben. Was nicht unbedingt in Überstunden, Scheidung, Wirtschaftswachstum, Firmenpleiten, Outplacement (das hieß früher Kündigung und Arbeitslosigkeit) und Raubtierkapitalismus enden muss. Vielleicht ein bisschen mehr Müßiggang als Schaffen bis zum Umfallen. Mehr Gelassenheit als Raffgier. Mehr Umsicht als Rücksichtslosigkeit.
Wir sollten diese neuen Werte verinnerlichen. Die alten haben uns weit gebracht, das darf man nicht verleugnen. Immerhin gibt es so etwas wie Wohlstand für alle. Aber irgendwann muss altes Denken auch aufhören. Es hat nicht nur Vorteile gebracht, sondern auch Probleme geschaffen. Und warum sollten die alten Köpfe, die die Probleme erdacht haben, in der Lage sein, auf einmal für Lösungen zu sorgen.
Die alte Doktrin „wenn alle fleißig arbeiten geht es auch allen gut, die Wirtschaft muss wachsen und die Steuern müssen runter“ funktioniert wohl nicht mehr lange. Vielleicht schafft die Jugend den Richtungswechsel, den wir schon vor 30 Jahren hätten einleiten sollen.
Ein Beitrag aus der Reihe "Rottlers Rigoroses Review"




