Polaroids unter dem Hammer
Am 20. und 21. Juni wird bei Sotheby’s in New York die legendäre Polaroid-Sammlung versteigert und damit wahrscheinlich aufgelöst. Mehr als 1.200 ausgewählte Werke des Polaroid-eigenen Archivs, bisher untergebracht in einem Lagerhaus in Massachusetts, sollen einen geschätzten Preis von 8 - 12 Mio. $ erzielen, wobei die bei solch einmaligen Gelegenheiten eintretende Hysterie die Gebote noch weiter nach oben steigen lassen dürfte.
Ein Gericht hat verfügt, das photographische Archiv des insolventen Sofortbildkameraherstellers Polaroid zur Schuldentilgung an die Konkursverwalter zu übergeben. Polaroid musste aufgrund eines Betrugsverfahrens gegen eine frühere Tochterfirma, die mit einem Schneeballsystem einen über 3,5 Milliarden $ großen Schaden verursachte, 2008 Insolvenz beantragen. Als zum damaligen Zeitpunkt verlautbart wurde, die Produktion sowohl von Sofortbildkameras als auch deren Filme einzustellen, waren weltweit alle Liebhaber dieser einzigartigen Form der Photographie bestürzt – vom Hobbyphotographen bis hin zu den Künstlern, die das Polaroid als besonderes Kunstobjekt schätzen.
Durch die Verbreitung der Digitalphotographie wirkt die Sofortbildtechnik heute wie ein Kult aus vergangener, analoger Zeit. Doch gerade durch ihren Charakter der Nicht-Reproduzierbarkeit obliegt ihr ein ganz eigener Charme, welcher auch die in der nun zur Versteigerung stehenden Sammlung vertretenen Künstler inspiriert hat.
Zusammengetragen wurde sie von Edwin Land, dem Polaroid-Erfinder. Dieser pries seine immer weiter entwickelte Technik den jeweils führenden Künstlern im Bereich Photographie an und bot ihnen für die Beisteuerung ihrer Werke zu seiner Sammlung die nötige Ausstattung und dauerhaften Zugriff darauf.
So umfasst die Sammlung unter anderem die auf 50.000 $ geschätzte und aus 63 Einzelpolaroids bestehende Assemblage David Hockneys, die ein Doppelportrait zweier junger Mädchen zeigt. Auch das atemberaubende Wandbild von Ansel Adams, eine Ansicht der Sierra Nevada, dürfte Experten zufolge einen hohen Preis erzielen – der jetzige Schätzwert beträgt eine halbe Million US-Dollar.
Ansel Adams war es auch, der das „subtile Leuchten“ der Polaroids hervorhob, die sanfte „Farbmalerei“, die die Schärfe der abgelichteten Objekten mildere. Seine Künstlerkollegen Robert Rauschenberg und Robert Frank nahmen die Farbmalerei wörtlich: sie verwischten die noch nicht fixierte Emulsion, kratzten Botschaften in die Oberfläche oder behandelten das unfertige Polaroid mit Pinsel und Bleiche und verwischten so, wieder im doppelten Sinne, die Grenzen zwischen Photographie und Malerei.
Les Krims führte für seine Technik der Bearbeitung des weißen Randes des Sofortbildes und seinen graphisch gestalteten Rahmen den Kunstbegriff „Fictcryptokrimsographs“ ein. Die Polaroid-Kunst Walter Evans hingegen zeichnet sich aus durch wankelmütige, unfixierte Farben, trübselig Verblichenes und morbid Verfallenes – fast schon bezeichnend für die tote Technologie der Sofortbildphotographie.
Doch Totgesagte leben ja bekanntermaßen länger; so wurde unlängst bekannt gegeben, dass sowohl eine neue Generation von Instant-Filmen eines externen Anbieters als auch ein neues Sofortbildkameramodell von Polaroid verfügbar seien.
Dessen ungeachtet ist die Polaroid-Sammlung einmalig und zeigt, vor ihrer Zerstreuung in die Hände einzelner Privatbesitzer, noch einmal die mögliche Beziehung zwischen Technik und Vision, Wissenschaft und Kunst.
Die zur Auktion kommenden Werke findet man auf der Homepage von Sotheby's



