Tausend Jahre sind wie morgen erst
Seit Ewigkeiten sind die apokalyptischen Reiter unterwegs, begleitet vom Lepra-Gebimmel und gedeckt vom lächelnden Sensenmann, nix Neues unter den Nachthimmeln. Aber seit Kultur und Schriftgut von der künstlerisch gestalteten Erklärung und Deutung, von der Warnung zur sich selber reflektierenden Suche übergegangen ist - allen literaturwissenschaftlichen Behauptungen zum Trotz geschieht das erst seit 130 Jahren - taucht immer wieder regelmäßig und in unterschiedlichen Sujets der Versuch auf, die menschliche Gattung nach einem perspektivischen Sinn zu befragen.
Mir ist kein befreiendes Ergebnis bekannt. Damit kann man sich abfinden. Aber dann möchte man ja eben nicht unbedingt, in den Zyklen der endlosen Wiederholungen, ausgerechnet die grausligen Etappen abbekommen oder wünscht sie wenigstens den eigenen Kindern nicht. Für sich selber ist wenig zu retten, aber das Schicksal der Enkel ist noch in Nuancen gestaltbar.
Die Beispielliste von Literatur und Film für jene „Ohnmacht der Allmächtigen“ (60iger Jahre) ist endlos, ich kann mich nicht an so viele erinnern, finde aber die einvernehmliche Typisierung spannend:
- individuell trotzig: „1984“ (Orwell)
- mahnend lustig: „ geschützte männer“ (merle)
- betroffen distanziert: „Geschichte der Dienerin“ (Atwood)
- sarkastisch kriminalistisch: „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ (Prokop)
- heiter resignativ: „Wolkenatlas“ (Mitchell)
- ironisch karikiert: „Schöpfung für Anfänger“ (Morgan)
- sachlich resigniert: „Globalia“ (Rufin)
- und viele viele andere.
Ich merk mir nur Titel und Autoren schlecht. Stevenson, Defoe, Proust, Musil, Sartre, Fournier, Houllebecq, Faldbakken gehören in anderes Schubfach. Letztbenanntes Buch „Globalia“ von Jean-Christoph Rufin (Mitbegründer „Ärzte ohne Grenzen“ und Vorsitzender „Aktion gegen den Hunger“) als Taschenbuch bei Goldmann erhältlich, möchte ich empfehlen. Gerade weil das Buch so warmherzig ist und die Resignation so optimistisch.
Nee nee, nix mit Krankheit, Pharma und Hungersnöten oder globale Krisen, weder erhobene Zeigefinger noch Daumen. Eine abenteuerliche Liebesgeschichte mit Happy End. Was ich meine, ist die Sujeteinbettung. Die ist absolut aktuell, von uns allen gerade durchlebt und nur mal so eben eine Klitzekleinigkeit als mögliche Entwicklungsvariante „zu Ende“ gedacht.
Auch die Genügsamkeit und Harmlosigkeit. Es bedürfen eben auch Intellektuelle der Herausforderung! Jeder Leser - wirklich jeder! - kann sich wiederfinden, falls er sich selber kennt. Ansonsten erkennt er die anderen, vom Nachbarn bis zur Schwiegermutter. Und wen das alles nicht interessiert, liest eben nur den spannenden Reißer!
Franz Wanner - http://blog.corporatebookstore.de



