Die Krise News (61) – Durchgeboxt
Nicht immer ist es förderlich für das Selbstbewusstsein, wenn man sportliche Erfolge schon an der Nasenspitze ansehen kann. Schon gar nicht, wenn einem als weibliches Wesen strengere Schönheitsmaßstäbe diktiert werden als den männlichen Kollegen. „Ich war mit meiner alten Nase nicht mehr glücklich“ gestand auch Boxweltmeisterin Regina Halmich und rechtfertigte so ihre Schönheits-OP. Vielleicht hatte das Fliegengewicht da den richtigen Riecher, für eine Fernsehkarriere wurden bekanntlich schon ganz andere prominente Körperteile wohlgeformt.
Solche Korrekturen hatte Muhammad „die-Boxlegende-schlechthin“ wohl nie nötig. Seinen 70. feierte er bereits am 17. Januar, die große Geburtstagsgala wurde aber erst vergangenes Wochenende in Las Vegas, dem Mekka der Spieler und Zocker, ausgerichtet. So gingen denn auch rund 2000 Stars und Sternchen freiwillig in die Wüste, um Ali zu bejubeln. Ob er sich beim Anblick seiner Gratulanten wieder an eines seiner Zitate - „Ihr seid gar nicht so dumm, wie Ihr ausseht“ - erinnerte? Das ist nicht bekannt. Für Jedermann wahrnehmbar dagegen war die Videobotschaft Obamas: Ali habe die Welt „geschockt und inspiriert“ und tue das auch weiterhin. Er sei ein spektakulärer Kämpfer gewesen.
Nur noch geschockt war die Boxwelt dagegen von Skandalschläger Dereck Chisora. Spektakulär prügelte er nach seiner Niederlage gegen Vitali Klitschko auf David Haye ein. Wenig inspirierend für die Zuschauer und hoffentlich niemals vorbildlich für den Sportlernachwuchs. Vollends unehrenhaft drohte Dereck seinem Prügelknaben auch noch: „Ich werde Dich töten! Ich werde Dich erschießen! Ich werde Dich verbrennen!“ So wird Chisora nicht mal entfernt an das Format Alis heranreichen, der einmal von sich behaupten konnte:
„Jetzt fängt mein Leben erst wirklich an. Gegen Ungerechtigkeit kämpfen, gegen Rassismus, Verbrechen, Analphabetismus und Armut, mit diesem Gesicht, das die Welt so gut kennt.“
Ausgeknockt ist das Wort „Ehre“ dabei noch lange nicht: Schließlich sind diese vier Buchstaben schon leidlich gewöhnt daran, missbraucht, beschmutzt oder über falsche Lippen mit ebenso falschen Bekenntnissen ausgesprochen zu werden. Und unter den Goldwörtern wie Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit, Vorbildfunktion, nebst deren Verwandten Gleichbehandlung und Konsequenz, sticht die Ehre immer noch als Platinmünze hervor. Deswegen versucht jetzt selbst die Union nach einem Hintertürchen mit Ausweg aus dem Ehrensolddilemma rund um Wulff. Denn eines dürfte selbst dem abgebrühtesten Politiker klar sein: Solange sie nur alles Gold einschmelzen, sind sie lediglich angezählt. Wenn sie es aber auf die Spitze treiben mit den Streichen und auf Platin rumbeißen, könnte es zappenduster werden und zum endgültigen K.O. durch die Wählerschaft führen. Dabei ist alles so leicht: Messt Herrn Wulff doch ganz einfach an seinen eigenen Maßstäben, die er aufgestellt und mit denen er konsequent über andere gerichtet hat.
Für mich ist nun auch Zapfenstreich, wobei ich ausdrücklich Nachtruhe damit meine. Mit diesem Wort ist es nun mal wie mit der Ehre: Unüberlegt angewendet und es wird finster für die Moral.
In diesem Sinne,
Eure KriSe




