top_abstand_2
top_abstand_1000x4
weiterempfehlen_banner

Nie mehr Bühne, dafür Buch - Oliver Wellmann im Interview

oliver_wellmannAls unser Berliner Herz mit Schnauze, Kabarettist, Comedian und Kollege Oliver Wellmann plötzlich abtauchte und sämtliche Live-Auftritte abgesagt wurden, waren selbst enge Freunde und Kollegen überrascht und ratlos. Durch einen Schicksalsschlag im wahrsten Sinne des Wortes, hat es das Berliner Multitalent plötzlich aus dem Beruf und fast auch aus dem Leben gerissen. Inzwischen hat er sich wieder etwas sortiert und war gerne bereit uns zu verraten, warum man ihn künftig nicht mehr auf der Bühne sehen wird, seine Texte nun als Buch kaufen kann. Außerdem hat er uns einiges vom Menschen Wellmann erzählt.

TI: Als Ende September sowohl dein Soloprogramm als auch „Die Beziehungswaisen“, dein Duo mit Kollegin Jundula Deubel, abgesagt wurden, waren Freunde und Fans äußerst beunruhigt. Du warst ja komplett abgetaucht, Deine Internetpräsenzen von einem Tag auf den anderen stillgelegt. Was war passiert?

OW: Ich habe Fans!? Au weia! Sind das nicht so Götzenanbeter, die andere Menschen auf eine höhere Stufe heben, und beurteilen? Muss ich mir Sorgen machen?

TI: Nein, aber abfinden musst du dich wohl schon damit.

Anzeige

OW: Na gut, ist ja nun auch nicht das Schlechteste, womit man sich abfinden muss. Also, zu deiner Frage: Gesundheitliche Probleme habe ich schon seit mehr als 26 Jahren, durch die Nachwirkungen eines schweren Unfalls und die damit verbundene, zeitweise Lähmung meiner linken Körperhälfte. Dazu kommt, was nun wirklich kein Geheimnis mehr ist, eine noch längere Suchterkrankung, die nun ihren Tribut in Form eines Schlaganfalls gefordert hat. Also kurz: Ich kann zum größten Teil nur noch eine Körperhälfte benutzen, was sowohl das Schreiben sehr schwer, vor allem aber die Bühnenauftritte unmöglich macht.

TI: Das trifft! Ein solcher Hintergrund passt nun mal nicht zu dem Bild, dass man sich landläufig von einem Heiterkeit und Unterhaltung verbreitenden Menschen malt. Direkt gefragt: Besteht Hoffnung auf Milderung der Symptome bzw. vollständiger Heilung?

OW: Nein. Oder, um es so zu sagen, was die Suchtkrankheit betrifft, kann man die natürlich mildern, indem man lernt, damit zu leben und vor allem nichts Drogen-, oder Alkoholhaltiges konsumiert, was ich seit nunmehr fast zwei Jahren auch endlich mal wieder tue. Was die physischen Erkrankungen und Verletzungen angeht, kann man da nichts mehr tun, als auch dies mit möglichst alternativmedizinischen Mitteln im erträglichen Rahmen zu halten. Qi Gong, zum Beispiel, kann da wirklich Wunder bewirken. Menschen, die Krebs haben und sich für die schulmedizinische Variante, also Chemotherapie, entschieden haben, könnten damit die Nebenwirkungen in wirklich erstaunlicher Weise mildern. Aber das ist wohl nochmal ein anderes Thema. Und wenn man sich täglich mit Schmerzen auseinandersetzen muss, entwickelt man irgendwann sowieso seine eigene Taktik, um damit leben zu können. Oder man beendet es freiwillig, was mir aber bis jetzt noch nicht gelungen ist. Wahrscheinlich deshalb, weil das Leben ja auch genug lustige Seiten hat.

TI: Es gehört schon eine gewisse Portion Größe dazu, in einer solchen Situation nicht den Humor zu verlieren… eine Rückkehr auf die Bühne scheint somit in weiter Ferne. Früheren Bemerkungen konnte ich jedoch entnehmen, dass Du Deine Bühnenauftritte schon länger zwiespältig betrachtest hast. Welche Gedanken haben Dich umgetrieben?

