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Sie rufen "Heil!" vor meinem Fenster, doch ich gucke nicht raus

kolumnistenschwein_150Nur den Hauch eines Augenblicks bekam meine Idee, mich für das höchste politische Amt im Land zu bewerben, als ihre watteweiche Heimstatt. Auch wenn mich der Gedanke, auf Kosten der Allgemeinheit Montags, Dienstags und Mittwochs im Schloss Bellevue zu logieren und am Donnerstag und Freitag und desgleichen das gesamte Wochenende in der Villa Hammerschmidt, sehr angenehm im Bereich des Hypothalamus massierte. Und man weiß ja, dass ein solcherart stimuliertes Hirnareal freiweg Endorphine produziert, welche wiederum dafür verantwortlich sind, dass unsereins sporadisch in gedankenloser Euphorie schwelgt. Doch dieses Hochgefühl wäre aber, an welchem Wohnort ich als Bundespräsident dann auch zu präsidieren gedächte, vollkommen fehl am Platze und bis in den stillsten Jauchzer hinein voller Trug.

Denn wo der zukünftige Bundespräsident auch geht und steht: überall lauern ölig glänzend die Fettnäpfchen, welche man mangels politischer und wirtschaftlicher Ideenlosigkeit über die Jahre hinweg randvoll füllte. Und ich bin vom Intellekt her einfach viel zu grobmotorisch - und zudem auch überhaupt nicht Willens - diesen von losem gesellschaftlichem Lebenswandel gemachten fettigen Pfützen auszuweichen. Und dann würde ich wahrscheinlich zur nächsten Neujahrsansprache die Dinge skrupellos benennen, die vom Hohen Amte bisher allenfalls nur gedacht worden sind. Was dann in etwa so klingen könnte, dass ich dem deutschen Volk zum 1. Januar des Neuen Jahres übers Fasten hinausgehendes Hungern und das Studieren der philosophischen Klassiker über mindestens eine ganze Dekade hinweg an den feisten Hals wünschte. Denn erstens studiert bekanntermaßen voller Bauch nicht gern, und zweitens, dass wir allesamt übers Nachdenken - wie einst schon die Philosophen Kant und Marx forderten - wieder zur Vernunft kämen. Denn wenn wir schon vor lauter billigem Blendwerk und Völlerei keinen anderen Sinn im Leben zu finden glauben, so sollten wir doch der nächsten Generation gefälligst die Gelegenheit geben, sich in einer möglichst gut erhaltenen Welt aufs Neue auf die Suche zu begeben. Die wollen doch schließlich im Notfall auch noch was zum kaputt schlagen haben.

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Ein solcher Typus Bundespräsident ist bei gemeinen Volk natürlich recht selten gut gelitten. Wer sein Volk hungern und lesen lässt, der kann seine Koffer in Schloss Bellevue alsbald packen und dahin ziehen, wo sich Fuchs und Hase "Gute Nacht!" sagen und davor vegetarische Kochrezepte austauschen. Selbst lesen lassen allein könnte schon genug Anlass geben, dem ersten Mann im Staate nicht das Innere und Äußere des Bundespräsidialamtes, sondern Dienstwagen samt Chauffeur zu streichen.

Bei solchen verdrießlichen Aussichten würde ich dann doch lieber den Großen Diktator geben, da Diktatoren beim einfachen Volke immerfort beliebt sind, solange diese Alleinherrscher nur dafür sorgen, dass es einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung immer ein gehöriges Maß schlechter geht, als dem völkischem Rest. Dieser Abstand sorgte doch noch von je her dafür, dass Jene, die darben, nicht darüber rebellieren, solange sie Jemanden haben, der noch dreimal derber darbt. Bücher würden also verboten und Leute, die Käse essen zur Randgruppe und gesellschaftlichem Freiwild erklärt. Dann hätten wir für jeden Missstand im Lande genügend Prügelknaben und ich hätte meine Ruh. RTLII wäre von mir berufener Staatsfunk und beim Bier striche ich die Mehrwertsteuer. Beim Volke wäre ich beliebt, außer bei denen, die mit Käse handeln.

Aber nein: die Vorstellung, ich würde mit Gattin und frisch gedrucktem Käseesser-Radikalenerlass Seit an Seit im Doppelbett liegen und vorm Fenster marschiert der Mob in Zehnerreihe - fackelbewehrt und von 19.00 Uhr an bis in die lichte Früh laut den Namen ihres unfehlbaren Führers skandierend - an unserem präsidialen Schlafzimmerfenster vorbei, ist nicht sehr angenehm. Schlecht schläft es sich nämlich, wo Schallwellen und Schatten im Gleichschritt über die Polizeistunde hinaus Ringelpiez mit Anfassen spielen. Da ließe ich ganz schnell misslaunig das Rollo herunter. Und ich ginge zu Bett, um mich an den Höhen und Tiefen der Präsidentinnengattin entlang - und des momentan noch gültigen Bundesgesetz entsprechend - völlig legal in den Schlaf zu tasten. Sie heißt ja schließlich Heike. Und nicht etwa Würde.


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  03.09.2010 The Intelligence
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