Sonntag , 27 Mai 2018
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Falsch verstandene Freiheit

iguazu_wasserfaelleAbgesehen von freien Wahlen und dem Recht auf freie Meinungsäußerung, ist es schlicht die Freiheit des Individuums, die uns fest an das politische System der Demokratie glauben lässt. Niemand zwingt uns, eine bestimmte Arbeit zu ergreifen oder überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Niemand schreibt uns vor, wie wir uns zu kleiden haben, welche Musik wir hören oder welche Bücher wir lesen. Wann immer wir wollen, dürfen wir das Land verlassen. Wahrlich, wahrlich, ein Leben in Glückseeligkeit! Dass es gleichzeitig eine ganze Menge von Verordnungen, Regelungen und Gesetzen gibt, die in unser tägliches Leben eingreifen, lässt sich in jedem einzelnen Fall natürlich rechtfertigen. Wir leben in einer Gemeinschaft – und an diese passen wir uns an. Nachdem es schließlich Experten sind, von denen die Richtlinien erarbeitet werden, geschieht ohnehin alles zu unserem eigenen Besten.

Der folgende Text drückt meine persönliche Meinung aus und ist deswegen auch in die Rubrik „Kommentare“ eingereiht. Hinter dieser meiner Meinung stecken mehrere Jahrzehnte Lebenserfahrung auf drei verschiedenen Kontinenten. Ich bin mir durchaus bewusst, dass sich nur ein bestimmter Teil unserer Leser damit angesprochen fühlen wird. Doch gerade dadurch sollte sich ein unabhängiges Medium auszeichnen: Kritische Ansichten auch dann zu veröffentlichen, wenn Sie nicht zu breiter Akzeptanz führen. Das Ideal einer freien Gesellschaftsordnung sollte ja schließlich genügend Spielraum für nichtkonforme Denkweisen bieten. Wer nur auf Einschalt- und Klickquoten achtet, läuft letztendlich Gefahr, sich ungewollt einer Gleichschaltung hinzugeben.

Bei jeder Diskussion um die Bedeutung von Freiheit muss natürlich von Anfang an klar gestellt werden, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die des Nächsten eingeschränkt wird. Wenn Sie um drei Uhr morgens plötzlich Lust verspüren, Feuerwerkskörper in die Luft zu schießen, dann rauben Sie ihren Nachbarn den Schlaf. Wenn es Sie mit Freude erfüllt, anderer Leute Häuser mit Farbe zu beschmieren, dann überschreitet dies zweifellos akzeptierbaren Freiheitsdrang.

Ein Teil der Deutschen ist mit einer bestimmten Form der Diktatur, der kommunistischen, durchaus vertraut. Das Leben unter der Nazi-Herrschaft kennen die Meisten nur aus Erzählungen, Büchern und Dokumentationen. Wenige verfügen über persönliche Erfahrungen in Militär-Diktaturen oder mit den Regierungen im arabischen Raum. Doch welches Bild schwebt uns allgemein vor Augen, wenn wir uns das tägliche Leben in einem nicht-demokratischen Land vorstellen?

Der erste Gedanke fällt hier gewiss auf das fehlende Recht der freien Meinungsäußerung. Gefolgt von der unanfechtbaren Autorität der Staatsführung. Der kontrollierte und gesteuerte Informationsfluss. Der mangelnde Spielraum für individuelle Entwicklung und Selbstverwirklichung  Eine bestens funktionierende Propaganda-Maschinerie zwingt das Denken der Massen in eine vorgegebene Bahn, die sich immer weiter verengt. Und wehe dem, der da kritisiert, der die Richtlinien als Gleichschaltung entlarvt und versucht, seine Mitmenschen darauf hinzuweisen.

