Dienstag , 30 Mai 2017
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Wellmanns Wilde Wochen – Gespräch mit einem Erwachten

wellmanns_wilde_wochenWer sich tagtäglich mit Dingen beschäftigt, die gemeinhin als Verschwörungstheorien bezeichnet werden, der läuft unweigerlich auch Gefahr, sich hier und da mal im Dschungel der „multiplen Gegeninformation“ zu verlaufen. Und in meinem Fall kann es einem passieren, dass man in ungefähr folgender Weise von einem Wildfremden angesprochen wird: „Eyyyy, sach ma, du bist doch dieser Typ hier, dieser… na…, Extremkomiker. Dich hab ick doch schon ma in ein  Video drin gesehen. Müllm…, nee, Mellmann, richtig?!“

Ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl dabei, mich auf einem Bahnhof in ein Café zu setzen, nicht weil ich Angst hatte erkannt zu werden, denn wer kennt mich schon, sondern weil ich ja den ganzen Tag genug Kaffee trinke und die Scheiße auf dem Bahnhof auch immer schweineteuer ist. Nach einem Auftritt von jemandem aus dem Publikum, der sich im Laufe des Abends auf mindestens 2,8 Granaten im Turm „hoch amüsiert“ hat, angesprochen zu werden, bin ich gewohnt.

Nicht das es in irgendeiner Weise erbaulich ist, nach einem 14 Stunden Tag noch die Aufmerksamkeit aufzubringen, den dann meistens folgenden „völlig neuen Witz, den ich doch in mein Programm einbauen könnte“ und der zu 98 % anfängt mit „Ein Russe, ein Chinese und ein Engl…, nee warte…, ein Schweizer…“, geduldig hinzunehmen und sogar hier und da noch zu lächeln, aber wie gesagt, ich bin es gewohnt. In einem Bahnhofscafé, nachdem ich gerade erfahren habe, dass mein Anschlusszug etwa 146 Minuten Verspätung hat, ist das schon etwas ganz anderes.

„Wellmann…, ja. Bin ich“, sagte ich mit diesem unverkennbaren Lächeln, das eher nach einem tapferen Achtjährigen bei der Tetanusimpfung aussieht, als nach freudiger Überraschung. „Da haben Sie…, du…, hast du mich schon mal gesehen…“ Ohne eine weitere Frage, zog er den Stuhl vom Nebentisch ran und setzte sich neben mich. Auch hier war die Mischung aus drei Tage Bart und vier Tage Alkoholfahne, 5 cm vor meinem Gesicht, nicht unbedingt etwas, was zu meinem Wohlbefinden beitrug.

„ Ich fand ja die Nummer mit dem Verfassungsschutz, weißte, die mit dem Dingens und der Frau, weißte, die fand ich ja echt volles Rohr megageil, weißte.“ Ich überlegte kurz, ob er wirklich eine Nummer von mir meinte, beschloss dann aber nicht weiter darüber nach zu denken und sagte, brav wie ich bin. „Danke.“

„Ja ich bin ja da voll deiner Meinung, weißte, ich weiß nämlich auch Bescheid. Verstehste, ich guck´ kein Fernsehen mehr, ich informier´ mich nur noch da wo Bescheid wissen, weißte. Ich geh´ auch Sonntags nich´mehr aus´m Haus, wegen die Schemträls und die Viren die die da versprühen. Mich kriegen die nich´mehr, sage ich dir.“

Ich hatte einiges erwartet, nicht aber einem „Wissenden“ zu begegnen. „Viren?“ fragte ich, möglichst beiläufig. „Und Chemtrails…? Vermischst du da jetzt nicht vielleicht was, ich mein…“

„Nee, nee, nee, mich kriegen die nich´ mehr, hab ich doch gelesen, auf diese Infokrieg Seiten. Da versprühen die Viren, wo man sonst kriegt wenn man kein Sagrotan benutzt, wegen die Schweinegrippeimpfung, weißte. Ich hab das ja nich´gemacht, ich hab mich nur gegen Windpocken und normale Grippe impfen lassen, weißte, ich bin ja nich´blöd. Windpocken hatte ich nämlich noch nicht. Ich geh´ auch nur bei meinen Arzt, weißte, den kenn´ ich schon ganz lange, den kann ich vertrauen, weißte. Was der mir verschreibt, das hilft auch. Nich´so wie der ganze Mist von die Pharmazeutenindustrie. Die wollen ja nur Geld machen. Ich weiß da Bescheid. Neulich erst, da war doch diese Sendung im ZDF…, ja also manchmal guck´ich dann doch noch mal, ne…, da war doch diese Sendung über die Wahrheit von den 11.September. Also nee ne…, nee ne, weiß doch inzwischen jeder das der Osama Bin Laden da gar nicht drin gesessen hat in den Flugzeug…, weiß doch jeder. Also nach meine Meinung war das doch wieder mal volle Verarsche von die…, Dings hier…, na da wo der Bush auch immer mit bei war. Ich sag´dir eins…, wenn diese Illaminuten nich´aufpassen, weißte, dann kriegen die aber richtig eins auf die Fresse von uns. Verstehste?!“

Ich suchte verzweifelt das Café nach einer Toilette ab. „Du, ich muss dann auch langsam…“

„Ja nee, iss klar, der Herr Komiker hat bestimmt ´nen wichtigen Termin, ne. Weißte wenn du mal jemanden brauchst, so für so´n Artikel bei dir im Blog ne, oder so als Berater bei so´m Video ne, dann sagste mal Bescheid. Mein Nickname is´ „Eurofighter against the Global Warming“. Find´s mich meistens im Gerechtigkeitsforum. Also denn…, mach´s gut.“

Er schlug mir nochmal kräftig auf die Schulter, stieß mit seinem Stoffbeutel von LIDL meinen Kaffee um und ging zum Tresen, um sich einen Café Latte Triple Venti zum mitnehmen zu bestellen.

Mir ging kurz das Motto meines Internet Blogs durch den Kopf…,

„Glauben Sie uns kein Wort!
Schauen Sie lieber selber nach und machen sich ein Bild.
Dann brauchen sie auch keine Meinung.“

Dann machte ich mich auf den Weg zum Raucherbereich

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