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Meine Psyche trägt das Kleid von Meyer-Landrut

kolumnistenschwein_150Ich bin niedergeschlagen. Also jetzt nicht körperlich von vielleicht Alkohol nicht gewachsenen Rabauken, die nicht selten auch schon in frühesten Tagesstunden ihrer relativen Alkoholunverträglichkeit zum Trotze dem Billigtrunk diverser Getränkediscounter gehörig zusprechen und dann abwechselnd Halt und Stunk suchen. Mehr seelisch schickte es mich auf die Bretter, welche zwar nicht die Welt bedeuten, aber doch fürs einzelne Subjekt härter als das Holz der Brasilianischen Walnuss sein können. Also genaugenommen auf die Dielen, aus welchem die raue Bretterbude der Realität zusammengezimmert ist, und an denen die Holzwürmer der Apokalypse sich bereits schamlos seit längerem die Bäuche voll schlagen.

Der Fachmann, welchem es leider zumeist an lyrischer Ader mangelt, nennt es trocken eine "depressive Verstimmung". Doch, so frage ich den in seinen Diagnosen aller Dichtkunst entsagendem medizinischen Insider, wie sollte man denn in Zeiten wie diesen nicht verstimmt sein?! Und wie sollte denn diese Verstimmung - im Halblicht der tagtäglichen Nachrichten begutachtet - nicht depressiv sein? Es fällt mir jedenfalls ungemein schwer, nach dem Lesen der Morgenzeitung in ansteckende Euphorie zu verfallen, welche sich unter anderem darin äußert, dass ich zeitungsschwenkend die Schlafzimmertüre aufreiße und meine noch schlummernde Gattin mit folgendem Satz wecke: "SCHATZ, ES LAUFEN IMMER NOCH PRO TAG 2 MILLIONEN LITER ÖL IN DEN GOLF VON MEXIKO UND IN CHINA GIBT ES IN DEN FABRIKEN, IN WELCHEN UNSERE HIGHTECH-PRODUKTE ZUSAMMEN GESCHRAUBT WERDEN, AUF GRUND DER WIDRIGEN ARBEITSBEDINGUNGEN MASSENSUIZIDE!", worauf wir beide uns um den Hals fallen und im Taumel dieses unfassbaren Glückes auf dem mit Konfetti bestreuten Bettlaken stundenlang herumhopsen. Sie in knielangem Nachthemd. Ich in mit Stachelbeerkonfitüre vollgekleckertem Taxi-Driver-Movie-Shirt.

Auch sprudeln in mir nicht Bäche von Glückshormonen, wenn ich auf seriösen Radiokanälen höre, dass sich etliche ins politische Tagesgeschäft eingebundene Abgeordnete darüber echauffieren, dass unser Bundespräsident seinen Landsleuten - wenn wahrscheinlich auch nur aus Versehen - endlich einmal reinen Wein einschenkte. Zumal seine Aussage, welche im Kern die Botschaft enthielt, dass Deutsche Soldaten auch für die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands weltweit kämpfen würden, nicht den Makel der Lüge im Sturmgepäck trägt. Nein, ohne jegliches Falsch schwappte aus dem präsidialen Munde die Bemerkung, welche dem, der sie nur reinen Herzens hören wollte, offenbarte, dass die Floskel von der "Freiheit am Hindukusch" durch den Political-Radebrech-Translator gejagt ja nichts anderes heißt, als dass zwischen Chitral und Gilgit Handelswege freigeschossen und Märkte okkupiert werden, auf denen man demnächst auch die Produkte veräußert, deren man sich in China als Arbeitnehmer wegen der bereits geäußerten Bedingungen vom Dach stürzt. Es ist doch mit Verlaub dümmlich zu nennen, wenn man einem Politiker, der, wenn auch wahrscheinlich irrtümlich, mit offenen Karten spielt, diesem aus den eigenen beruflichen Reihen rüdes Falschspiel vorwirft. So ein Tun ist - Empathie und ein Minimalstandard an Denke als gegeben gedacht - in mir nicht La-Ola-Wellen auslösend.