Bürger ehemals kommunistischer Staaten werden sich erinnern, dass es dem damaligen Einparteiensystem sehr wohl gelang, durch die Einseitigkeit jeglicher Berichterstattung staatlich kontrollierter Medien, einen großen Teil der Bevölkerung, wenn nicht sogar die Mehrheit, davon zu überzeugen, dass es sich bei den von „Dekadenz geprägten Verlockungen“ der kapitalistisch orientierten Hälfte der Welt um eine Bedrohung der sozialen Ordnung handelte. Während die Gesetze des Ostens Männern gleichermaßen wie Frauen die Erwerbstätigkeit verordneten, andernfalls der Tatbestand des „asozialen Verhaltens“ und der „parasitären Lebensweise“ erfüllt wurde, erfolgte intensive Aufklärung über die Ausbeutung der Völker des Westens durch skrupellose Kapitalisten.

Doch dabei handelt es sich bloß um eine bestimmte Form der Diktatur, die sich noch dazu selbst „Demokratie“ zu nennen pflegte. Über die Schrecken der Nazi-Epoche erspare ich mir jegliche Bemerkung. Schließlich versorgen uns die verschiedenen Fernsehkanäle, und nicht nur in Deutschland, sondern auch westlich des Atlantischen Ozeans, regelmäßig mit detaillierten Schreckensbildern.

Was gibt es über Militär-Diktaturen zu berichten, unter denen die Bürger der meisten Länder Südamerikas bis vor rund zwei Jahrzehnten litten? Schaurige Geschichten lassen sich erzählen. In Paraguay, um ein Land als Beispiel zu nehmen, unter General Stroessner, der im Jahr 1989 durch einen Militärputsch gestürzt wurde, reichte es aus, eine Ausgabe von Marx’ „Das Kapital“ im Bücherregal stehen zu haben, um dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Gar nicht zu reden von denjenigen, die es wagten, sich direkt gegen die Politik des Diktators auszusprechen. So mancher, der nichts anderes im Sinn hatte als dem Volk „Freiheit und Demokratie“ zu bescheren, verschwand in den Kellern versteckter Kerker.

Gewiss, auch im Paraguay dieser Tage gab es Befürworter der Politik Stroessners. Schließlich zahlten die Bürger – damals – weder Einkommens- noch Mehrwertsteuer. Familienbetriebe wie Gemischtwarenläden, Restaurants oder Handwerksbetriebe konnten ohne jegliche Bewilligung geführt werden, ungeachtet der Zahl der Angestellten. Grundbesitz wurde strikt respektiert und selbst einem Comisario war es von Gesetzes wegen untersagt, ohne ausdrücklicher Einwilligung des Besitzers ein Grundstück zu betreten. Das ist keine Übertreibung. Wer in Paraguay unter Stroessner ohne Erlaubnis auf ein fremdes Grundstück einzudringen versuchte, durfte mit Waffengewalt daran gehindert werden. Ja, natürlich, Schusswaffen, militärische ausgenommen, waren in der damaligen Diktatur frei käuflich.  Polizisten durften zwar Autos zwecks Kontrolle der Papiere anhalten, doch stand es ihnen keineswegs zu, die Insassen zum Aussteigen aufzufordern. Auch beim Auto handelt es sich um privaten Besitz. Solange sich Menschen im eigenen Haus, am eigenen Grund oder im eigenen Fahrzeug befanden, waren sie vor den Schergen des Staates geschützt. Aber was nützt das alles schließlich, sein Geld steuerfrei zu verdienen, Geschäfte bewilligungsfrei zu betreiben, sich in seinem Haus sicher zu fühlen, wenn man jederzeit eingesperrt werden kann, bloß weil man Hammer und Sichel mittels Sprühdosen auf Hauswände malt?

Irgend ein Gesetz mag beim Beschmieren von Häusern zwar auch in unseren Landen übertreten werden, doch wenn man die Fassaden betrachtet, so scheint sogar dieser Unfug in den Bereich von Freiheit zu fallen. Zumindest, solange die Symbole oder Worte als „politischen korrekt“ gelten. Hüten Sie sich jedenfalls davor, einen Schurken, den sie in flagranti mit der Sprühdose in der Hand vor ihrem Haus erwischen, zu verprügeln. Ebenso wie einen Einbrecher oder einen Autodieb. Das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, hat schließlich nichts mit Freiheit zu tun.

