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Der Text für die Finanzkrise von gestern bis morgen

geldbeutel_leerDunkle Wolken entweichen gewichtigen Mündern und verfinstern die Sicht auf Morgen. Früher war eben alles besser. Ja klar. Doch wer hätte gedacht, dass früher ja bereits schon gestern war. Nun heißt es also den Gürtel enger schnallen. Was bei so manchem Arbeitnehmer sehr schmerzhaft sein dürfte. Der Hungerödeme wegen. Gestern, ja gestern, da ging es uns noch gut. Wir hatten Arbeit und Urlaub. Hatten Autos und Ziele. Hatten Kredite samt Zinsen. Unser Speck bestand nicht nur aus Kummer. Wir hatten alles so satt, uns ging es so gut: wir waren so nah dran und wollten um Weihnachten herum sogar mal was spenden! WIR WAREN SO NAH DRAN! Doch nun? Alles im Arsch. Die Arbeit. Der Urlaub. Das Auto. Der Kredit. Nur die Zinsen dafür sind geblieben.

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Geahnt haben wir es ja. Jeder für sich. Unausgesprochen. Nicht an die große Glocke unserer Kommunikation gehangen. Wir haben es still in uns getragen, dieses Wissen, dass es kein grenzenloses Wachstum gibt. In uns getragen wie eine Krankheit, und gehofft, dass diese nicht ausbricht. Unbegrenztes Wachstum gibt es doch nur bei Krebs. Der wächst und wächst und wächst. Nur blöd, das er einen umbringt. Es wäre ja auch zu schön gewesen: konsumieren, damit andere konsumieren können, was man selbst erschafft, um zu konsumieren. Ein volkswirtschaftliches Perpetuum Mobile. Ein Schlaraffenland, in dem die verzehrten gebratenen Tauben aus der Scheiße der in der Nahrungskette über ihnen Stehenden wieder auferstehen. Doch Pech gehabt. Da hilft kein Stochern und in die Hände klatschen: mehr als Gestank steigt aus unseren Haufen nicht mehr auf.

Ach, wie haben wir doch schön gelebt auf Kosten anderer! Die Jeans aus Indien. Der DVD-Player aus China. Die Nutte aus Tschechien. Billig. Billig. Billig. Geschenkt war noch zu teuer. Doch nun? Indien ist nicht mehr exotisch. Indien ist bald hier. Verdiene einen halben Euro pro Tag und nehme fürs Brot einen Kredit auf. Magere Zeiten. Sogar die Libido fährt Sparkurs. Der Invalide von Schräggegenüber fährt nicht mehr nach Cheb. Der bläst sich nun selber einen. Auch wenn er es angeblich mit dem Kreuz hat. Er war ja schließlich mal Pfarrer.

Doch wer trägt Schuld? Jesus jedenfalls, der schien schon etwas geahnt zu haben, als er die Banker aus dem Tempel schmiss. Vielleicht war es ja sogar weit mehr als nur eine Ahnung. Vielleicht hat er es ja sogar gewusst. Klar. Bei der Connection! Insiderwissen sozusagen. So ein Blödsinn aber auch. SEIT WANN KANN GELD DENN ARBEITEN?! Ich habe noch nie einen Hunderter im Blaumann gesehen. Auch sah ich noch nie einen 50-Euro-Schein ein Taxi fahren. Selbst die 2-Euro-Stücke - kleinwüchsig aber hart im Nehmen - machen keinen Finger krumm. Doch die Broker machten auf Arbeitsvermittlung und haben unsere Euros und Dollars trotz chronischer Arbeitsunfähigkeit auf Schicht geschickt. Und deren nur in der Fantasie durchgeknallter Analysten ausgezahlten Löhne bereits jeweils am 1. des Monats versoffen.

Doch diesmal sind die Broker nicht gesprungen. Warum auch. War ja nicht ihr Geld. Frau Meier geht ja auch nicht in Schwarz, wenn Frau Müller ein Kind tot gebärt. Auch wenn Herr Meier Frau Müller geschwängert hat. Ein Bild, welches sehr wohl passt, wenn man sich an Stelle von Herrn Meier den Kleinanleger, an Stelle von Frau Müller die Börse, und an Stelle von Frau Meier den Broker denkt. Im Sozialismus, da wurde Milch und Mehl subventioniert. Im Kapitalismus werden es die Banken. Aber Kinder macht doch nur Milch und Brot satt. Und nicht etwa Überweisungsscheine. Allgemeinwissen. Im Geflecht von Staat und Kapital wohl verloren gegangen.

Die Schwarzmaler haben ihre dicken Pinsel ausgepackt. Und sie malen dein Porträt. Und deins. Und deins. Und deines ebenso. Der Neue Realismus. Dabei haben wir uns doch noch nie für Kunst interessiert. Kunst ist doch brotlos. Nun sind wir es auch.

(Geschrieben um 2008. Aber passt ja irgendwie immer.)

Lothar Peppel


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