Montag , 26 September 2016
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Diktatur trägt immer eine Maske

masked_faceDas Wort Diktatur alleine ruft bereits Abscheu hervor. Unterdrückte Massen, ein Leben in Angst und Ungewissheit. Täglich könnten die Schergen des Diktators an die Türe klopfen. Niemand wagt es, seine wahre Meinung zu äußern. Und all dies der Machtgier eines Einzelnen oder einer protegierten Elite wegen. Wenig haben derartige Vorstellungen mit dem tatsächlichen Leben unter einem diktatorischen Regime zu tun. Unfreiheit verbirgt sich meist hinter einer Maske von Schutz und Geborgenheit. Keine Regierung könnte sich lange halten, auch nicht mit roher Gewalt, würde sie von der Mehrheit des Volkes kategorisch abgelehnt werden.

Einer der größten Fehler, der jede Objektivität verdrängt, ist das ideologische Kategorisieren in Schwarz und Weiß. (Absolute) Monarchie = schlecht. Republik = gut. Planwirtschaft = schlecht. Freie Märkte = gut. Präsident auf Lebenszeit, ergo Diktator = schlecht. Regelmäßige Wahlen = gut.

Es ist jetzt keineswegs meine Absicht, Diktaturen in eine positives Licht zu rücken. Es geht mir einfach um die Beleuchtung der Situation schlechthin. Denn die wenigsten von uns sind in der Lage, in diesem Zusammenhang ihre Meinung auf eigene Erfahrung aufzubauen. Mit einer Ausnahme. Dem politischen und wirtschaftlichen System, das von außen her als „kommunistische Diktatur“, von innen jedoch als „demokratische Republik“ Bezeichnung fand.

Ich erlaube mir, ein Beispiel aus meiner eigenen Erinnerung zu nennen. Schon als Kind hatte ich von den „tragischen Verhältnissen“ jenseits des Eisernen Vorhanges gehört. Wie Menschen dort „gefangen gehalten“ wurden. Es gab sogar einen Onkel in Dresden, der erst nach seiner Pensionierung gemeinsam mit seiner Frau in den Westen reisen durfte. Ich war kaum 18 Jahre alt, als ich das Abenteuer wagte, die Grenze in den Osten zu überschreiten. Die Reise führte nach Budapest. Und wie überrascht war ich nach meiner Ankunft, dort ganz normale Lebensbedingungen vorzufinden mit ausgeglichenen, freundlich lächelnden Menschen. Niemand schien vom Wunsch besessen, in den Westen zu flüchten.

Wodurch unterscheidet sich die Diktatur von der Demokratie? Staaten wie Chile, Argentinien und Paraguay galten bis vor kaum mehr als zwei Jahrzehnten noch als Diktaturen. Ägypten und Tunesien ebenso wie Libyen noch bis zu Beginn dieses Jahres. Wie wirkte sich die politische Situation auf das Leben eines ganz normalen Bürgers aus, der sich für Politik genau so wenig interessierte wie die meisten Menschen in der „freien Welt“? Gab es Gesetze, die das Volk vor Dieben und Mördern schützte? Natürlich. War es möglich, ein eigenes Geschäft zu betreiben? In den genannten Staaten war dies um vieles einfacher als in Westeuropa. Gab es Krankenhäuser und Schulen? Selbstverständlich. Was war also anders?

Der gravierendste aller Unterschiede lag darin, dass jede Aktivität, die sich gegen das politische System zu richten schien – und in vielen Fällen reichte schon der bloße Verdacht – mit oft brutaler Härte unterbunden wurde. Bis hin zu Folter und Hinrichtung. Es ist aber grundfalsch jetzt zu glauben, dass es die Angst vor Repressalien war, die Menschen davon abhielt, die Regierung zu bekämpfen. Den meisten Leuten, hier wie dort, ist Politik nämlich ziemlich egal. Sie möchten ihr Einkommen und erwarten akzeptable Lebensbedingungen, Ausbildung für ihre Kinder, Zugang zu Krankenhäusern und ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln.

