Dienstag , 30 August 2016
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Occupy: Unsere Begriffe, unser Denken und unsere Herzen neu besetzen

occupy_everythingBei Occupy geht es auch und vor allem um ein neues Denken. Dieses manifestiert sich durch ein Neu-Besetzen von Begriffen. Dieses neue Denken untergräbt die bisherige Mikrophysik der täglichen Ausbeutung im finanziellen Austausch und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Besetzen der Wall Street ist inzwischen zu einer “Occupy Everything“ Bewegung geworden. Was durch die Besetzung einer Abstraktion begann – denn sie besetzten ja nicht eine Straße, sondern das Konzept der Wall Street – war eigentlich ein rhetorischer Kunstgriff. Wall Street ist nun in unser aller Verständnis zum Synonym für das verbrecherische Verhalten des Finanzkapitals geworden. Dieser Kunstgriff gibt einen genauen Einblick wie Macht bisher funktionierte.

Die Taktik von „No-Demands-Occupations“ ist die Antwort mehrerer Generationen auf beständig weiter fortschreitende Beschränkungen der Freiheit und auf den Ausverkauf der Zukunft. Diese Taktik wurde im Jahre 2006 geboren, als in Frankreich die Jugend gegen die Deregulierung des Arbeitsmarktes sich zusammentat. Die Sorbonne ließ damals vorsorglich den Campus absperren um eine Besetzung, wie sie im Mai 1968 stattfand, zu verhindern. Genau diese Maßnahme inspirierte aber die Studenten schließlich erst zu einer Besetzung ohne Forderungen.

Es war der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, der diesen Generationen lehrte, wie Macht durch Medien – und die Sprache die diese verwenden – in der Gesellschaft funktioniert. Der Dokumentarfilm „Manufacturing Consent – Noam Chomsky and the Media“ (1993) von Peter Wintonick und Mark Achba zeigte auf wie die Medien, als Teil der Machtstruktur der Konzerne, bestimmte Interessen verfolgen und deswegen nur Nachrichten auswählen, die bestimmte Seiten der Wirklichkeit, die etwa für die Regierenden unangenehm sind, ausblenden. Nick Davies trug zudem in seinem Buch „Flat Earth News“ (2008) den Mythos von der freien Presse zu Grabe. Zeitungen sind heutzutage Teil einer Schein Welt der organisierten Ignoranz. Eine Welt hervorgebracht von PR Spezialisten und Agenturen, die kommerziellen, politischen und ideologischen Zielen folgen.

Nachahmung und Begehren

Ebenso entscheidend für die jetzigen Generationen sind indirekt Erkenntnisse die Psychologie, Anthropologie und Kunstwissenschaft miteinander verbinden. Hierfür an dieser Stelle nur ein Beispiel: René Girard konnte in seiner Studie „A Theater of Envy“ (1991) die höhere Einheit im Werke Shakespeares als mimetisches Bedürfnis (Neid, diese am schwierigsten auszumachende der sogenannten 7 Todsünden) herausarbeiten, indem er Shakespeares Werk nicht interpretierte – wie viele Generationen von Forschern vor ihm – sondern es an seiner eigenen Methode maß. Das Umschlagen von Begehren in Hass beschreibt Girard als „Shakespeares Paradox“ und als der rote Faden durch sein Gesamtwerk: Die Nachahmung des Begehrens ist gleichzeitig die Grundlage der tiefsten Freundschaft und des größten Hasses. Unser Begehren wird durch unsere Art zu bewerten vergiftet, deswegen können wir nicht klar sehen. Wir können nur diejenigen werden, die wir wirklich sind, wenn wir dem mimetischen „Double Bind“ (imitier mich – imitier mich nicht) entkommen, der den bisherigen zwischenmenschlichen Beziehungen hauptsächlich zugrunde liegt. Richtige Beziehungen zwischen den Menschen können sich nur dort durchsetzen, wo ein Entkommen aus diesem pathologischen Symptom möglich wird. Dieses Entkommen hängt auch mit dem Prinzip des Teilens zusammen, denn nur in dem wir das mimetische Double Bind überwinden, treten wir als Gesellschaft in eine wirkliche gerechte und friedvolle Ordnung ein.