OW: Na ja, besonders viel Größe strahlt Galgenhumor nun nicht gerade aus. Wahrscheinlich habe ich einfach zu oft mit dem gehadert, was ist und darüber gejammert, was sein könnte, dass es mir irgendwann selbst auf die Nerven ging und ich mir das Jammern abgewöhnt habe.

Zwiespältig sehe ich sicher nicht meine Auftritte, sondern den, immer mehr sinkenden Anspruch an Humor der Menschen. Dabei darf man mich nicht falsch verstehen. Einen Abend mit befreitem Lachen zu verbringen ist eine großartige und sehr gesunde Sache, weshalb die Komik, auch wenn von schlichtem Gemüt, unglaublich wichtig ist. Deshalb ist auch ein Auftritt im Quatsch Comedy Club eine großartige Sache. Aber ich kann meine Zeit eben nicht ausschließlich mit Klamauk verbringen, vor allem dann nicht, wenn ich damit verdrängen will, was alles schief läuft auf der Welt. Leider geht es den meisten Kollegen nur um Reichtum und Ruhm, egal ob der Planet und seine Lebewesen dabei zugrunde gehen. Also wer das nicht zwiespältig sieht, der hat´s wohl auch so verdient.

Und mal abgesehen davon, ob es gesundheitlich geht, oder nicht, vergeht mir nach einer gewissen Zeit auf der Bühne, in der ich merke, dass kritische Gedanken in der Komik nicht erwünscht sind, auch immer wieder die Lust darauf, gegen eine ignorante Dummheit anzukämpfen, nur um damit Geld zu verdienen. Applaus zu bekommen ist toll, aber den zu bekommen, weil man gehässige Gags über Männer und Frauen erzählt, füllt nicht besonders aus. Irgendwann wird es dann auch nur ein Job wie jeder andere, zu dem ich mit schweren Füßen und Unlust und ohne jede Herausforderung gehe.

TI: Damit hat sich meine Frage erübrigt, ob Du überhaupt jemals auf die Bühne zurückkehren möchtest. Andererseits wäre es schade, wenn ein Gesellschaftskritiker deiner Klasse nichts mehr sagen möchte. Solche Stimmen brauchen wir dringender denn je. Finden wir solche Texte in deinem Buch wieder?

OW: Nun, da es wohl mein größtes Problem ist, auch bei den plattesten Kalauern immer Hintergedanken zu haben, die meistens all die kleinen Schwächen und Macken von uns Menschen zum Hintergrund haben, will ich doch hoffen, dass „solche Texte“ gefunden werden. Vielleicht muss man einiges öfter lesen und sich „hinab“ arbeiten, um letztendlich sein eigenes Verhalten zu hinterfragen. „Die Gesellschaft“ bin ja ich und es geht darum wie und was ICH tue und nicht darum Kritik an anderen zu üben. Dann erübrigt sich auch, sich eine Meinung darüber bilden zu müssen, sondern ich kann endlich anfangen Entscheidungen zu treffen.

Mein eigener, jahrelanger Lernprozess diente ja vor allem dazu, nichts und niemandem mehr zu folgen, keine Meinung zu übernehmen, keinem Glauben anzugehören, oder sonst etwas das jemand anderes gesagt hat als meinen Lebensweg anzunehmen. Und was mich wirklich anwidert, ist der Missbrauch dessen durch Dinge, die wir dann Religion, Glaubensgemeinschaft, oder Organisation nennen.

Es wird mir auch für immer unbegreiflich bleiben, warum Menschen ein Fan von irgendwas werden, oder Liebesbeziehungen zu ihren Autos pflegen.