Natürlich ließen sich noch Hunderte Details anführen, die in vielen Fällen jedoch nichts mit dem politischen System tun haben, sondern auf unterschiedlicher Mentalität basieren. Dazu zählen etwa korrupte Polizisten. In den genannten Ländern waren Steuern ausgesprochen niedrig. Somit wurden auch die Sicherheitskräfte schlecht bezahlt. Standen ein paar Polizisten am Straßenrand und hielten Ausschau nach Verkehrssündern, ging es ihnen kaum um die Sicherheit, auch nicht wie hierzulande darum, den Staatssäckel zu füllen, sondern sie wollten Geld für die eigenen Taschen.

Einen wesentlichen Beitrag zur Akzeptanz diktatorischer Regime leistete und leistet natürlich auch der Informationsfluss. Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert die Meinung der Massen. Auch wenn vielleicht der Verdacht einseitiger Berichterstattung besteht, wenn Staatsmedien ihre Darstellungen immer von neuem wiederholen, so übt dies einen wesentlichen Einfluss auf die verbreitete Denkweise aus. Wird noch dazu jede andersartige Erklärung als vom Ausland oder von aufwieglerischen Kreisen geschürtes Gerücht bezichtigt, bringen einzelne konträre Auslegungen oft sogar eine Bestätigung der Richtigkeit der vorgegebenen Linie mit sich. Beschränkte Kritik führt zum Eindruck von Informationsfreiheit. Auch in der Diktatur ist Opposition somit durchaus willkommen, aber natürlich nur innerhalb eines tolerierten Rahmens. So lange sie nicht zur Bildung der sogenannten „kritischen Masse“ führt, deren Dynamik ausreicht, um den Rest des Volkes mitzureißen. Tunesien, Ägypten und Syrien sind wohl die besten Beispiele dafür, was geschieht, wenn der Volkszorn erst einmal entbrannt ist.

Trotzdem dürfen wir aber nicht vergessen, dass auch in diesen Ländern, bis vor kurzer Zeit, das tägliche Leben durchaus normalen Bedingungen unterlag. Hätten die Menschen tatsächlich während der rund vier Jahrzehnte andauernden Herrschaft ihrer Diktatoren gelitten, wären Revolutionen entweder schon früher ausgebrochen oder Millionen hätten die Flucht ergriffen.

Ich möchte nochmals wiederholen, dass es nicht mein Bestreben ist, Diktaturen zu beschönigen. Das folgende, konstruierte Beispiel dient nicht dem Zweck, ein totalitäres Herrschaftssystem zu idealisieren, sondern eher, auf die Schwachstellen jener Art der Demokratie, wie wir sie kennen und erleben, hinzuweisen.

Der vorrangige Machtfaktor in einem Staat ist immer die Armee. Jetzt nehmen wir an, eine Gruppe von Generälen eines Fantasielandes erkennt, dass der demokratisch gewählte Präsident, zusammen mit einer großen Zahl von Ministern und Abgeordneten, von einer Gruppe „internationaler Investoren“ bestochen wurde. In modernen Zeiten gäbe es sogar einen Begriff dafür: Lobbying. Ausländische Banken gewinnen immer mehr Kontrolle über die heimische Wirtschaft. Ausländische Unternehmen plündern die Rohstoffe. Die Lebensqualität der Bürger verschlechtert sich zusehends, was von den Medien durch ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen und mangelnde Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten erklärt wird. Die Medien verbreiten diese Lügen natürlich wiederum aus rein finanziellen Interessen. Die „internationalen Investoren“, von denen die heimischen Märkte noch dazu mit ausländischen Produkten überschwemmt werden, zählen schließlich zu den potentesten Inseratenkunden.

Einige hohe Generäle beobachten diese Entwicklungen nun mit Missmut. Zwar genießen sie selbst hohes Ansehen, verdienen genug, um ein komfortables Leben zu führen, doch erst kürzlich vernahmen sie Gerüchte, dass der Präsident eine halbe Milliarde aufs Schweizer Konto überwiesen bekam, nachdem die Wasserrechte des ganzen Landes einem internationalen Konzern überlassen wurden.

Panzer rollen durch die Straßen. Der Regierungspalast wird gestürmt. Der Präsident wird ebenso verhaftet wie mehr als die Hälfte der Politiker. „General Megalomante“ übernimmt die volle Verantwortung, setzt die Verfassung außer Kraft und ernennt sich zum Präsident auf Lebenszeit.

