Warum der Geldhahn selten Schlachtvieh ist
Ich gebe nicht gern Geld aus. Aber nicht etwa, weil ich von der Todsünde des Geizes befallen bin, denn wahrlich, ich klebe nicht an Scheinen und Münzen, weiß aber hingegen sehr wohl, dass Nützliche vom Tandwerk zu unterscheiden. Und wer gleichsam über dieses Fähigkeit verfügt, wird nicht umhin kommen können, mich gedanklich zu unterstützen, denn ein Großteil dessen was der Mensch heutzutage in der Lage ist zu produzieren, lässt sich bedenkenlos unter der Rubrik Müll zusammenfassen.
Geld ist nun aber einmal die Ausdrucksform eines Wertes, welches das Produkt subjektiv für den Konsumenten hat. Und hier liegt auch seine Kompliziertheit. Denn zweifelhaftes Angebot und noch zweifelhaftere Nachfrage ergeben zu oft einen Wert, der vom tatsächlichen Wert des Dinges, also seinen Material- und Produktionskosten, erheblich abweichen kann. Der Wert eines Paar Damenschuhe steigert sich beispielsweise genau in jenem Moment, in welchem meine Gattin mit erhöhtem Speichelfluss und fahrigen Händen an der Schaufensterscheibe entlang gleitet - hinter der die farblich aggressiven Ballerinas raffiniert gut platziert auf Kundenfang gehen - leicht ums Zigfache. Ein gut geschulter Verkäufer wittert da sofort leichte Beute und wird auf die Frage meiner Gattin, ob die Schuhe wirklich wie ausgepreist 80 Euro kosten, wie aus der Pistole kommend antworten: Selbstverständlich. Aber pro Schuh.
Da nützt auch kein gut gemeinter Hinweis meinerseits, dass doch ein gutes Paar gebrauchte Bundeswehrstiefel a) mit den kommunalen Stolperfallen heimischer Trottoirs viel besser zurecht kämen und b) ganz gewiss auch länger hielten als eine von mageren Lederstriemchen gehaltene Sohle. Ungehört verhallt des Gatten mahnende Stimme im von geschickten Marketingstrategen angelegten Labyrinth der Einkaufspassage.
Natürlich sind Schuhe ein überaus schlecht gewähltes Beispiel, denn ihnen lässt sich ja ein gewisser Nutzen kaum absprechen. In einen Hundehaufen treten ist barfuss gewiss nicht sehr erbaulich; da würde selbst ich eine maßlos überteuerte Ballerinasohle zu würdigen wissen, wenn sie nur genau in jener Situation zwischen meiner Planta pedis und den tierischen Ausscheidungen zu finden wäre. Und ob man nun aber eher zu den erwähnten robusten Stiefeln greift, oder eben zu den einem längeren Nutzungszeitraum ungebührlich widersprechenden Ballerinas, hängt stark von der Sichtweise des Verbrauchers ab. Der Nutzen eines Produktes ist oft allein nicht das Maß dieser Dinge, solange das Erzeugnis nur toll glitzert, nach Neuem riecht und in verschlossenen Glasvitrinen angeboten wird. Was eben bei gebrauchten Bundeswehrstiefeln nicht gängiger Verkaufsstandard ist.
Und Nutzen ist ja, genau wie auch der Geburtskanal, ein sehr dehnbarer Begriff. Im Auge des Betrachters liegt die Zweckdienlichkeit des zu erwerbenden Produktes, und die Kunst der Werbung besteht per Definition darin, das blinde Fleck des Kundenauges genau über der Sinnlosigkeit des Produktes zu platzieren. Wobei jetzt wiederum ein Streit darüber zu führen wäre, ob nicht allein der Produktion von Schund ein tiefer Sinn inne liegt, da er doch dem Teil der Arbeitnehmerschaft, welcher den Tand produziert, ein Einkommen zusichert, welches er gleichsam gewiss zu einem Gutteil dann wieder in Krempel investiert. Die Marktwirtschaft als ein sich in Abgründe bewegendes Perpetuum mobile.
Überhaupt ist die Behauptung, welche ich im ersten Absatz aufstellte, im Nachhinein mir sehr überlegenswert. Denn sehr wohl betrachte ich die Waren, welche glanzvoll und mit Fantasienamen ausgestattet meine Standfestigkeit in Bezug auf deren Käuflichkeit sturmreif schießen wollen. Und ich gebe zu, es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man mit leerem Portemonnaie oder mehr oder weniger gut gefüllter Börse widersteht. Denn je weniger man finanziell abgepolstert ist, umso anziehender scheinen die materiellen Dinge zu sein. Das allein ist die Triebfeder, die den Menschen als Produktivkraft stets Gewehr bei Fuß stehen lässt. Ein dickes Sparbuch gewährt einem also die Freiheit zu erkennen, dass man eben nichts von dem braucht, was man angeblich braucht, wenn das Sparbuch nicht mehr als leere Zeilen enthält.
Kein Geld haben ist wie ein zu enger Slip. Geld haben bequeme Boxershorts. Und durchs Leben gehen lässt sich eben besser, wenn's nicht ständig vorn und hinten kneift. Da mag man zwar den Autor dieser Zeilen einen miesen Materialisten schimpfen. Doch in den annähernd 50 Jahren meines Lebens habe ich noch nicht einen Menschen kennen gelernt, der mich diese Zeilen hätte anders formulieren lassen. Und doch lieber eine Stunde über Geld nachdenken, als eine Stunde für Geld arbeiten. So ein Zitat des amerikanischen Bankiers John Davison Rockefeller. In diesem Sinne war mir das Schreiben dieser Kolumne ein besonderes Vergnügen.
Blumengebinde, Bargeld und Beschwerden bitte an:
kolumnistenschwein [ät] theintelligence.de