TI: Nun ja, im positiven Sinne kann sich der Fan an sich von Deinen Texten bestätigt, ermutigt und zudem zum Nach- oder Umdenken angeregt fühlen. Und für Dich dürfte die Veröffentlichung eine Perspektive sein, nachdem Du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst. Wo kann man Dein Buch beziehen?

die_zukunft_ist_jetzt_coverOW: Zunächst ist es als Amazon Kindle (E-Book) als Eigenveröffentlichung erschienen, und kann demnach bei Amazon gekauft werden. Sollte ein größerer Verlag Interesse daran haben, es auch als Taschenbuch zu veröffentlichen, freue ich mich natürlich sehr. Natürlich kann man das Buch auch auf jedem Smart-Phone und auf jedem PC/Mac lesen. Man muss sich also nicht gleich einen Kindle anschaffen, es gibt Software für alle erdenklichen Geräte.

Was Perspektiven angeht, so sieht wohl alles nach Rentenantrag aus. Zurzeit blieb nur der Hartz IV Antrag und ich war wirklich erschrocken, wie man in meinem derzeitigen Wohnort Düsseldorf mit den Menschen umgeht, die Hartz IV neu beantragen. Anscheinend sieht man sich in Düsseldorf noch als etwas Besonderes und möchte seine „Schandflecken“ möglichst unter den Tisch fallen lassen. Zumindest wird hier keine Gelegenheit ausgelassen dir das Gefühl zu geben nur noch Dreck zu sein. Vielleicht komme ich nochmal dazu, das etwas näher zu dokumentieren.

TI: Kannst Du Deiner Lage überhaupt noch etwas Positives abgewinnen, auch angesichts der eher düsteren Entwicklungen weltweit?

OW: Na ja, bis jetzt habe ich es ja nicht mal selbst geschafft mich kleinzukriegen und ich bin ja auch noch da. Nur eben unter anderen Voraussetzungen. Vielleicht waren die ganzen Jahre auf der Bühne auch nur dazu da, mir zu zeigen, dass es nicht mein Ding ist, in der Öffentlichkeit zu stehen. Es dreht sich mir der Magen um, wenn ich daran denke, in was für eine Welt meine Kinder wachsen müssen, aber ich bin sicher, die sind schlau genug, um damit klarzukommen. Und das ist natürlich sehr positiv. Und dann ist da noch die Frau an meiner Seite, die ich endlich gefunden habe und die da auch bleiben wird. In diesem und in jedem anderen Leben.

Es geht also wohl eindeutig nicht darum dem Leben immer etwas Positives abgewinnen zu müssen, oder über die vermeintlich negativen Dinge zu jammern, sondern mit seinen Realitäten leben zu können und vor allem seine Erwartungen möglichst beiseitezulassen.

TI: Das ist eine gute Überleitung für den Schlusssatz! Wir brauchen schließlich Jemanden wie Dich , der uns in die Realität zurückholt. Aber nicht nur deshalb wünschen wir Dir, dass Du wieder auf die Beine kommst bzw. auf diesen bleibst! Danke schön für dieses Interview und für Deine Offenheit!

 

Das Buch „Die Zukunft ist jetzt! - Bühnentexte aus 46 Jahren“ von Oliver Wellmann ist als Amazon-Kindle Version erschienen und kostet 4,99 €. Wer (noch) keinen Kindle-Reader besitzt, der kann hier die kostenlose Software für PC, Mac, Android, iPhone und iPad herunterladen.


AddThis
blog comments powered by Disqus
 
internetanbieter.info


The Intelligence Social Media
TwitterFacebookGoogleYoutubeFeed
Zitat des Tages

Staatsdiener spielen gern Staatsherrschaft. '
Wolfram Weidner

kolumnistenschwein logo

tv_tipp_des_tages_32

ARD: 20:15 - 21:00 Uhr
Markencheck - adidas
Reportage

Aktueller denn je!
Aktuelles Wetter
Berlin 21 °C
Hamburg 18 °C
München 16 °C
Köln 18 °C
Frankfurt 21 °C
Stuttgart 15 °C
Wien 19 °C
Zürich 13 °C
  21.05.2012 The Intelligence

banner galapagos

NNE_banner_200