Was die Medien betrifft, wird sofort staatliche Zensur eingeführt. Alle Verträge mit den „internationalen Investoren“ werden kurzerhand annulliert. Importe werden mit Zöllen belegt.

Wie dieser unverschämte Staatsteich dem Rest der Welt präsentiert werden würde, brauche ich wohl nicht näher zu erläutern.

Doch wie geht es weiter? Über die Bevölkerung bricht natürlich keineswegs der große Reichtum aus. Die Situation normalisiert sich schlicht. Einkommen reichen wieder aus, um sich satt zu essen. Heimischen Betrieben ist der lokale Absatzmarkt wieder gesichert. Klein- und Familienbetriebe finden ihr Auslangen. Die Mehrheit der Menschen lebt in der gleichen beschaulichen Zufriedenheit wie vorangegangene Generationen.

Nachdem es an internationalem Kapital fehlt, werden in der Hauptstadt keine Wolkenkratzer mehr gebaut. Auch kann die Militärregierung nicht auf die Errichtung gigantischer Fabriken als neue Errungenschaft verweisen, die Tausende von Arbeitsplätzen schaffen. Im Gegenteil. Durch Besteuerung von Großbetrieben wird das Kleinunternehmertum bewusst gefördert. Trotzdem finden sich im Laufe der Zeit immer mehr junge „Idealisten“, die neidisch über die Grenzen auf die große weite Welt blicken. Filme aus Amerika, wo jeder in einem luxuriösen Haus zu wohnen scheint und zwei bis drei tolle Autos in der Garage stehen hat, wecken Sehnsüchte. Wäre es nicht an der Zeit, etwas gegen die Diktatur dieses General „Megalomante“ zu unternehmen? Zwar weiß man nichts genaues, doch sicher füllt sich dieser Despot seine eigenen Taschen, während das Volk in bescheidenen Hütten vor sich hin vegetiert.

Noch sind es Wenige, die kritisieren. Trotzdem bilden sich im Untergrund Widerstandsgruppen. Flugblätter werden gedruckt und auf den Straßen verteilt. Auch werden immer mehr Waffen erworben. Wo das Geld dafür herkommt? Natürlich aus dem Ausland. Denn dort gibt es wiederum Organisationen, die sich um das Wohlergehen aller Menschen auf dieser Welt bemühen. Und des Menschen Heil liegt ausschließlich in der Demokratie.

Die Staatspolizei weiß von dieser Entwicklung. Sie bemüht sich, diese Bewegungen im Keim zu ersticken. Die Gefängnisse füllen sich. Einigen Konterrevolutionären gelingt im letzten Moment die Flucht ins Ausland. Vor laufender Kamera erzählen sie von den Schrecken im Lande, von den Gefängnissen, von Folter und von Todesurteilen. „General Megalomante“ wird der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt.

Eines Tages muss sich schließlich auch diese Militärregierung dem Druck aus dem In- und Ausland beugen. Der General tritt zurück.

Endlich findet das Land wieder den Anschluss an die Welt. Endlich treten wieder ausländische Investoren auf die Bühne, gründen neue Banken und Fabriken. Organisieren die Rohstoffgewinnung und kümmern sich um die Wasserversorgung.

Kleinbetriebe werden mit Auflagen belegt. Schließlich ist ja niemand mehr gezwungen, seinen Lebensunterhalt durch seinen bescheidenen Laden zu verdienen. Dank der ausländischen Investoren, gibt es ja endlich genügend Arbeitsplätze. Dass die Preise plötzlich ansteigen, dass Steuern eingehoben werden, das ist alles die Schuld dieses „General Megalomante“. Zulange hätte man ihn gewähren lassen. Jetzt wird eben die Rechnung präsentiert. Jetzt muss das Volk eben für das gerade stehen, was es so lange zugelassen hat. Aber eines Tages wird es sich schon verbessern. Es herrscht ja wieder Demokratie. In einigen Jahren gibt es dann wieder Wahlen, und dabei darf ja jeder seinen Willen kundtun. Das Recht geht schließlich vom Volke aus.

Ein kleiner Denkanstoß zum Abschluss: Politiker kommen und gehen mit jeder neuen Wahl. Die „internationalen Investoren“ bleiben aber immer die selben.

Über Konrad Hausener

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