Das Grundprinzip aller Finanzmarkt-Spekulationen basiert nicht auf wirklicher Nachfrage und Angebot, sondern auf den Wertschätzungen einzelner Spekulanten, die dann von anderen Spekulanten nachgeahmt werden. All solche Einschätzungen sind deswegen bald rein mimetisch – bloß nachgeahmt – und so völlig losgelöst von der Wirklichkeit der echten Wirtschaft, den wahren Bedürfnissen der Menschen. Aber unsere privaten Beziehungen und die Finanzmarkt-Spekulationen unterlagen bislang üblicherweise denselben fatalen psychologischen Gesetzen der Nachahmung des Begehrens. Kein anderer als Shakespeare hat das so großartig und so schonungslos in seinem Werk bloßgelegt. Wobei erwähnt werden muss, dass andere Autoren wie Proust, Dostojewskij und Cervantes sich in ihrem Werk ebenfalls zentral an diesem Thema orientierten.

Was die meisten etablierten Leute der Wirtschaft tun, ist nichts anderes als einem falschen Spiel der Nachahmung zu folgen, dessen Regeln von einem fetischistischen Glauben an angeblich „objektive Daten“ bestimmt wird. Die Unstabilität unseres Wirtschaftssystems ist somit nichts anderes als ein Spiegel unseres mimetischen Gesellschaftssystems, in dem Begehren – bis in die intimsten zwischenmenschlichen Beziehungen hinein – ebenfalls beständig in fatalen Zyklen von Nachahmungen generiert wird.

Was Ted Hughes als „Shakespeares Tragic Equation“ bezeichnet – jenes mythische Umschlagen von Begehren in Hass, wenn es dem Mann nicht möglich ist, das Weibliche ganz und vollständig zu lieben, wie es ist, inklusive all der bedrohlich scheinenden unkontrollierbaren weiblichen Emotionen, beschreibt Girard ebenfalls als den roten Faden im Werk des Dramatikers. Für Girard ist die interne Geschichte des Theaters von Shakespeare die Geschichte des Begehrens: Alle Charaktere bei Shakespeare wollen so seien wie ihre siegreichen Widersacher, denn sie ahmen diese zwangsweise umso stärker nach, je weniger sie sich dem Gesetz der Nachahmung bewusst sind, welches all ihre Handlungen und Worte bestimmt.

Shakespeare zeigt uns darüber hinaus wie jenseits eines bestimmten Grades kollektiver Intensität, mimetische Rivalität zum Mechanismus des Entstehens von dem wird, was wir Mythos nennen. Wir konnten dies bisher weder im Werk von Shakespeare noch in unsere Gesellschaft erkennen, weil – so Girard – die westlichen philosophischen und wissenschaftlichen Traditionen auf dem Gegensatzprinzip basierten welches unsere beiden Gehirnhälften sowie Mimesis und Eros – Téchne und Psyche – von einander trennt.

Wenn wir nun aber die Zusammenhänge von Nachahmung und Begehren sehen lernen, kommen wir heraus aus der schalen Ästhetik der Gegenwart; denn die ideologische Unterdrückung dieser Zusammenhänge ist für den spirituellen Narzissmus unsere Kultur verantwortlich. Die Einsicht, dass jeder nur insofern sinnvoll handeln kann wie es die Umstände für alle erlauben, setzt von dem Druck sich gegen andere zu behaupten frei und legt die Grundlage für eine neue Qualität von Gelassenheit, die wiederum die Grundlage für einen vertieften Rückbezug zum Sein ist. Dieser Sinn für Gemeinsamkeit, jenseits des Spiels von Marktkräften und fehlgeleiteten Kräften des Begehrens, bildet nun die friedliche Grundlage des kommenden gewaltfreien Aufstandes der Völker der Welt.

Die Ursprünge der griechischen Demokratie führen genau auf solche Formen von kommunikativen Gemeinschaftsritualen der Polis zurück, in denen Mimesis und Eros nicht voneinander getrennt sind. Die heutzutage weltweit entstehenden Strukturen von Räumen für horizontale Entscheidungsfindung – mit ihrer Ausrichtung hin zu direkter Demokratie und Konsens-Findung – vermitteln deswegen bereits einen ersten Vorgeschmack auf ein wahres utopisches Theater. Differenziertes Zuhören lässt uns Begriffe wie Hierarchie und Leadership neu denken. Wir erleben hier einen Sprung in Sachen zwischenmenschlicher Verständigung, der uns das Lebendige am Dasein zurückgibt, indem die spontane Gruppendynamik Abläufe nicht mehr länger bürokratisch unnötig fixiert, sondern eher zu reiner Beweglichkeit und Veränderbarkeit im Denken und Handeln auffordert. Die Zusammenkünfte und Rituale eines interaktiven Theaters in dem Sprechen mit dem „Human Mic“ zu einer Form des Zuhörens und Zuhören zu einer Form des Sprechens wird.

