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Theater ohne alles, auch sich selbst

sperrmuell_sofaNachdem die deutsche National-Mannschaft die argentinischen Ballkünstler durch großartiges Zusammenspiel und vier geschossene Tore erlöst hatte, schließlich litten die allesamt unter dem Überdruck lastender Gewissheit sich in den Spielen an Anfänger gleichsam verschenken zu müssen, war mir eigentlich egal, wer denn nun von den deutschen Jungs demnächst besiegt werden muss und wird. Nicht, dass das Team wirklich siegen müsste, aber gewonnen hat es schon und gleichsam doppelt: Sie sind eine echte Mannschaft und zeigen auch, dass es ohne Mannschaft nicht geht. Diese Gemeinsamkeit ist das Vorbild auf eine Zukunft. 

Jedenfalls erinnerte ich mich an morgendliche Lektüre und eine latente Drohung. Letztmalig, soso. „Grandios!“ hatte Janina Fleischer befunden und meine Neugier geweckt. „Hin und wieder platzt eine Seifenblase.“ Letzte Aufführung, heute, 20.00 Uhr: „Die letzten Tage in L.“

Auf dem Weg zu den offiziellen Theaterstätten unserer Stadt sah ich sie dann, die vom Fußball Bewegten. Erschöpft von Euphorie, 20 Kilo Übergewicht und dem Taumel der Gefühle saßen sie an den Straßenrändern und in den Freisitzen, glückselig über die nationale Leistungsfähigkeit. Unsere Jungs hatten ihre Sache gut gemacht, so brauchten sie nicht selber ran. Würden sie aber, notfalls.

Was ich dann in den folgenden 3 Stunden sah, war spannend bis zum Schluss, eigentlich bis nach dem Schluss und wieder später kam die depressive Ernüchterung.  Nicht wegen dem Stück wohlgemerkt, schließlich gab es ja keines. Insgesamt ein Gedenken an Ronald M. Schernikau. Fünf beachtenswerte Momente. Nachdem sich williges Publikum auf verstreutem Sperrmüll drapiert hatte, waren wir schon mittendrin. Aus dem Off wurde eine Diva auf dem Diwan interviewt, die nicht unnahbar und keineswegs unfreundlich zwischen uns saß. Die Fragen waren erstaunlich, weniger befragend denn sich selber suchend – die Antworten auch. Gut gemacht. Zwei hatten ihre Abendverpflichtung schon mal hinter sich. Dann die Erinnerung. Der auf Körper reduzierte Geist des Erinnerten fleht um Aufmerksamkeit, biedert sich an, bietet sich an, flieht und versteckt sich. Straft und quält sich, fleht bittet, bettelt und verschwindet. Das Spiel geht auf, weil das Publikum sich hartherzig entzieht. Falls es verstand, was zumindest eine Weile dauerte, bis das Gekicher verstummte und coole Steifheit auf Distanz hielt. Hätte es einen Plan B gegeben, wenn jemand den Hilfeschrei der Kreatur angenommen hätte, aktiv geworden wäre?

Danach die Beleidigung des Publikums, die nicht beleidigen konnte, weil so eine offensichtlich richtige Beschreibung eben Tatsache ist und nicht beleidigt. Ein Stripper schwenkt das Gemächt in das Publikumsgesicht, feiert das Leben und die eigene Traute und sagt, worauf es ankommt: Fuck you!

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Danach sitzt Schernikau auf der Bühne am Pult und verliest eigene Texte, open, sehr open end. Irgendwann werden die Saaltüren geöffnet, jeder kann sich sein Bier holen oder zwei und weiter den Texten lauschen. Oder fort bleiben. Der Lärm von den Freisitzen und dem Fußballfest wispert in den Saal, einige Gäste fangen zu Rauchen an, andere ergeben sich dem Schlafbedürfnis, viele wirken betreten unsicher. Wie lange noch? Open end!

Irgendwann kehrten immer weniger von der Theke zurück. Schlusspunkt, Applaus. Fertig. Beim Rausgehen viel Gespräch, aber kein Sterbenswort über die letzten 3 Stunden. Abgehakt. Was noch?

Der Darsteller des Abends war das Publikum. Die Texte waren nicht schlecht, jener Duktus des verzweifelten Intellektuellen: beobachtend, analysierend, reflektierend. Geschliffene Sprache. Hätte man auch daheim lesen können. Einiges tastend, anderes treffend.

Aber das Publikum: glotzend, abwesend, nicht hörend, aber dabei gewesen. Kaum jemand hatte die Zeiten vor 20 Jahren denkend erlebt. So wird Geschichte geschrieben. Nie werde ich den selbstzweifelnden Blick jenes Ehepaares vergessen. Um die 45. Bekamen sie was nicht mit? Gehen verbietet der Anstand, aber was sollte dies alles? Ansonsten 27 fahle Mickymausmasken. Der harte Kern. Lebten das, was ehedem geschrieben wurde. Ja, ist wichtig, darum sind wir da. Hält halt nicht jeder aus. Selbstwert.

Eine Gesellschaft, die sich ihrem Schicksal ergeben hat. Tüchtig, intelligent, rational und effizient und wohlwollend. Unangestrengte Macher. Sie hat sich ihrem Schicksal ergeben, weil sie sich selber nicht mehr vertraut. Es wird keine neuen Ufer geben. Es geht um den Ausbau. So gut es eben geht. Die Gesellschaft funktioniert. Es gibt Schlimmeres. Weil sie funktioniert.

Waren die Texte doch von heute?

Franz Wanner - http://blog.corporatebookstore.de

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