Auch ein WM-Aus ist nur Teil des elektromagnetischen Spektrums
Ich bin Brillenträger. Was mein Leben überdurchschnittlich bereichert. Denn so eine Brille gewährt seinem Träger das Dasein mächtig rüttelnde Vor- wie auch Nachteile. Nachteilig wäre vor Allem zu benennen, dass man sich unter widrigen Umständen - Trunkenheit oder auch die ganz normale Verwirrtheit gänzlich ohne jeglichen Einfluss entmenschender Getränke - dann und wann auf seine Brille setzt. Was der Brille, sobald diese besetzt wird, selten gut tut. Brillenbügel sind keine Deutsche Eichen. Es sind nur zerbrechliche Leiharbeiter an der Seite von weniger oder auch - wie in meinem Falle - mehr ergrauter Schläfen. Die im Bunde mit den Ohren arbeitenden Stützen für über 60 Prozent der deutschen Bundesbürger, welche ohne Brillenbügel zum Monokel greifen müssten.
Doch Monokel sind - wie auch Monarchie und kohlebetriebenes Bügeleisen - vollkommen zurecht in den verstaubten Archiven der Deutschen Geschichte verschwunden. Monokel waren ja zu Kaisers Zeiten unverkennbar nicht nur dazu da, seinem Besitzer zu Durch- und Weitsicht in der allgegenwärtigen völkischen Konfusion zu verhelfen, sondern galten auch gemein hin als ein Statussymbol, was man in ungefähr so verstand, dass, wer ein Monokel trug, zwar von dieser Welt war, aber ebenso in dieser einen Stand einnahm, welcher irgendwo zwischen gehobenem Bürgertum und Gott seinen Anteil an Raum und Zeit beanspruchte. Wäscherrinnen trugen dagegen selten Monokel und Kohleträger ebenso. Die trugen eher schwer an Diphtherie und Tuberkulose, und wer da als Prolet krank und siech auf dem von der gesamten 12köpfigen Familie in Schichten genutzten Bette lag - das trübe Auge hinter einem auf Hochglanz poliertem Monokel versteckt - der war nicht nur eines frühen Todes, sondern dazu auch des innerfamiliären Spottes. Armut und Humor müssen ja nicht unbedingt einander immer ausschließen. Auch aus den aus Glas und Beton geformten und oft in den Randbezirken stehenden Katakomben der Neuzeit kommen dann und wann fröhliche Gesänge. „Einer geht, einer geht noch rein..." und alle drei Strophen des Deutschlandliedes zeigen auch noch nach 3 Uhr und bei weit geöffnetem Fenster: es muss nicht immer Schampus sein. Auch ein Kasten Oettinger steckt voller guter Laune.
Da lobe ich mir doch dementsprechend das Binokel, also die heute gebräuchliche Brille, da diese als Sehhilfe nicht nur Klassenunterschiede verwischt und uns zumeist doch sehr preisgünstig uns unsere Nachbarn und auch die meisten Druckerzeugnisse erkennen lässt (Das Kleingedruckte in Telefon- und DSL-Anbieter-Verträgen erkennt man auch mit Brille nicht. Dies ist allerdings gut durchdachtes System und somit nicht den scheinbaren optischen Unfähigkeiten der gerade vom Augenarzt verschriebenen Brille anzulasten!).
So eine Brille ist auch Anlass für manchen Scherz und grobgeistigen Unfug. Gern erinnere ich mich nämlich daran, dass ich, nachdem ich erstmals eine Brille verpasst bekam, ich diese geschwind nach Hause trug und just vor meiner auf dem Sofa sitzenden Gattin aufsetzte, um ihr dann gleich zu sagen, dass ich, wenn ich dieses vorher gewusst hätte, ich sie nie geheiratet hätte. Da war über den ganzen Nachmittag bis in den späten Abend hinein soviel Frohsinn in der Bude, dass hätten selbst zwei Kästen Oettinger nicht hingekriegt.
Doch das Allerbeste an einer Brille ist, dass man sie, sobald die gesellschaftliche Missgestalt in Form von politisch Verbeulten oder Haustürgeschäftemachern einem gegenüber tritt, man diese einfach absetzt. Und im nu werden aus den scharfkantigen unliebsamen Gestalten der Zeitgeschichte so verwaschene, watteweich ausgefranste Knuddel-Figuren wie das Teigmännchen von Knack&Back, die man einfach nur herzen und drücken will. Fehlende Dioptrien als Katalysator tiefster Nächstenliebe.
Und genauso werde ich es heute halten, wenn die Spieler der Deutsche National-Elf bei ihrem WM-Auftakt-Spiel in Südafrika ohne Stolz und ohne Monokel torlos übers Spielfeld gurken, als hätte es in Afrika niemals Deutsche Kolonien gegeben. Ich werde mich einfach auf meine Brille setzen und im Beisein der verdutzen vorm TV-Gerät versammelten Familie mit Schmackes in der Stimme Schiller zitieren: "Es gibt im Menschenleben Augenblicke..."
Womit ich diesen Halbsatz dann allerdings beende, weiß ich momentan noch nicht.




