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Wie Statistiken täuschen

rosling_statistikVermutlich sind auch Sie davon überzeugt, dass es der Menschheit heutzutage wesentlich besser ergeht als noch vor hundert oder gar zweihundert Jahren. Diese Annahme lässt sich sogar statistisch belegen. Um wie viel höher ist unsere Lebenserwartung? Noch deutlicher zeigt sich der Anstieg durchschnittlicher Einkommen. Der schwedische Professor Hans Rosling, sowohl Experte im internationalen Gesundheitswesen als auch in der Erstellung von Statistiken, produzierte kürzlich eine anschauliche und überzeugende Demonstration. Demzufolge leben wir fast dreimal länger als unsere Vorfahren vor zweihundert Jahren, gar nicht zu reden vom Reichtum, den wir mittlerweile genießen.

Im folgenden Video (englisch) zeigt Professor Rosling eine Computergraphik, die sowohl den weltweiten Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung als auch den der Einkommen beleuchtet. Die Ecke links unten zeigt die Umstände in 1810. Die Lebenserwartung lag bei unter 30 Jahren, die Jahreseinkommen bei 400 Dollar. Doch dann setzte das Industriezeitalter ein. Jahrzehnt um Jahrzehnt stiegen beide Faktoren an. Und heute sind wir so weit, dass sich der größte Teil der Welt in der Ecke rechts oben findet. Die Lebenserwartung bei über 70, die Einkommen bei fast 40.000 Dollar jährlich.

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Werfen wir zunächst einen Blick auf die Lebenserwartung. Wie alt wurde eigentlich Goethe, der vor rund zwei Jahrhunderten auf Erden weilte? Geboren 1749, gestorben 1832, berücksichtigend, dass sein Todestag im Kalender vor seinem Geburtstag liegt, wären das immerhin 82 Jahre. Noch früher lebte Friedrich der Große, und zwar von 1712 bis 1786, das sind ebenfalls 74 Jahre, also weit über der von Rosling genannten Lebenserwartung von unter 30. Wir können sogar einen Schritt weiter gehen und mit geringem Aufwand eine relativ objektive Statistik der Sterbealter zufällig ausgewählter Menschen erarbeiten. Nehmen wir die ersten fünfzig Personen, die bei Wikipedia für das Geburtsjahr 1810 gelistet sind, beginnend mit dem deutschen Schulpädagogen Karl Mager bis zum Komponisten Robert Schumann, und addieren ihre Lebensjahre auf, so erhalten wir die Zahl 3.262. Geteilt durch 50 errechnet sich ein durchschnittliches Sterbealter von 65,24 Jahren. Eine Erweiterung auf 100 oder 200 Menschen würde dieses Ergebnis nur geringfügig verändern. Rechnen wir in der gleichen Art das Geburtsjahr 1910 hoch, so steigt das Alter deutlich auf 78,3. Diese Zahlen liegen weit jenseits der allgemein angegebenen durchschnittlichen Lebenserwartung.

Natürlich lassen sich diese statistischen Unterschiede, zwischen der Lebenserwartung bei Geburt und dem letztendlich erzielten Lebensalter, leicht erklären. Davon abgesehen, dass natürlich nur Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben, in Enzyklopädien eingetragen sind, die größte Verfälschung entsteht durch die ehemals sehr hohe Kindersterblichkeit. Und wenn wir von sozialer Ungleichheit sprechen, so drückt sich diese in erster Linie darin aus. Wer die eigene Geburt und alle Kinderkrankheiten überlebte, verfügte auch vor 200 Jahren schon über durchaus gute Chancen, 60, 70 und älter zu werden.

