Donnerstag , 1 September 2016
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Technik spart Zeit! Und was machen wir damit?

hamster wheelEs gab wohl keinen Zeitraum in der Geschichte der Menschheit, in dem die Technik solche Fortschritte erzielte wie in den letzten 100 Jahren. Moderne Verkehrsmittel bringen uns immer schneller ans Ziel. Mühsame Handarbeit wird von Maschinen erledigt. Auch der Haushalt wurde fast zum Kinderspiel. Ein Fertiggericht in die Mikrowelle und binnen kürzester Zeit können wir eine warme Mahlzeit genießen. Doch wer erntet die Früchte des Fortschritts? Wie nutzen wir – als Menschheit – die eingesparte Zeit? Sind wir glücklicher als die Generationen vor uns?

Während Bauern in den 50er-Jahren noch im Schweiße ihres Angesichts das Korn ernteten, steht heute ein Arsenal von landwirtschaftlichen Maschinen zur Verfügung, die diese Arbeit mit unvergleichlicher Effizienz erledigen. Auch in Werkshallen und auf Baustellen muss nicht mehr gar so gerackert werden. Hochwertige, oft computergesteuerte Maschinen übernehmen auch hier die schwersten Arbeiten. Der Personalaufwand wird dank dieser Technik immer geringer.

Verliebte mussten früher tagelang auf die ersehnte Antwort auf ihre, per Post übermittelten, Zeilen warten. Heute kommt der Text Sekunden später beim Empfänger an – und bunte Bilder lassen sich gleich mitliefern.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass unser Leben durch den technischen Fortschritt um vieles leichter wurde; viele Mühen, die früher unerlässlich waren, bleiben uns erspart. Und nun komme ich zu jener Frage, die mich immer wieder beschäftigt: Es gelingt mir nämlich einfach nicht zu erkennen, wie sich das leichtere Leben positiv auf den Gemütszustand unserer Gesellschaft ausgewirkt haben könnte.

Mit Schrecken stelle ich fest, dass der Grad der Zufriedenheit in der Bevölkerung, trotz der aufgezählten Errungenschaften, immer weiter ins Negative gleitet. Psychologen erleben einen ungeahnten Zulauf, Antidepressiva sind ein Renner in den Apotheken, zahllose TV-Shows beschäftigen sich mit den immer größer werdenden Problemen beim Zusammenleben. Wo bleibt also der positive Effekt der Arbeitserleichterung? Sollten wir im Gegensatz zu früher nicht viel mehr Zeit haben, um uns den schönen Dingen im Leben zu widmen?

Zeit ist etwas, was sich auch der Reichste nicht kaufen kann. Aber wie nutzen wir jene Zeit, die uns durch den technischen Fortschritt geschenkt wurde? Wurden wir besinnlicher und ruhiger, oder verleitet uns gerade die gewonnene Zeit dazu, uns in Stress zu versetzen?

Hat uns der technische Fortschritt verlernen lassen, was wichtig ist im Leben? Neigen wir vielleicht deswegen zu Aggressivität, Nervosität oder auch Depressionen, weil uns der Kampf, immer und überall schneller und besser sein zu müssen, krank macht?

Würden uns Ruhe und Stille nervös machen, Muße, Zeit zum Nachdenken? Würden wir dann vielleicht gar erkennen, dass weniger mehr wäre? Dass unsere Lebensqualität steigen würde, wenn wir, statt auf stetes Wachstum, auf Nachhaltigkeit setzen würden?

Waren es am Ende vielleicht gar bloß die Interessen der Wirtschaft, die unser Leben in eine Richtung lenkten, die uns zu modernen Sklaven macht – zu willigen Arbeitskräften, kritiklosen Konsumenten und ausgepressten Steuerzahlern?

Erachten wir einen Hamster, der ohne sich tatsächlich fortzubewegen, endlos in seinem Rad vor sich hinläuft, als intelligent? Wie verhalten wir uns selbst?

Trotz der vielen Erleichterungen leiden immer mehr Menschen am sinnlos erscheinenden Leben.

Fortschritt gibt es anscheinend nur in der Technik, leider nicht beim Streben nach einem glücklichen, zufriedenstellenden, lebenswerten Dasein.

„Nimm dir doch Zeit!“, sang der französische Chansonnier Gilbert Becaud vor fast einem halben Jahrhundert. „Wer langsam geht, kommt auch voran!“ Vielleicht würde es nicht schaden, gelegentlich einmal darüber nachzudenken, wie wir das nächste Jahr planen würden, wüssten wir, dass es unser letztes ist. Und gleichzeitig würden wir vielleicht auch jenen Drahtziehern, die uns zu dieser unaufhörlichen Hetzjagd anstifteten, um aus jeder unserer Aktionen ihren Profit zu schlagen, einen Strich durch die Rechnung machen, wenn wir uns endlich einmal mehr Zeit für uns selbst nehmen würden.

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