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Die Krise News (96) Spezial: Brennpunkt Platzhalter

riesenkrabbenspinneProminent ist laut Wikipedia alles, was ein wie auch immer erworbenes Mindestausmaß der individuellen Bekanntheit in der Öffentlichkeit erlangt hat. Selbst, wenn wir uns nur den Prominenten widmen, die ihren Zenit längst überschritten haben und mittlerweile von A über B nach C abrutschten, können wir uns heute entspannt dem Brennpunkt widmen, sozusagen als Platzhalter für ähnlich gelagerte Fälle, da mit den gleichen Sorgen konfrontiert: Im Kampf um Einschaltquoten und mit Rücksicht auf bereits überlastete TelefonistInnen werden Themen vorgegeben, die das Fernsehvolk interessieren dürfen und tatsächlich auch interessieren werden. Die entsprechende Darbietung, streng nach Drehbuch, liegt dabei noch in der Verantwortung des Entertainers. Dieser verzichtete dankenswerterweise in der Sendung rund um Obamas Wiederwahl auf zu hohe Stimmlage, zu schnell gesprochene Texte und dem unvermeidlichen Griff zum Ohrstöpsel, um die historische Wichtigkeit eines Ereignisses zu untermauern, zu dem schon die ganze Nacht hindurch auf sämtlichen Sendern endlos schleifend alles gesagt wurde, was gesagt werden durfte.

Eigene Texte oder gar Mitsprache am Drehbuch sind ihm jedoch längst nicht mehr gestattet, unserem absteigenden Promi. Die Zeiten sind längst vorbei. Schade, denn als Gast wurde Außenminister Westerwelle zugeschaltet, der keinen Zweifel daran ließ, jederzeit mit weisen Ratschlägen Obama unter die Arme greifen zu können, wenn’s denn mit der Schuldenpolitik noch immer nicht so recht klappen möge. Als Dankeschön durfte Guido noch einen Werbeblock für die/seine Europolitik einschieben, mit der allein man gestärkt aus der Krise hervorgehen könne. An der Stelle, als es um die deutsche Politik der militärischen Zurückhaltung sowie um die Erkenntnis ging, dass es nicht militärische, sondern politische Lösungen seien, die die Welt braucht, hätte unser tragischer Held zu früheren Hochzeiten lodernd vor Interesse sicherlich nicht nur folgende Fragen auf den Punkt gebracht: Wird die NATO den Bitten der Türkei nach Stationierung von Patriot-Flugabwehrraketen nachgeben? Wird nicht schon längst eine Invasion in Syrien vorbereitet?

Aber nein, darüber wird nicht gesprochen. Genauso wenig, wie zu anderen brisanten Themen überhaupt eine Sendung im Betracht gezogen wird. Über den Atommüllskandal im Kongo zum Beispiel. 17 Tonnen kontaminierter Müll wurden von einem chinesischen Unternehmen in einem Fluss im Südkongo entsorgt, ganz in der Nähe von Shinkolobwe, wo Uran widerrechtlich abgebaut wird. Mindestens ein Regierungsmitarbeiter war daran beteiligt. Das Aufdecken solcher Machenschaften und Antworten auf quälende Fragen, ob so ein Vorgehen tatsächlich nur ein Einzelfall sein kann, das wären wirklich noch Brennpunkte. Aber das Feuer ist längst erloschen, es interessiert aber auch scheinbar keinen Menschen mehr.

In Zeiten, in denen sich kilometerlange Schlangen nur mehr vor Apple-Läden bilden, das drohende Versinken der Fukushimaruine mit all den katastrophalen Folgen nicht mal ein Runzeln von was auch immer bewirkt, wird das lokale Interesse sogar an historischen Wahltagen noch von einem zwar exotischen, jedoch völlig unbedeutenden Starlett abgelöst: Eine Riesenkrabbenspinne war tagelang Hauptgespräch im Großraum Augsburg, nur, weil sie sich offensichtlich das Ticket nicht leisten konnte und als blinder Passagier per Bananenkiste einreiste. Obwohl sofort im ersten Zoo vor Ort und dann in der Lebendausstellung des Naturmuseums einquartiert, überlebte die Jagdspinne die Strapazen nicht. Vielleicht war es aber auch ein Freitod. Immerhin bekundete sogar das ZDF Interesse an der Vielbeinigen. Genaueres weiß man nicht, ein Angebot als Lanz´ Orakel, als Ersatz für Cindy aus Marzahn und auf der Schulter des „Wetten, dass…?“-Moderators platziert, ist heutzutage nicht wirklich abwegig, der darauf folgende Kollaps verständlich.

Die Kamelienkrabbe kann aber auch infolge von Verbitterung eingegangen sein: Die Schockmeldung, dass die Kastelruther Spatzen gar nicht selbst singen, überlagerte denn doch die Aufmerksamkeit an unserem Tierchen. Wobei ich mich ja frage, was genau denn so shocking an der Tatsache sein soll, dass die Spatzen zwar von Dächern und Bühnen zwitschern, im Studio jedoch verstummen? Meines Erachtens wohl nur die Erkenntnis, dass die Dunkelziffer derer, die volksmusikähnliche Töne hervorbringen, weit höher liegt als befürchtet. Ansonsten sind wir es doch längst gewohnt, von Marionetten bezirzt zu werden, während die wahren Macher im Hintergrund die Strippen ziehen. Fake und Plagiat sind hipp, so gesehen steht einem Comeback von und zu Guttenbergs nun wirklich nichts mehr im Wege.

In diesem Sinne

Eure Krise

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