Deutschland, Deutschland ohne Alles

Der französische Romancier Honoré de Balzac schrieb vor Zeiten hernieder, dass die Einsamkeit schön sei, aber einen Menschen braucht, der einem immer wieder sagt, dass die Einsamkeit schön sei. Und auch ohne wohl jemals ernsthaft hoffen zu dürfen, gleichfalls einmal in die selbe Ruhmeshalle wie Balzac einzuziehen, möchte ich dennoch erwähnen, dass ich einst niederschrieb, dass Einsamkeit ist, wenn Du niemanden hasst. Beide Aussagen - wenn auch bei wahrscheinlich sehr ungleich gewichtetem Humanismus der Autoren - werden in Bälde in Deutschland gewissermaßen stofflich. Also fühlbar.
Weil der Deutsche, der einem sagen könnte, dass Einsamkeit schön sei, sofern man es einem nur immer und immer wieder sagt, und den man für dieses Zitieren ohne jegliche Autorennennung auch durchaus hassen könnte, dieser Deutsche stirbt aus. Denn die eisblütigen Statistiken offenbaren, dass Deutschland momentan die niedrigste Geburtenrate seit dem Zweiten Weltkrieg hat.
Klar: der Zweite Weltkrieg hatte unter anderem auch in der deutschen Bevölkerung enorme Lücken hinterlassen, die man aber sofort mit erheblichem Willen zum Wiederaufbau zu schließen begann. Wo man demnach vor wenigen Tagen noch für den Führer bumste, galt es nun sich zwischen Trümmern und mit in den Kniekehlen hängenden Mägen für Deutschlands Zukunft zu vereinigen. Wobei die vielen russischen Soldaten, so gab Großmutter in schwermütigen Stunden zwischen ihren Sätzen hörbar zu bedenken, gewissermaßen gern Starthilfe gaben. Sollte wohl in Richtung Enkel heißen, dass in meinem Blute - und dem Blut vieler anderer Deutscher der nachfolgenden Kriegsgenerationen - bestimmt der eine oder andere Schluck Wolgawasser schwappt. Was an sich mit diesem Wortgefüge nicht viel zu tun hat, außer der Annahme, dass uns die aufbaubetonte Wollust uns in den darauffolgenden Jahrzehnten unzweifelhaft irgendwie flöten ging, was in der Sache mit sich brachte, dass wir nun immer weniger Deutsche sind. Die Tendenz weist zum Zweitwagen. Zum Zweitdeutschen indes nicht.
Doch nicht nur, dass in unserem Lande nicht mehr willentlich gezeugt und geboren wird, auch, so wiederum die Statistiken, wandern weit mehr Menschen aus Deutschland aus als ein. Der Lebensraum im Osten, den Opa im Zweiten Weltkrieg noch mit Waffengewalt erobern wollte, nimmt der Deutsche sich heute mit Green Card und Visa. Wobei der gefühlte Osten jetzt mehr in der Schweiz, der USA und Österreich vermutet wird. Verständlich. Stalingrader Kessel klingt eben als neue Heimat keineswegs so verführerisch wie Jungfrauregion, Palm Beach oder auch Kaiserwinkl.
Doch wenn sich jetzt eventuell auch manch Leser im Schulterzucken übt und denkt, dass es ihm doch nur recht sein könne, wenn seine Nachbarn endlich auswandern würden, da es doch dann zu guter Letzt bei ALDI an den mit Billigangeboten verzuckerten Tagen Montag und Mittwoch nicht mehr so voll sei, so sei dem Schulterzucker hiermit gesagt: da bricht nicht nur der unsympathische Mitmensch weg. Da schwindet auch die Jugend, die unsereins, also den Alten und Greisen in Lauerstellung, demnächst die Kopfkissen aufschütteln und den nach aller Schonkostkunst zubereiteten Brei reichen soll. Denn während Wandern seit jeher die Domäne der Ergrauten ist, so ist das Auswandern vornehmlich eine von subjektiv verstandener Ökonomie gesteuerte Fortbewegungsart der Jugend. Und Breireicher wie auch Kopfkissenaufschüttler zahlen zudem Steuern, was, zahlen sie diese Steuern wegen Nichtanwesenheit nicht, auch der strengen Obrigkeit missfällt. Denn irgendwer muss ja auch diese von der Hände Arbeit entbundene Oberschicht ernähren.
Doch nicht nur die Quantität der Auswanderung, bzw. der aktiven Zeugungsverweigerung gibt Anlass zur Sorge. Etliche Bürgermeister in den bereits fast vollständig entvölkerten Landstrichen von Sachsen-Anhalt können ein Lied mit vielen Strophen darüber singen, dass da nur noch blieb, von dem man hofft, dass dies sich bloß nicht vermehrt, und sich dort nur noch vermehrt, von dem man ersehnt, es wandere bald aus.
Und sollte nun ein Gemeindevorsteher jener bezeichneten Gegend seine Fäuste schütteln und giften, all meine Behauptungen seien nicht wahr, so bitte ich ihn mir zum Beweis einen körperlich und geistig wohlgeratenen Jugendlichen zwischen 18 und 20 zu schicken. In der Porzellanfabrik, in welcher ich wirke, suchen wir nämlich für dieses Jahr noch dringend einen Azubi.