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Auch kann ich mir nicht vor Vergnügen die Schenkel blau schlagen, wenn ich darüber sinne, dass bei manchen Bundestagsitzungen und den darin zu beschließenden Gesetzestexten gerade mal eine Handvoll Abgeordnete im Plenarsaal verweilen, man also davon ausgehen darf, dass just bei solchen Abstimmungen mehr Lobbyisten als Parlamentarier im Hohen Hause zugegen sind. Meine Neigung zu Kicheranfällen hält sich jedenfalls in sehr, sehr engen Grenzen, wenn ich mir vorstelle, dass das Reichstagsgebäude Woche für Woche ganz real von überdurchschnittlich gut gekleideten Drückerkolonnen gestürmt wird. Wenn ich denn wirklich jemals übermäßig dekadent im Denken sein sollte, so dass ich der Meinung wäre, es bringe der Allgemeinheit ein Großes an Wohl und sei ein ungemeiner Glücksfall, wenn beispielsweise Vertreter der Pharmaindustrie im Bundestag säßen, so wähle ich doch nicht eine der etablierten Partein. Da schicke ich doch lieber gleich meinen Apotheker.

Doch es sind nicht allein diese Momentaufnahmen der Kacke, welche weltweit und rund um die Uhr am dampfen ist, welche meine Sinne trüb und meine Gedanken momentan über Gebühr schwer machen. Wehmütig macht mich besonders die Tatsache, dass ich ein Mitwisser bin, einer der begriffen hat, dass die Lösungen für alle Probleme nicht allein in den Händen von unfähigen, weil monetär vom System abhängigen Politikern liegen, sondern auch in den meinigen.

Denn ich bin derjenige, der den Tank seines Wagens mit Benzin füllt, und dessen Herstellung eben solche Opfer wie das Leck im Golf von Mexiko fordert. Jeder Tritt aufs Gaspedal tötet unzählige Kreaturen. Doch regt mich dieses nicht einmal ansatzweise so sehr auf, wie ein aus Gründen niedrigster Reaktionszeit nicht mehr zu umfahrendes Schlagloch.

Ich bin es, der mit einem Handy telefoniert, welches vielleicht in stickigen Hallen in einer 12-Stunden-Schicht von, mieser Arbeitsbedingungen wegen, suizidgefährdeten Asiaten montiert wurde. Mit jedem Gespräch, mit jeder SMS ritze ich an von gelber Haut umhüllter Pulsader. Worte können also sehr wohl töten.

Ich bin es, der alle vier Jahre in die Wahlkabine tritt um seine Stimme abzugeben, obwohl ich weiß, dass dieses politische und wirtschaftliche System uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den Abgrund trägt. Ich mache mein Kreuz also brav hinter dem Schrecken ohne Ende, obwohl das Ende mit Schrecken weit mehr Potential für die Zukunft hätte. Ich schlafe also mit der eigenen Frau um dabei an eine andere zu denken, dabei wäre es doch moralisch viel integerer, mit einer Anderen zu schlafen, und dabei an die eigene Frau zu denken. (Dieser Vergleich mag zwar hinken und erst nach vielen Nächten des Grübelns und Wälzens mit sich selbst mir noch nicht offenbarter Logik glänzen. Doch auf die Schräglage meiner gegenwärtigen Existenz gestellt, steht er ja auch wiederum irgendwie gerade.)

Dann und wann denke ich schon, es wäre für mich und um meiner Gesundheit Willen weitaus besser, ich würde mit den Billigbiertrinkern gemeinsame Sache machen und Abends sturzbetrunken in den Rinnstein sinken. Lallende Mitbürger bringen dem einfachen Manne sowieso erfahrungsgemäß mehr Spaß, als Kolumnisten, die die Schwärze des Seins mit dickem Pinselstrich in die Öffentlichkeit malen. Doch ich bringe es einfach nicht über mich, mich in volksnahe WM-Laune zu saufen, oder mich wenigstens weinselig ein klein wenig in Lena Meyer-Landrut zu verlieben.

Aber vielleicht sollte man ja solche Leute wie mich einfach mit einer Stimmungskanone erschießen. Und dann fix hinter der Mauer des Schweigens verscharren. Im besten aller Fälle im Schatten einer Brasilianische Wallnuss.


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  03.09.2010 The Intelligence
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