Als am 25. Januar 2011 erstmals etwa 15.000 Demonstrierende den Tahrir-Platz in Kairo besetzten – im Rahmen eines ausgerufenen Tages des Zorns – bildete diese Aktion den symbolischen Ausgangsmoment auch für die Occupy-Bewegung. Die Menschen weltweit aber durchlaufen nun nicht unbedingt ganz dasselbe Ritual wie diejenigen auf dem Tahrir Platz. Aber doch in Abstufungen ähnlich. In Ägypten erzählten sich die Menschen gegenseitig, was sie all die Jahre unterdrückt hatten. Es entstand eine neue Diskussionskultur und gleichzeitig eine Art Therapierausch, denn ein solches Ritual synchronisiert die mythische Ebene mit der Ebene des täglichen Lebens. Normalerweise liefen bisher diese beiden Ebenen – die von Mimesis und Eros oder Analyse und Intuition bzw. – in unseren modernen Kulturen in unterschiedlicher Geschwindigkeit und getrennt voneinander ab.

Zu Zeiten historischer Umbrüche, wenn eine ganze Gesellschaft sich rapide wandelt, entstehen Formen von aktiven rituellen Dramen. Die Persönlichkeit der Teilnehmer löst sich in der Gemeinschaft auf und ist bereit, neu zusammengesetzt zu werden. Der Sturz von Mubarak wird infolgedessen nicht nur in der arabischen Welt als Wunder erlebt, sondern inspiriert tatsächlich Menschen in Ländern auf dem ganzen Globus ihre Stimme für Gerechtigkeit zu erheben.

Ein kultureller Wechsel

„Compassion is the new currency“ steht wie mit Fingern geschrieben auf einem eilig abgerissenen Stück Pappe – die saubere Innenseite eines Pizzakartons – in der Hand eines Jungen, der mitten in der Nacht in Oakland oder Georgia einem Fotografen entgegen läuft. In seinem Nacken trifft ein Drum Circle mit treibenden Klängen auf die weiblich-männlichen Rufe aus der General Assembly: Die menschlichen Stimmen fügen sich so zu einem gemeinsamen Rhythmus. Occupy ist so auch eine sich selbst hervorbringende Gemeinschaft. Kein taktisches politisches Theater, sondern ein kultureller Wechsel hin zu einer Gemeinschaft die auf Vertrauen statt wie bisher auf Misstrauen basiert.

Wenn wir aus den bloß vorgegebenen Formen und Ritualen ausbrechen, was kann dann nicht alles mit uns geschehen…

Ein Wort versucht auszudrücken, was potentiell alles nun mit uns geschehen kann: Dieses Wort steht für das Wesen ursprünglicher kommunikativer Praxis, welche ermöglicht, dass der Mensch in einen Zusammenhang eintreten kann, der sowohl in ihm existiert als auch außer ihm zu sein scheint: die Kraft der Selbstheilung und Selbstorganisation, die in der Natur steckt. Die Kraft einer neuen Art von Feedback-Kultur, die nicht mehr nur unser rationales Denken prägt wie bisher, sondern uns zu einer umfassenden Symbiose mit allen Formen des Seins führt. Eine Kraft, die uns in Einklang mit der Dynamik von allem Lebendigen bringt: Der Mensch dann nicht mehr ein, auf das rationale Denken beschränkt, Handelnder, sondern ein intuitiver Mitspieler innerhalb eines natürlichen Systems. Innerhalb einer Kultur, die sich auf die Grundregeln des Lebendigen und deren höhere geistige Gesetze einlässt und deren Logik in gesellschaftliche Form bringt.

Autopoieses bezeichnet, nach einigen Definitionen, eine alles durchdringende und miteinander verbindende Kraft, mit der man bewusst in Kontakt treten kann. Ervin Laszlo definiert sie als eine Art der Reaktion auf sich wandelnde Bedingungen, denen durch Anpassung auf der Grundlage einer bereits gegebenen Struktur nicht entsprochen werden kann.

Dieser Begriff, der für ein Prinzip steht, bezeichnet auch den vitalen Grundprozess, dem alle Evolution zugrunde liegt: Natürliche Systeme bringen mit der Evolution neue Strukturen und Funktionen hervor. Sie erzeugen sich selbst immer wieder neu, indem ihr Grad an Kommunikation mit anderen Systemen im Verlauf ihrer Entwicklung zunimmt.