Dass Sie einen wesentlichen Teil Ihres Einkommens regelmäßig an die „Gemeinschaft“ abliefern, ohne den geringsten Einfluss darauf, was mit den Geldern geschieht, widerspricht natürlich ebenfalls nicht dem Ideal der Freiheit, solange jeder davon betroffen ist. Unterlassen sie es, einen Teil des Geldes, für das Sie taglich acht oder mehr Stunden hart arbeiten, den Steuereintreibern zu überreichen, werden sie ebenso, wenn nicht härter, bestraft wie der Einbrecher oder Autodieb.

Haben Sie schon einmal erlebt, wie wenig sich die Polizei um Spuren nach einem Einbruch oder Diebstahl kümmert? Warum auch. Schließlich sollten Sie ja versichert sein. Dadurch fördern sie nicht nur „systemerhaltende“ Monsterunternehmen, sondern indirekt auch das Leben der Gauner. Immerhin sollte diesen Mitmenschen ebenfalls ein bisschen Freiheit gewährt werden. Wird so ein Ganove dann doch einmal erwischt, dann verursacht er dem Staat durch seinen Gefängnisaufenthalt weitere Unkosten, die Sie durch Ihre Steuerleistung mittragen. Vielleicht fallen deswegen die Strafen für jene Verbrecher, die nicht das System, sondern die Bürger schädigen, deutlich niedriger aus.

Ich hoffe, Sie klagen nicht über die monatlichen Beiträge für die Sozialversicherung, die Ihnen ungefragt vom Einkommen abgezogen werden. Vertrauen Sie eher auf Naturheilmethoden als auf die gewinnorientierte Pharma-Industrie, haben Sie immer noch die Freiheit, auf die Leistung der Ärzte und Krankenhäuser zu verzichten. Dass Sie trotzdem zahlen müssen, ob Sie wollen oder nicht, das liegt einfach im Interesse der Allgemeinheit.

Und weil wir also in einer Gemeinschaft leben, brauchen wir in gewissen Bereichen natürlich auch Einigkeit. Genießen Sie die Freiheit, sich geschmacklos zu kleiden und ihr Trommelfell durch Lärm zu strapazieren, der gelegentlich als Musik bezeichnet wird. Doch in wesentlichen Dingen, passen Sie sich einfach an. Erziehen Sie Ihre Kinder wie es der Staat vorschreibt. Suchen Sie um eine Bewilligung an, wenn Sie im eigenen Haus ein neues Treppengeländer installieren möchten. Bringen Sie Ihr Fahrzeug vor dem Stop-Schild zum völligen Stillstand, auch wenn sie deutlich erkennen, dass weit und breit kein anderes Auto in Sicht ist. Wenn Sie Ihrem Nachbarn bei der Renovierung helfen und er Ihnen dafür Geld anbietet, geben Sie einfach den geforderten Anteil dem Finanzamt. Ansonsten würde sich eine „Parallelwirtschaft“ entwickeln und wer weiß, wo so etwas hinführt. Stellen Sie sich vor, die Bürger würden einfach Leistungen austauschen, im Privatbereich Haare schneiden, für die Nachbarn gegen Bezahlung kochen, Reparaturen am Auto vornehmen und so vieles mehr. Würden diese Arbeiten nicht alle in angemeldeten Betrieben ausgeführt werden, wäre es für die Kunden zwar preisgünstiger, doch Geldverdienen dient in erster Linie nicht der Erhaltung der eigenen Person oder Familie, sondern der Erhaltung des Staates. Erst nachdem Sie diesem seinen rechtmäßigen Anteil überreicht haben, dürfen Sie für sich selbst einkaufen gehen. Natürlich in einem ordentlichen Laden, denn wir wollen ja, wie gesagt, keine Parallelwirtschaft.

Ich weiß, kaum jemand hat an all dem etwas auszusetzen. Was sollen diese angeführten Punkte letztendlich mit Freiheit zu tun haben? Wir alle müssen uns doch … ja, und wenn wir alle müssen, dann kann doch nichts falsch daran sein.

