Freitag , 29 Juli 2016
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EHEC – Projektionsfläche für einfache Theorien und Ideologien

gurke_tomateFür den einen oder anderen mag es schon als eine Posse von Medien, Wissenschaft und Politik erscheinen, was da seit einigen Wochen rings um eine spezielle und besonders aggressive Variante des EHEC-Bakteriums betrieben wird. Tagtäglich gibt es neue „Enthüllungen“ und „Erkenntnisse“, wo man wieder neue Spuren irgend eines EHEC-Stamms gefunden hat. Spuren, die sich meist als irrelevant erweisen, aber dazu führen, dass Menschen immer verunsichert und auch wirtschaftliche Existenzen bedroht werden.

Sicherlich kann man als nicht in die wissenschaftliche Untersuchung der Geschehnisse eingebundener Beobachter keine angemessene Bewertung der Arbeit der Forschungseinrichtungen vornehmen. Auf jeden Fall aber lässt sich die Kommunikation von verantwortlichen Politikern, Forschungseinrichtungen und auch der darüber berichtenden Medien an vielen Stellen kritisieren.

Sowohl das Robert-Koch-Institut (http://www.rki.de) als auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (http://www.bfr.bund.de) bieten dabei auf ihren Internetseiten wissenschaftlich fundierte Informationen.

An sich wäre es Aufgabe der Medien, diese Informationen aufmerksam zu lesen und auf dieser Basis auch relativ umfassend zu berichten. Was nach meinem Eindruck nur teilweise geschieht. Eine gewisse Verantwortung dafür tragen sicherlich auch die Wissenschaftler. Nicht jede Publikation ist so formuliert, dass sie von Journalisten, die darüber berichten sollen, auf Anhieb zu verstehen ist.

Angesichts der Äußerungen von Akteuren aus unterschiedlichen Institutionen (neben dem RKI und BfR auch die Ministerien der Länder und des Bundes) bekommt man allerdings auch den Eindruck, dass die interne Kommunikation nicht unbedingt optimal läuft. Und die Politiker, deren Aufgabe es wäre, den Menschen auf Basis fundierter Informationen klare Empfehlungen und Sicherheit zu geben, machen aus meiner Sicht eher einen hilflosen Eindruck.

Wenn dann von den Medien etwas berichtet und in den Vordergrund gerückt wird, handelt es sich häufig um Dinge, die bei genauer Betrachtung völlig irrelevant sind, beispielsweise der Fund von irgendwelchen EHEC-Bakterien, die sich dann aber mehr oder weniger regelmäßig als nicht der richtige Stamm herausstellen. Vielen Medien wäre anzuraten, einmal einen Experten dafür zu benennen, der sich in dieser Zeit nur um das Thema EHEC kümmert und sich dementsprechend auch umfassend dazu informiert, um neue Informationen kritisch reflektiert darbieten zu können.

Die Unklarheit beflügelt verständlicherweise Spekulationen. Die Menschen sehnen sich nach Sicherheit. Und ein bisschen Sicherheit gewinnen wir, wenn wir uns bestimmte Geschehnisse zumindest erklären können. Von sich aus neigen die meisten Menschen dazu, einfache Erklärungen zu suchen. Wobei Vorurteile und Alltags-Theorien einen willkommenen Anhaltspunkt bieten.

Da sind auf der einen Seite die Fans der biologischen Landwirtschaft, die als Ursache für das Geschehen um EHEC die konventionelle industrielle Landwirtschaft und den Verbraucher ausmachen, der seine Lebensmittel möglichst billig und ohne Wissen um die Herkunft erwirbt.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die schon immer über biologische Landwirtschaft und alles Ökologische gelästert haben. Da wird dann beispielsweise vermutet, dass diese gefährlichen Bakterien ja nur in einer chemiefreien Viehwirtschaft gedeihen können. Bei dieser Spekulation wird allerdings eine Eigenschaft dieses Bakteriums völlig außen vor gelassen – seine Antibiotika-Resistenz und wie eine solche Resistenz überhaupt entsteht.

Dies gilt auch für eine weitere Variante des Anti-Öko-Gedankenspiels: Dabei wird vermutet, dass das Bakterium in den Gär-Behältern von Biogasanlagen entstanden sein könnte, deren Abfälle dann als Düngemittel zu einer Verunreinigung von Feldfrüchten geführt haben könnten.