Bezeichneten die Griechen mit „poiein“ die Handlung des “Machens“, so war „poiesis“ ihr Begriff für Kreativität. Autopoieses deutet also auch in eine Richtung, die ein kreatives Einwirken auf sich selbst und so auf die Welt aufscheinen lässt. Vorstellungen von Kunst und Kultur lösen sich mit diesem Wort auf, welches ein völlig neues Denken mit sich bringt. So öffnet sich der Weg hin zu einer Lebenskunst im umfassenden Sinne. Hin in Richtung der Erkenntnis der Bedeutung von Synergie, dieser wichtigsten Eigenschaft lebender Systeme, durch die sich Teile zu sich selbst organisierenden größeren Ganzheiten zusammen schließen. Alles Festgefahrene löst sich auf innerhalb von Konfigurationen, die sich ständig erneuern und das Leben als eine Einheit in der Vielfalt aufscheinen lassen.

Der autopoetische Blick verwebt organisches Leben mit der Biosphäre. Die Erde ist dann kein von einem getrennter Hintergrund mehr, sondern Teil unserer erweiterten Identität, durch die Natur und Geist zur Einheit gelangen. Der romantische Umgang mit Spinoza eines Schelling etwa – der über Fichte hinausging, indem er seine Naturphilosophie stark von Giordano Bruno beeinflussen ließ – besagte schon: Identität ist eine teilhabende Totalität, die die Chemie der Trennung Lügen straft. Die moderne Neurowissenschaft belegt nun, wie Aufmerksamkeit in Abhängigkeit von Emotionen entsteht. Alle performativen Aspekte der Kunst unterliegen also einer gewissen illusionären Kontrolle. Denn die Dinge, die wir wahrnehmen, haben ihren Ursprung in uns. Wir sehen Spiegelbilder unserer neuronalen Netzwerke und kein irgendwie objektives Bild der Welt. Die Auswahl externer Impulse, die das Gehirn registriert, ist Teil der sich selbst organisierenden Struktur dieses Gehirns. Die Welt in der wir leben ist abhängig von der Sprache unserer Gedanken.

Antonio Damasio und andere haben beschrieben, inwiefern die Wahrnehmung unserer Welt abhängt von der Art, wie wir unseren Körper wahrnehmen. Wenn das Denken also abhängig ist von Körperbewegungen, entschlüsselt dies das Geheimnis des Rituellen. Denn indem der Ritus uns zurückbringt in den großen Kreis aller Aufmerksamkeit, können wir durch ihn hinaustreten aus der üblichen Wahrnehmungswolke, die für uns die Massen-Medien verbreiten. Da unsere Entscheidungen und unser Verhalten abhängig sind von dünnen Schichten der Erfahrung, kann die Wirkungsmacht von etwa Marketing-Strategien als universelles Prinzip heutzutage im übertragenden Sinne sinnfällig werden für eine Generation, die dabei ist sich von der kommerziellen Massenhypnose zu befreien. Denn für die Lotus-Esser gilt es zu sehen, nicht zu sehen als … Indem wir Auswahl und Absicht in unser bewusstes Sehen integrieren, können wir nun zunehmend eine Welt bewusst mitgestalten.

Die Wirklichkeit wird beständig neu durch die Sicht einer subjektiven Wahrnehmung konstruiert. Dies gibt dem Erzähler die Möglichkeit durch eine einzige Szene zuweilen den Zuschauer dazu zu zwingen, alles, was er bislang gesehen hat, auf einmal völlig neu zu bewerten und einzuordnen. Der Trend seit einigen Jahren zu Mindgame-Filme ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Diese Filme setzen die Betrachter an einem ontologischen Punkt frei. Die Grenzen zwischen Phantasie und Realität müssen in jedem Moment neu bestimmt werden und dies erfordert eine völlig neue Form der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Und müssen wir nicht auch jetzt den Begriff Charakter neu denken, wo doch durchsichtig wird, dass die Traumrealität eines Charakters die notwendige Grundlage für seine von ihm jeweils konstruierte Realität ist und diese zugleich beständig bedroht? Ja: Das Ego wird durchsichtig als Traum/Phantasie-Gespinst und haucht als unzuverlässiger Erzähler sein Leben aus.

