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(Hier bitte einen reißerischen Titel denken!)

kolumnistenschwein_150Man macht sich schon so seine Gedanken, wenn man an einem Sonntagmorgen frisch gemästet zum Rechner schreitet um möglichst filigranes Geistesgut zu einer aus zwischen 500 und 600 Worten bestehenden Kolumne zu flechten. Doch die Gedanken sind zu zahlreich, dazu verworren und verknotet, es herrscht Hartleibigkeit im Kopf. Allzu viel strömt hinein, will verarbeitet, sortiert und auf einen Sinn hin kontrolliert werden. Am Eingang stauen sich die Informationen, doch der Kopf scheint nur ein Nadelöhr. Schließlich lebt man ja nicht wie Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel, was dieser Crusoe aus Unwissenheit heraus nie als einen nicht gering zu schätzenden Vorteil verstand, sondern mittig einer Informationsgesellschaft, was mit sich bringt, dass man somit alles und infolgedessen eigentlich gar nichts weiß. Wissen als Last. Man muss sich Robinson Crusoe als glücklichen Menschen vorstellen.

So sitze ich also nun vorm aufgeklappten Laptop, habe wahrscheinlich noch Roggenbrötchenkrümel im unrasierten Gesicht, dazu butterglänzende Lippen und versuche im großen Gedankenmüllhaufen die Stecknadel zu finden, mit der man eventuell das eitrige Informationsgeschwür zum platzen bringen könnte, um den Gedankenstau erleichtert abfließen zu lassen. Doch die ideelle Nadel bleibt ungeschmiedet, nur grobes Werkzeug liegt bereit; hier wird heute nicht der Minimal-invasiven-Chirurgie gehuldigt, hier wird mit Axt und Kettensäge operiert.

Kann sein, diese Art des Denkens ist vom momentanen Nachrichtenstrom geprägt, welcher mir von blutigen Unruhen berichtet. In Ägypten brennen die Häuser, die Strassen, dabei – so berichtete mir ein Bekannter, welcher sich alljährlich in Nähe der Pyramiden von Gizeh als Pauschaltourist sandstrahlen lässt – sei es dort auch schon so vom Klima her verdammt heiß. Das Volk rebelliert, man will Veränderung, Demokratie, oder was auch immer, stets darauf ausgerichtet, wer dem Volk gerade vorgaukelt, was es denn braucht.

Dabei scheint es doch so einfach, denn der Mensch braucht vor allem sein Brot und sein Dach überm Kopf und Mauern, die das Dach ohne große Diskussion auf ihren Schultern tragen. Dazu braucht er die Freiheit, zu sagen was er will und dazu geduldige Nachbarn, die sich dieses, ohne gleich wutentbrannt nach dem Baseballschläger zu greifen, anhören.

Was würde mich selbst wohl auf die Strasse treiben? Mein Kühlschrank gewiss nicht. Denn darin liegen zur Zeit

3 Becher gesalzene Butter,
1 Becher Margarine,
7 Joghurts,
1 kg Pudding,
1 Päckchen Gouda in Scheiben,
1 Päckchen geräucherter Sprotten,
eine Viertel Gurke,
34 (!!!) frische Eier,
1 Päckchen Frischkäse der Marke Almette,
ein gutes Pfund Wurst.

Auch das Dach ist dicht und die Mauern machen nicht den Eindruck, als wollten sie in unmittelbarer zeitlicher Nähe ihre Existenz an den Nagel hängen. Desgleichen lässt sich nichts über die Nachbarn sagen, sie leihen einem ihr Ohr, unermüdlich ertragen sie des Schreiberlings zerzauste Gedanken, ihre Messer zücken sie nur in der Küche ihrer Häuser, um damit Brote zu schmieren und gegebenenfalls Kartoffeln zu häuten.

Man lebt hier in Ruhe, welcher man nicht anmerken kann, ob es die Ruhe vor dem Sturm, oder die Ruhe ist, von der der Komponist Richard Wagner einmal sagte, es sei eine edle, eine durch Resignation beschwichtigte Leidenschaft. Dies zu beurteilen wird es wohl noch den Zeitraum einiger Kolumnen zu durchschreiten gelten, vielleicht einige mehr, vielleicht einige weniger, doch bis dahin werde ich weiterhin versuchen, aus der Hartleibigkeit der Gedanken Substanzielles zu meißeln, um damit die Geduld der Nachbarn auf härteste Proben zu stellen.

So zum Beispiel die folgende Aussage: Das Leben ist nicht so wertvoll, als dass es lohnt, darum zu kämpfen. Das Leben wird erst wertvoll, wenn man darum kämpft. Ein Gedanke, an welchem ich und meine Anrainer nun bis zum nächsten Sonntag zu knabbern haben. Vielleicht sogar bis zum übernächsten.

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