 

Noch markanter ist die Täuschung von Roslings Statistik jedoch im finanziellen Bereich. Eigentlich klingt es wie ein Hohn, wenn er behauptet, vor zweihundert Jahren war die Menschheit arm und krank und nun sei sie reich und gesund. Ich bin überzeugt, dass die statistischen Daten, die er in die gezeigte Analyse einarbeitete, durchaus korrekt sind. Allerdings behandelt er den Wert des Dollars als wäre dieser eine Konstante. Wie absurd dieser Vergleich ist, zeigt sich schon daran, dass ein Mensch, der heute über ein Jahreseinkommen von 400 Dollar verfügen würde, spätestens im März verhungert ist, wenn er nicht schon vorher dem Erfrierungstod zum Opfer fiel, denn ein Platz zum Wohnen lässt sich damit gewiss nicht finanzieren  Ein Vergleich zwischen der wirtschaftlichen Situation in der Vergangenheit und der Gegenwart, lässt sich nicht anhand der Geldmenge, sondern durch die damit verbundene Kaufkraft erzielen. Wie viele Pfund Fleisch, wie viele Meter Stoff, wie viele Gläser Bier ließen sich mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen erwerben?

Doch selbst damit lässt sich noch lange kein objektiver Vergleich erzielen. 1810 gab es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch keine Einkommenssteuer. Die Mehrzahl der Menschen lebte im, wenn oft vielleicht auch bescheidenen, eigenen Haus, brauchte also keine Miete zu bezahlen. Und eine ganze Menge anderer Kosten, die zwar gewissen Komfort mit sich bringen, fielen einfach nicht an, weil es weder Telefon, Fernsehkabel, Autos etc. gab. Anzunehmen, dass die Menschen anno 1810 unter dem Nichtvorhandensein von Autos und Fernsehgeräten litten, wäre natürlich ebenfalls Unsinn.

ford_t_1910Bemerkenswerterweise werden wir jedoch immer wieder mit dieserart irreführenden Angaben gefüttert. Nachdem in Amerika der Dollar seit Ende des 18. Jahrhunderts unverändert als Währung existiert, eignet sich dieser am besten für Vergleiche. Es klingt durchaus mitleiderregend, wenn wir informiert werden, dass anno 1910 ein Arbeiter für 30, 40 oder auch 50 Cents pro Stunde schuften musste. Um zu verstehen, was dieses Einkommen jedoch bedeutet, müssen wir gleichzeitig einen Blick auf die Preise von Konsumgütern werfen. Auch wenn nicht alle Angaben verlässlich sind, so finden sich doch Richtlinien, denen zufolge ein Pfund Reis weniger als 10 Cents kostete, ein Fahrrad rund 12 Dollar und ein Auto, diese damals völlig neue Errungenschaft der Technik, Modell Ford T, 950 Dollar.

Erfahren wir, für wie wenig Geld Arbeiter in China oder Indien auch heute noch arbeiten, vermitteln die Löhne, in Dollar oder Euro ausgedrückt, erst dann relevante Informationen, wenn sie mit den örtlichen Preisen in Vergleich gesetzt werden.

Wir können natürlich auch die jüngere Vergangenheit hernehmen, aus der jedoch wesentlich seltener „Schreckensmeldungen“ zu vernehmen sind. Die mangelnde Aussagekraft wäre für viele zu offensichtlich. Ältere Jahrgänge erinnern sich gewiss an ihre ersten Gehälter. Das monatliche Einkommen eines Buchhalters von 1970, in Euro umgerechnet, würde heutzutage weit unter der Armutsgrenze liegen, hat damals aber durchaus zum Leben gereicht.

Wie lautet ein altes Sprichwort? Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Preis- und Einkommensvergleiche zu Beginn des 20. Jahrhunderts verweisen allerdings auf eine Entwicklung, die auch auf uns noch zukommen könnte. Während der Wirtschaftskrise in den USA, die von 1929 bis zu Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg währte, nahmen die Preise für Verbrauchsgüter regelmäßig ab. Die Einkommen sanken jedoch, aufgrund weit verbreiteter Arbeitslosigkeit, wesentlich rascher. Sollte ähnliches in der nahen Zukunft auch auf uns warten, also ein Absinken der Reallöhne, so taucht die Frage auf, wie Menschen, die jetzt gerade noch über die Runden kommen, dies bei verminderter Kaufkraft ihrer Einkommen dann trotzdem noch schaffen sollen?

Über Konrad Hausener