Wenn Sie Ihren Kaffee mit zwei Löffel Zucker süßen, wird Ihnen kaum auffallen, wenn diese Menge um ein Prozent reduziert wird. Eine Woche später nochmals um ein Prozent. Weiterhin schmeckt der Kaffee in gewohnter Weise. Nach rund 28 Wochen sind es dann nur mehr anderthalb Löffel Zucker. Ja, hätte man Ihnen den halben Löffel von einem Tag auf den anderen gestrichen, dann hätten Sie’s sicher gemerkt. Aber nicht, wenn’s Schritt um Schritt passiert. Und außerdem, zuviel Zucker im Kaffee ist ohnehin nicht gesund.

Man muss einmal in einem anderen System gelebt haben – und zwar für längere Zeit. Ein Kurzurlaub reicht sicher nicht aus. Da könnten wir vielleicht sogar Mitleid mit den armen Geschöpfen empfinden, deren Häuser so primitiv aussehen, vielleicht sogar ohne Telefonanschluss und die Hühner laufen im Garten umher. Und am Ende lebt der arme Besitzer dieser Hütte gar nach davon, dass er Eier von diesen Hühnern oder Bananen von der eigenen Staude am Straßenrand verkaufen muss, weil er keinen Arbeitsplatz findet. Gebt ihm doch einen Job und eine Hypothek für ein größeres Haus und lasst ihn noch alles Mögliche bezahlen, Fernsehkabel, Festnetz, Handy, Versicherungen, damit er ja ordentlich Kopfschmerzen kriegt, wenn der Geldfluss einmal abreißt.

Wer will denn schon so leben? Natürlich, die meisten von uns wollen nicht. Die Mehrzahl der Bürger westlicher Staaten ist ja durchaus mit diesem System zufrieden, bis hin zu jenen, die sich der großzügigen Leistungen von Hartz IV erfreuen und mittlerweile sogar gesetzlich vor den Gefahren der Spielsucht geschützt werden.

Man muss sich an die Gemeinschaft anpassen. Wenn die Mehrheit etwas will, dann muss sich die Minderheit danach richten. Mit gesteuerter Gleichschaltung hat das absolut nichts zu tun. Es ist ja die Gemeinschaft, die beschließt, dass ab jetzt in Kneipen nicht mehr geraucht wird. Es ist die Gemeinschaft, die beschließt, wer in der Nachbarschaft willkommen ist und wer nicht. Die Gemeinschaft ist dafür, dass Großkonzerne subventioniert, Banken gestützt und Kleinbetriebe in den Konkurs getrieben werden. Wer schafft letztendlich mehr Arbeitsplätze?

Gäbe es höhere Einschaltquoten bei anspruchsvollen Sendungen im Fernsehen, dann würden wir sie ja sehen. Gäbe es mehr Käufer für literarisch wertvolle Bücher, dann würden sie ja auch verlegt werden. Und weil so viele mit dem einverstanden sind was passiert, gibt es natürlich keinen Platz für Alternativen. Reicht es nicht aus, über die Freiheit zu verfügen, jederzeit und überall „coole Klamotten“ tragen zu dürfen?

Das Ganze geht mir gerade deswegen durch den Kopf, weil die Massen der westlichen Länder wieder einmal so begeistert sind, dass eine weitere Diktatur, Libyen, dem Untergang geweiht scheint. Wir freuen uns, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch diese Menschen von der Demokratie, wie wir sie kennen, beglückt werden. Leider haben zumindest die meisten jener Rebellen, die sich über die internationale Unterstützung freuen, nicht die geringste Ahnung, was früher oder später damit auf sie zukommen wird.

Und falls ich Sie jetzt gelangweilt habe, dann bitte ich um Verständnis dafür, dass ich mir einfach die Freiheit genommen habe, eine andere Meinung auszudrücken, wovor ich letztendlich schon zu Beginn dieses Beitrages gewarnt habe.

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