Wenn man dies allerdings einmal konsequent weiterdenkt, hieße das allerdings, dass auch verschiedene Küchenabfälle nicht mehr gemischt entsorgt werden dürften, da bei deren Zersetzung ja auch alle möglichen Mikroben in Erscheinung treten und sich möglicherweise mischen und kreuzen könnten. Fleischabfälle, faulige Tomaten, Bananenschalen usw. müssten demnach in Zukunft jeweils getrennt feuerbestattet werden. Und wir Menschen dürften dann auch nicht mehr unterschiedliche Nahrungsmittel gleichzeitig oder kurz hintereinander aufnehmen, weil sich ja in unserem Verdauungstrakt ebenfalls alles durchmischt.

Bisher noch nicht ins Spiel gebracht worden ist die Idee, dass das Bakterium von Außerirdischen verbreitet worden ist. Nun, immerhin ist mir am Rande des Evangelischen Kirchentags in Dresden ein Typ begegnet, der auf einem Pappschild die folgende Botschaft verbreitet hat: „Jesus hat EHEC kreiert. Als Warnung!“

Eine weitere Spekulation, die ich allerdings nicht ganz von der Hand weisen würde, besteht darin, dass es sich um einen bioterroristischen Anschlag handeln könnte. Zumindest konnte bereits ein Verdächtiger identifiziert werden, der zudem mit Osama Bin Laden verwandt und wohl auch sein Nachfolger geworden ist: Kuh F Laden.

Eine weitere natürliche Strategie zum Umgang mit der Angst vor EHEC besteht darin, das subjektiv unkontrollierbare Geschehen einfach zu verdrängen und zu bagatellisieren.

Alle diese genannten einfachen Theorien und auch die Idee, das Ganze zu bagatellisieren, beinhalten durchaus gewisse Wahrheiten, liefern aber in jedem Fall keine umfassende Erklärung. Letztlich muss man von komplexeren Zusammenhängen ausgehen und Entstehung, Kultivierung und Verbreitung des gefährlichen Bakteriums getrennt betrachten.

Dabei dürfen die Fakten nicht außer acht gelassen werden. Zu den wichtigsten Fakten gehört meines Erachtens, dass das aggressive Bakterium zuerst in Hamburg in Erscheinung getreten ist und sich von dort aus verbreitet hat, und dass es sich um ein antibiotika-resistentes Bakterium handelt. Beide Aspekte spielen bei den aktuellen Verdächtigungen allerdings kaum eine Rolle.

Die Frage, warum das Geschehen seinen Ausgang gerade in dieser zweitgrößten Stadt Deutschlands hat, verdient in jedem Fall eine genauere Betrachtung. Welche Rolle spielen eventuelle Großveranstaltungen in Hamburg, bei denen das Bakterium über verunreinigte Speisen und Getränke aufgenommen worden sein könnte? In den Fragebögen des Robert-Koch-Instituts erscheint mir das leider nicht hinreichend abgebildet. Dort wird nur recht allgemein nach der Teilnahme an Veranstaltungen und Feiern gefragt.

Eine Einschleppung des Bakteriums von außerhalb erscheint mir aufgrund dieser Fakten ausgeschlossen (es sei denn, es ist irgendwo außerhalb von Deutschland speziell für uns in einem Labor gezüchtet worden).

Wie entstehen antibiotika-resistente Bakterien? Man könnte zunächst an eine gezielte Züchtung in einem Labor denken. Eine solche Resistenz resultiert allerdings in der Regel daraus, dass beim exzessiven Einsatz von Antibiotika (in der Medizin, vor allem aber auch in der Massentierzucht) immer einzelne Bakterien übrig bleiben, die infolge natürlicher Mutation unempfindlich sind und sich ungehindert vermehren können, wenn alle anderen Bakterien in der unmittelbaren Umgebung vernichtet sind. Des weiteren kann diese Resistenz auch durch Austausch von Gensequenzen auf andere Bakterien übertragen werden. Dies spricht dafür, Antibiotika insgesamt nur sehr sparsam einzusetzen und bei der Behandlung von Infektionen eher die Selbstheilungskräfte zu unterstützen. In der Tiermast hat der Einsatz von Antibiotika gar nichts verloren!