Netzwerk-Narration

So können wir sehen, wie unser Unterbewusstsein gegen uns arbeitet, wenn wir die Gesellschaftsstrukturen erkennen und die Arbeitsmethoden der Bewusstseinsindustrie. Wir sind auf dem Weg zur Netzwerk-Narration, bei der das Publikum ein Netzwerk aus Co-Kreativen ist, die untereinander in Kontakt stehen über eben dasselbe System von Kommunikationsstrukturen, welches für die Hervorbringung der Narration als Referenz-Punkt dient. Die Realität dieser Narration heißt Virtualität, was soviel bedeutet wie ein Zustand ständiger Verwandlung. Neuschöpfung in einem beständigen Jetzt. Ein Zustand, der mehr mental kognitiv ist als rational relativ. Ein Zustand echter Liebe, jenseits der Wirkungsweisen eines Begehrens welches durch unbewusste Nachahmung gesteuert wird. Denn aggressiv waren die Menschen bislang nicht in erster Linie deshalb, weil ihnen dies und jenes fehlte, sondern weil sie es nicht lassen konnten, das Begehren der anderen mimetisch nachzuahmen. Es ist mehr als genug vorhanden, wir können es untereinander gerecht teilen und gewinnen dadurch alle. Gleichzeitig brechen wir nun aus dem Teufelskreis sozialer Mimesis aus, der uns blind erstreben und nacheifern ließ, was uns jeweils von der Bewusstseinsindustrie kulturell vorgeformt wurde. Der Zustand jenseits dieses mimetischen Verhaltens ist dann derjenige der Emergenz. Ein Zustand der spontanen Herausbildung von neuen Eigenschaften auf der Makroebene des Systems infolge des Zusammenspiels ganz einfacher Interaktionen all seiner Elemente.

Für die Künstler geht es nun also auch darum Narration als Netzwerk wirklich konsequent umzudeuten, indem die Errettung der Gesellschaft vor Allodoxia mitgedacht wird. Allodoxia bezeichnet in der Soziologie die vorsätzliche nicht Berücksichtigung der wirtschaftlichen und kulturellen Funktion von Kunst, mit der Absicht als Künstler selbst den größten Gewinn an der eigenen Kunst einzufahren, ohne den größeren Kontext mitzudenken, der einem diesen Gewinn ermöglicht. Der größte Gewinn geht bisher vor allem zu denen, die ihr Geschäft damit machen, die Kunst im öffentlichen Raum zu verbreiten. Allodoxia bezeichnet eine vorsätzliche Verzerrung der Wahrnehmung, die dafür eingesetzt wird den größeren Kontext, der die Gesellschaft am Laufen hält in seinen selbstzerstörerischen Wirkungen, nicht sehen zu müssen. Der Ausweg aus den Sackgassen der liberalen und der konservativen Ästhetik wäre eine neue Ästhetik. Eine Kunst, die Stereotypen erschüttert. Eine Kunst, die sich ständig in neue unerwartete Richtungen bewegt und so das Bewusstsein wiederbelebt. Eine solche Kunst zeigt dann was wirklich zählt ist weder der Inhalt (die liberale Sicht), noch die Form (die konservative Sicht), sondern nur die Vernetzung mit der sozialen Imagination als solcher.

Realität kann nur durch die Beschwörung dieser mit Hilfe von Worten, Wahrnehmungen, Träumen oder anderer Suggestionen hergestellt werden. Das sich die meisten Menschen dieser Funktion der Fiktion bisher nicht völlig bewusst sind liegt daran, dass sie zwar dem Zustande des magischen Realismus entkommen sind, in dem etwa viele Naturvölker noch leben – die sich ihre Wirklichkeit durch Referenz auf einen Schöpfungsmythos herstellen, der für sie das ersetzt, was bei uns die Vorstellung von einer Identität ausmacht – sich aber andererseits völlig illusorischerweise für eine Identität halten, anstatt sie bewusst als Konstrukt einer Fiktion einer gewissen Gesellschaftsform (Matrix) zu durchschauen. Doch es bleibt dabei: Fiktion hat ihre einzige gültige Funktion darin, Transzendenz zu erzeugen.

Wir nähern uns der Überwindung des bürgerlichen Polit- und Kunst-Theaters durch die Einführung unendlich vieler Wahrnehmungszusammenhänge. Wurde im psychologisch realistischen Theater der Raum als Materialisierung gesellschaftlicher Verhältnisse inszeniert, erweitert er sich jetzt zum multiplen Hör- und Sehraum mit ständig wechselnden Raum-Zeiten. Der Zuschauer ist so Ebenen des Dazwischen ausgesetzt, die den Wahrnehmungsprozess dynamisieren. Wo der Raum bisher Trennungen vorgab, ermöglicht er nun zunehmend ein In-Mitten-Sein. Der Mensch ist so auf einmal im Raum inmitten des Sichtbaren und Unsichtbaren.

 

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