Bei der Kultivierung und Verbreitung wiederum spielen andere Faktoren eine Rolle, beispielsweise mangelhafte hygienische Bedingungen und das Vorhandensein von Trägersubstanzen, verbunden mit einem feuchtwarmen Milieu. Für die Übertragung von EHEC-Bakterien kommen in erster Linie die Aufnahme von verunreinigten Nahrungsmitteln, ein sehr enger Kontakt mit infizierten Tieren und Menschen und die Übertragung durch verunreinigtes Wasser beim Baden in Frage. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr zusätzliche Verbreitungswege können auch in Erscheinung treten.

Es gilt also einerseits, zu ermitteln, wie und wo das Bakterium entstanden und in Umlauf gebracht worden ist, andererseits muss die weitere Verbreitung verhindert werden. Bei der Ermittlung der Quelle scheint man allerdings immer noch im Dunkeln zu tappen. Und die Empfehlungen zur Vermeidung weiterer Infektionen erscheinen mir auch nicht unbedingt angemessen.

Dabei halte ich es durchaus für wichtig, sehr schnell vor möglichen Gefahren zu warnen. Und dabei steht die Gesundheit der Menschen auch über dem wirtschaftlichen Interesse eines Betriebes. Allerdings stellt sich aber die Frage, wie berechtigt es ist, prinzipiell vor dem Verzehr von Tomaten und Gurken zu warnen. Und auf diese Weise die wirtschaftliche Existenz von Landwirten in ganz Deutschland und Europa zu gefährden. Laut aktuellem Stand dürfen diese Gewächse allerdings wieder verzehrt werden.

Ich kann mich dabei immer nur wieder über die Berichterstattung zum Fund irgendwelcher EHEC-Bakterien aufregen. Man untersuche neben Mülltonnen, Mülldeponien, Misthaufen und dergleichen vielleicht auch einmal diverse Lebensmittel wie etwa Joghurt, Kefir, diverse Käsesorten oder gar Sauerkraut! Der eine oder andere wird im Anschluss an die Berichterstattung dazu vermutlich nichts mehr essen wollen.

EHEC ist eine spezielle Form von Escherichia-coli-Bakterien, den sogenannten enterohämorrhagischen Escherichia coli. Coli-Bakterien sind auch in der menschlichen Darmflora vorzufinden. EHEC selbst ist natürlicher Bestandteil des Verdauungstrakts von Rindern, Schafen und anderen Tieren. An dieser Stelle könnte man fragen, warum eigentlich nicht jährlich viele tausend Menschen an EHEC erkranken – Rinderzüchter, Schäfer oder auch Menschen, die auf einer Kuhweide nach Champignons suchen und dabei in einen Kuhfladen trampeln. Tatsächlich sind es wohl in Deutschland jährlich zwischen 800 und 1200 Menschen, die an einer aggressiven Form von EHEC erkranken. Die Anzahl der insgesamt in der Viehwirtschaft oder in Schlachtereien beschäftigten Menschen dürfte allerdings etwas höher liegen. Und darüber hinausgehend wird auch der eine oder andere schon einmal eine Kuh gestreichelt haben, ohne dabei Gummihandschuhe zu tragen. Warum erkranken andere Personen nicht, die ebenfalls Umgang mit diesen Tieren haben?

Auch wir Menschen haben in unserem Verdauungstrakt jede Menge Bakterien. Mit diesen Bakterien leben wir teilweise in Symbiose, d.h. die Bakterien erfüllen bestimmte Funktionen bei der Aufspaltung von Lebensmitteln. Andere Bakterienarten haben eher die Rolle eines Mitessers oder sind potenziell auch geeignet, uns zu schädigen. Unterschiedliche Bakterien halten sich allerdings quasi gegenseitig in Schach, so dass eine einzelne Bakterienart normalerweise keinen großen Schaden anrichten kann. Das Ganze kommt dann aus dem Gleichgewicht, wenn beispielsweise bei der Behandlung von Krankheiten Antibiotika zum Einsatz kommen und dabei einen großen Teil der Darmflora auslöschen.

Berechtigt erscheinen mir momentan die folgenden Hinweise:

  • Obst und Gemüse gründlich abwaschen und ggf. schälen.

  • Fleisch wenigstens 10 min bei mindestens 70 °C erhitzen.

  • Speisen vermeiden, die sich weder richtig abwaschen noch erhitzen lassen.

  • Besondere Vorsicht beim Verzehr von Speisen und offenen Getränken bei Veranstaltungen.

Ich habe jedenfalls in den vergangenen Wochen nicht auf meinen Tomatensalat verzichtet.

Ein Beitrag von Falk Richter – http://www.falkrichter.de

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